Mehr Menschen, mehr Diskussionen: Flüchtlinge kommen auch nach Nordhessen

+
Mehr als drei Jahre nach Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien wird die Lage der Flüchtlinge immer dramatischer. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Nordhessen. Konfliktregionen der Welt führen Region mehr und mehr Asylbewerber zu. Jetzt gab's auf einem Infotermin Prügel für einen Bürgermeister.

Region. Kippt die Stimmung oder handelt es sich um einen Einzelfall in Sachen Aufnahme weiterer Asylbewerber?Nach einer Info-Veranstaltung in  Niederelsungen zum Thema Unterkünfte für Asylbewerber wurde Wolfhagens Bürgermeister Reinhard Schaake  beleidigt und geschlagen.Zuvor hatte Schaake um Verständnis dafür geworben, dass man sich nicht vor den Krisenherden der Welt verschließen dürfe und mit der Betreuung von Asylbewerbern im Landkreis gute Erfahrungen gesammelt hatte.  Es sei bedauerlich, dass die Nöte der vor Krieg, Verfolgung und Hunger flüchtenden Menschen und die notwendige Solidarität der Staaten, in denen Frieden und Wohlstand herrscht, nicht von allen Bürgern im Landkreis Kassel akzeptiert werden meint Landrat Uwe Schmidt:

"Die besonnene Reaktion von Bürgermeister Reinhard Schaake und die große Zustimmung bei den Bürgern in Niederelsungen ist ein Beispiel dafür, wie die Menschen bei uns im Landkreis Kassel denken und handeln".Und weiter: "Die Gemeinden im Landkreis Kassel haben eine lange und gute Tradition, Menschen aus anderen Ländern zu integrieren und dies soll auch in Zukunft so bleiben", verweist Landrat Uwe Schmidt auf die bis ins 17. Jahrhundert zurückgehende Geschichte von Flüchtlingsaufnahmen im Landkreis. Schmidt: "Was mit den Hugenotten und Waldensern gelungen ist und was nach dem Zweiten Weltkrieg an Integration geleistet wurde, ist ein sehr gutes Beispiel für gelebte Weltoffenheit und etwas worauf wir alle stolz sein können".Mit Blick auf die aktuell wieder steigenden Zahlen im Bereich der Asylbewerber und Flüchtlinge erinnert der Landrat an die Zeit der Aufnahme von Asylbewerbern und Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien in den Jahren 1993-1996. Zu dieser Zeit waren um die 3.000 Menschen in Gemeinschaftsunterkünften im Kreis untergebracht. "Damals sind bei der Betreuung dieser Menschen Fehler gemacht worden  – wir haben aus diesen Fehlern gelernt und kümmern uns heute intensiv um die zurzeit rund 680 bei uns lebenden Asylbewerber", informiert Schmidt. Der Kreis werde dabei von den vielen ehrenamtlich Engagierten unterstützt und auch seitens der Bürgermeister der kreisangehörigen Kommunen sei man bereit, bei der Suche nach möglichen Unterkünften zu helfen.Schmidt weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es bereits "sehr viele" Landkreise in Hessen gäbe, die sich aus der Betreuung der zugewiesenen Asylbewerber "verabschiedet haben und die vom Land Hessen geschickten Menschen einfach nach Einwohnerproporz auf die kreisangehörigen Kommunen verteilen". Diese Praxis wolle der Landkreis vermeiden, weil "wir unsere Kommunen nicht alleine lassen werden", betont der Landrat.

+++So ist die Lage in der Stadt Kassel+++

In Kassel steigt der Bedarf an Flüchtlingsunterkünften. 432 Plätze sind es derzeit in fünf Heimen  im Stadtgebiet (Villa Seeberg, Haus Germandi, Druseltal, Jägerkaserne und Heinrich-Steul-Schule). Jetzt ist geplant, das ehemalige Schwesternwohnheim des Kinderkrankenhauses Park Schönfeld für 120 weitere Flüchtlinge herzurichten.Insgesamt werden im Jahr 2014 476 Flüchtlinge erwartet – damit läge die Nachfrage über dem derzeitigen Angebot. Wöchentlich kommen um die 20 neue Flüchtlinge dazu.

+++So ist die Lage im Werra-Meißner-Kreis+++

Auch die Gemeinden im Werra-Meißner-Kreis müssen zunehmend mehr Asylbewerber aufnehmen. Leben hier zur Zeit 350 Flüchtlinge, kommen für das zweite Halbjahr noch 190 Personen hinzu.

"243 Menschen sind momentan in Gemeinschaftsunterkünften und 107 in Wohnungen in Neu Eichenberg, Hessisch-Lichtenau, Witzenhausen, Großalmerode, Bad Sooden Allendorf, Herleshausen, Eschwege und Weißenborn untergebracht", erläutert die zuständige Fachbereichsleiterin Ilona Friedrich.Durch den anhaltend  starken  Anstieg  der Flüchtlingszahlen war es bereits in Eschwege notwendig geworden, ein weiteres Heim für Hilfe suchende Flüchtlinge zu schaffen.Als Landrat Stefan Reuß  die 65 Bewohner besuchte,  wurden ihm schockierende und bewegende Berichte erzählt."Wer  die  Nachrichten über die Krisengebiete der Welt aufmerksam verfolgt,  der  kann  nachvollziehen, dass  die  Zahl  der Flüchtlinge noch weiter  steigen  wird,  deshalb  wird  auch  der  Werra-Meißner-Kreis weitere  Betroffene  aufnehmen.  Wir  wollen  dabei  darauf  achten, dass dies möglichst konfliktfrei geschieht und die Menschen die Möglichkeit bekommen, sich bei uns zu integrieren."

+++So ist die Lage im Schwalm-Eder-Kreis+++

Derzeit leben im Schwalm-Eder-Kreis 783 Flüchtlinge und Asylbewerber, die in fünf Gemeinschaftsunterkünften in Homberg, Schwalmstadt und Spangenberg sowie in 15 Wohnungen im gesamten Landkreis untergebracht sind. Bis zum Ende des Jahres 2014 sollen weitere 387 Flüchtlinge aufgenommen werden. Bisher hat der Kreis eine Gemeinschaftsunterkunft für 30 Personen in Neukirchen angemietet und will je nach Bedarf nach weiteren Unterbringungsmöglichkeiten suchen.

+++So ist die Lage im Landkreis Kassel+++

Aktuell betreibt der Kreis eigene Gemeinschaftsunterkünfte in der Pommernanlage in Wolfhagen-Gasterfeld (174 Plätze belegt), im "Rosengarten" in Vellmar (33 Plätze belegt) und in der "Rotten Breite" bei Nieste (23 Plätze belegt). Außerdem gibt es noch von Privaten betriebene Gemeinschaftsunterkünfte in Fuldatal (90 Plätze belegt), Helsa (37 Plätze belegt) und Trendelburg (17 Plätze belegt).

+++Kritik von Vertretern der Landkreise und der FDP+++

"Das Land Hessen kommt nach wie vor nicht seiner Finanzierungsverantwortung für die Leistungen für Asylbewerber nach", stellt Vize-Landrätin Susanne Selbert fest. Der Landkreis Kassel habe seit 2009 rund neun Millionen Euro mehr für die Betreuung, Unterbringung und Versorgung der zugewiesenen Asylbewerber aufgebracht, als vom Land erstattet  wird.

"Da das Land keinerlei Initiativen zu einer adäquaten Finanzausstattung der Landkreise und kreisfreien Städte unternehme, werden sich "die Schulden des Landes bei uns 2014 weiter um mindestens 250.000 Euro erhöhen", rechnet Selbert vor.

Kommt jetzt der große Flüchtlingsgipfel? Die FDP-Fraktion im Hessischen Landtag fordert die Einberufung eines solchen Gipfels. Hierzu erklärte der Fraktionsvorsitzende der FDP, Florian Rentsch: "Angesichts der Kapazitätsengpässe in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen sowie den Problemen bei der Unterbringung im Anschluss in den Städten und Gemeinden, ist es an der Zeit, mit allen Beteiligten gemeinsam eine rasche Lösung zu erarbeiten. Die Probleme haben sich zwischenzeitlich so zugespitzt, dass wir die Landesregierung auffordern, einen Flüchtlingsgipfel einzuberufen, der die drängendsten Fragen endlich lösen soll."Weiter erklärte Rentsch: "Die Städte und Gemeinden sind auf diesen Zustrom von Flüchtlingen nicht hinreichend vorbereitet." Gemeinsam solle daher beraten werden, welches integrationspolitische Konzept konkret in Hessen verfolgt wird. Auch müsse die Landesregierung in diesem Zusammenhang mit den betroffenen Städten und Gemeinden ein finanzielles Konzept erarbeiten. "Zudem ist der Flüchtlingsgipfel der richtige Rahmen, um – wie auch vom Hessischen Städte- und Gemeindebund gefordert – einen Generalplan festzulegen, der für eine geordnete und zügige Verteilung der Flüchtlinge in die Fläche sorgt." Abschließend: "Die  Landesregierung muss einsehen, dass die zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel bei weitem nicht ausreichen.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Kassel: Sneaker-Fans feiern neue Sapato-Heimat

Natürlich mit viel tamm tamm, aber auch mit nachdenklichen Tönen.
Kassel: Sneaker-Fans feiern neue Sapato-Heimat

Täter gesucht: Opfer setzt sich in Karlsaue zur Wehr

Ein 32-Jähriger wurde am Freitagmittag in der Karlsaue Opfer eines versuchten Raubes. Der Täter konnte zwar in die Flucht geschlagen werden, wird aber nun von der …
Täter gesucht: Opfer setzt sich in Karlsaue zur Wehr

EXTRA TIP-Flohmarkt brachte nicht nur neue Weihnachtsgeschenke unter den Baum

Erneut fand der EXTRA TIP-Kindersachenflohmarkt statt und lockte zahlreiche Familien, Großeltern oder werdenende Eltern aus der Region in die Hallen 1 und 2.
EXTRA TIP-Flohmarkt brachte nicht nur neue Weihnachtsgeschenke unter den Baum

Kassel in den 50ern: Neuer Bildband mit Eberth-Fotos erschienen

100 Fotografien dokumentieren ein lückenhaftes Stadtbild. Der neue Bildband „Kassel im Aufbruch – Die 50er Jahre“ zeigt die Stadt zwischen Wiederaufbau und neuem …
Kassel in den 50ern: Neuer Bildband mit Eberth-Fotos erschienen

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.