Mieten und Kaufen ist teuer geworden: "Wohnraum in Kassel ist knappes Gut"

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Wolfram Kieselbach (Vorsitzender der Haus & Grund Eigentümer-Gesellschaft), Dr. Willi Hilfer (Vorsitzender des Mieterbundes Nordhessen) und dessen Geschäftsführer Folker Gebel (v.li.) trafen sich in der Redaktion des EXTRA TIPs mit Volontärin Antonia Paul, um über die aktuelle Lage auf dem Kasseler Wohnungsmarkt zu sprechen.

EXTRA TIP Interview: Zwei Experten erklären die Lage auf dem Kasseler Wohnungsmarkt und geben Prognosen für die Zukunft ab.

Kassel. Günstiger Wohnraum ist derzeit ein knappes Gut in Kassel. In den vergangenen fünf Jahren sind die Kauf- und Mietpreise für Immobilien stark angestiegen. Doch warum ist das so? Und was kann und müsste gegen diese Entwicklung getan werden? Der EXTRA TIP hat mit den Experten Dr. Willi Hilfer, Vorsitzender des Mieterbundes Nordhessen e.V. und Wolfram Kieselbach, Vorsitzender der Eigentümerschutz-Gemeinschaft Haus & Grund gesprochen.

ET: Woran liegt es, dass die Quadratmeterpreise in den vergangenen fünf Jahren so stark angestiegen sind?

Hilfer: Entgegen der Prognosen hat die Stadt Kassel in den vergangenen Jahren einen großen Bevölkerungszuwachs erlebt. Die Wirtschaft hier entwickelt sich gut, es gibt genügend Arbeitsplätze, die Uni wächst und Kassel nahm Geflüchtete auf. Dazu kommen allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen, wie die Tatsache, dass es immer mehr Singlehaushalte gibt. So wird der Wohnraum knapp und knappe Waren werden zwangsläufig teurer.

ET: Was hat sich aufgrund dieser Entwicklung auf dem Kasseler Wohnungsmarkt getan? 

Hilfer: Es wurde jedenfalls zu wenig getan, um die Nachfrage bedienen zu können. Vor zwölf Jahren gab es in Kassel noch viel Leerstand, mittlerweile haben wir Vollvermietung.

ET: Wurde hier zu spät reagiert? 

Kieselbach: Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt sind schwer vorauszusehen. Die Kasseler Wohnungsbaugesellschaften reagieren auf die Nachfrage, aber Bauprojekte nehmen nun einmal viel Zeit in Anspruch und der Baugrund, den die Stadt zur Verfügung hat, ist knapp.

Laut Dr. Willi Hilfer, Vorsitzender des Mieterbundes Nordhessen, gibt es in Kassel viel zu wenig Wohnungen für den Mittelstand und finanziell schwächere Schichten.

Hilfer: Der Fehler besteht darin, erst dann zu bauen, wenn der Bedarf bereits da ist. Derzeit in den Neubau zu investieren, ist nötig aber auch riskant, weil nicht voraussehbar ist, wie lang die starke Nachfrage nach Wohnraum in Kassel noch anhält. Der Wohnungsmarkt ist eine Daueraufgabe, der man sich auch stellen sollte, wenn die Nachfrage nicht so hoch ist.

Kieselbach: Es wäre tatsächlich sinnvoll gewesen, vor einigen Jahren in Immobilien zu investieren. Jetzt, wo um Wohnraum gerungen wird, sind die Preise hoch.

ET: Was bedeutet das für den einzelnen Mieter?

Hilfer: Wer sich eine Stadtvilla leisten kann, hat in Kassel kein Problem. Da gibt es keinen Mangel. Für Singles und Familien mit mittlerem oder niedrigem Einkommen ist es jedoch fast unmöglich, in einer guten Lage bezahlbaren Wohnraum – oder gar eine Eigentumswohnung – zu finden. Der Mix aus hochpreisigen und günstigeren Angeboten stimmt nicht.

Wolfram Kieselbach, Vorsitzender der Haus & Grund Eigentümer-Gesellschaft, sagt, dass höhere Förderungen und finanzielle Anreize nötig seien, um den sozialen Wohnungsbau in Kassel voranzutreiben.

Kieselbach: Das liegt daran, dass auch die Anforderungen an das „mittlere“ Wohnsegment gestiegen sind. Die Wohnungen sollen energieeffizient, möglichst barrierefrei und dabei auch noch günstig sein. Das ist bei steigenden Kosten für Baugrund, Arbeiter und Steuern kaum möglich und für Vermieter wenig rentabel. Hier müsste die Politik ansetzen und Bauherren und Vermietern etwa steuerlichen Anreize bieten. Dann würde auch mehr sogenannter sozialer Wohnraum geschaffen werden.

ET: Ist Ihrer Einschätzung nach ein Ende des Preisanstiegs in Sicht? 

Hilfer: Anzeichen für einen Rückgang der Nachfrage nach Wohnraum in Kassel gibt es derzeit nicht. Wenn die städtischen Wohnungsbaugesellschaften nun schnell reagieren und sich zum Bau von öffentlich geförderten Wohnraum bekennen, könnte der Anstieg zumindest gebremst werden. Einige Bauprojekte, wie etwa das Martiniquartier im Westen, sind Ansätze, um dem Bedarf zu begegnen.

Kieselbach: Die Betonung liegt hier auf der öffentlichen Förderung. Die muss vom Kasseler Stadtbaurat vorangetrieben werden, um den Preisanstieg zu stoppen. Mietpreise wie noch im Jahr 2000 wird es in Kassel wohl nie wieder geben, aber eine Obergrenze beim Quadratmeter-Mietpreis gibt es durchaus.

Hilfer: Die ist dann erreicht, wenn der Preis so hoch ist, dass man die Immobilie nach ein paar Jahren dafür auch kaufen könnte.

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