"MindDoc": Psychologe Dr. Manuel Ortmann aus Kassel über die neue Online-Therapie

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Bernhard Backes, therapeutischer Leiter von MindDoc, bei der Online-Therapie aus Sicht eines Patienten.

Ab sofort können sich Menschen mit Depressionen, Essstörungen oder Burnout ihren ambulanten Therapieplatz bundesweit suchen – und müssen doch das Haus nicht verlassen. „MindDoc“ ist die einzige Online-Therapie, die eine vollwertige ambulante Behandlung über das Internet anbietet. Die Therapiesitzungen erfolgen über eine verschlüsselte Videokonferenz. Dahinter steht Deutschlands größter Anbieter stationärer Psychosomatik, die Schön Klinik.

Kassel. Auch in Hessen gibt es jetzt insgesamt gleich acht MindDoc-Kooperationspartner für das persönliche Erstgespräch. Einer von ihnen ist Dr. Manuel Ortmann aus Kassel. Der Dipl-Psychologe promovierte an der Universität Koblenz-Landau über das Thema Perfektionismus und Burnout-Syndrom. Neben seiner Praxis in der Friedrich-Ebert-Straße ist er klinisch tätig als Leitender Psychologe der Schön Klinik Bad Arolsen (Fachzentrum für Psychosomatik). Wir sprachen mit ihm über das Mind-Doc-Programm.

Seit wann sind Sie bei MindDoc dabei und was waren die Beweggründe mitzumachen? 

Erfolgreiche Therapie braucht oft kein Wartezimmer. Ich kooperiere seit etwa zwei Jahren mit MindDoc und führe insbesondere Erst- bzw. Diagnostikgespräche für die Online-Therapie durch. Es ist wichtig, dass jeder Patient zu Beginn persönlich gesehen und gründlich abgeklärt wird, ob die beklagten Beschwerden auch im Rahmen einer Online-Therapie behandelt werden können. Ich kenne die Schön-Klinikgruppe seit vielen Jahren und bin immer wieder von den guten Behandlungsergebnissen beeindruckt, deshalb war ich schnell bereit, als Kooperationspraxis mitzumachen. Gibt es erste Erfahrungen/Reaktionen Ihrer Patienten? Das relativ neue Angebot der Online-Therapie ist wissenschaftlich fundiert und scheint zu funktionieren. Zahlreiche Studien und Reviews belegen die Wirksamkeit und Effizienz von internetbasierten Interventionen über unterschiedliche Störungsbilder, Behandlungssettings (Begleitung per Chat, Mail, Video, etc.) und Patientengruppen hinweg. Auch die Rückmeldung von Patienten ist durchweg sehr positiv. Hier ist insbesondere die zusätzliche Therapieunterstützung zwischen den Therapiesitzungen durch Online-Inhalte hervorzuheben.

Beim Blick auf Ihre Patienten: Wie viele (prozentual) kommen für eine Online-Therapie in Frage?

Etwa 2/3 der ambulanten Patienten sind für eine Online-Therapie geeignet.

Gibt es Krankheitsbilder, die besser für die Online-Therapie geeignet sind als andere? 

Die Therapieform ist insbesondere für Patienten geeignet, die unter depressiven Beschwerden leiden. Eine Depression kann dann vorliegen, wenn längere Zeit Anzeichen von Niedergeschlagenheit, Interessensverlust bestehen und nichts mehr Freude bereitet. Aber auch das Burnout-Syndrom kann eine Indikation zur Online-Therapie sein – wenn Arbeit zur Qual wird, erhebliches Leid verursacht und das Gefühl von Ausgebranntheit erzeugt. Ein weiteres wichtiges Krankheitsbild, welches sich gut im Rahmen der Online-Therapie behandeln lässt, ist die Essstörung. Bei einer Essstörung ist essen oder nicht essen kein natürliches Bedürfnis mehr, das durch Hunger und Sättigung bestimmt wird. Vielmehr wird die Nahrungsaufnahme oder Nahrungsverweigerung von starken Emotionen, wie Angst, Schuld bzw. Schuldgefühlen, Scham oder Gier gesteuert oder auch von inneren Anspannungszuständen. Hier sollte aber kein extremes Untergewicht eine Rolle spielen, der sogenannte Body-Mass-Index nicht unter 17 liegen.

Weniger gut geeignet ist die Online-Therapie bei Angst- oder Zwangserkrankungen oder traumatischen Störungen.

 

Welcher Typ Patient kann am ehesten auf eine Online-Therapie zurückgreifen?

 All diejenigen, für die digitale Kommunikation mittlerweile ein fester Bestandteil ihres Lebens geworden ist. Durch die relativ flexible Termingestaltung und dadurch, dass auch zwischen den Einzelsitzungen an therapeutischen Inhalten gearbeitet werden kann, eignet sich die Online-Therapie gut für berufstätige Menschen. Insbesondere Menschen auf dem Land profitieren von dem Angebot, da die psychotherapeutische Versorgung in Deutschland regional sehr unterschiedlich ist. Diese Lücke kann die Online-Therapie schließen. Auch bei eingeschränkter Mobilität aufgrund einer krankheits- oder altersbedingten körperlichen Einschränkung kann die Online-Therapie eine Alternative sein. Vereinzelt fragen auch Patienten nach, die in einer psychischen Krise sind, aber wissen, dass z.B. beruflich bedingt ein Wohnortwechsel ansteht. Hier liegt eine natürliche Stärke des Angebots, da der Online-Therapeut „überall hin mitgenommen werden kann“ und so eine kontinuierliche Behandlung möglich ist.

Wie Mind Doc funktioniert

Ein persönliches Erstgespräch ist Voraussetzung für eine Online-Therapie. Wenn dieses Gespräch ergibt, dass die Online-Therapie eine geeignete Behandlungsoption ist und alle erforderlichen Unterlagen vorliegen, bucht der Patient seinen ersten Online-Therapietermin direkt selbst. Die Zugangsdaten für die MindDoc-Plattform erhält er per Email. „Wir haben Patienten, die planen ihre Therapiesitzungen gern in die Mittagspause, andere bitten um Termine, wenn die Kinder abends im Bett sind. Auch vielen unserer Therapeuten gefällt diese Flexibilität in der Arbeit sehr, wie sich gezeigt hat“, berichtet Bernhard Backes, therapeutischer Leiter von MindDoc. Eine Einschränkung gibt es am Ende aber doch: Zumindest derzeit ist die Online-Therapie noch keine Regelleistung, eine Kostenübernahme erfolgt bislang für die Versicherten der BARMER, AXA, ARAG und anderer privater Krankenkassen.

400 Patienten in Therapie

„Für Patienten ist es wichtig zu erkennen, ob es sich bei den verfügbaren Online-Angeboten um ein vollwertiges Behandlungsangebot oder nur um eine beratende App gegen Verstimmungen handelt“, erklärt Bernhard Backes, therapeutischer Leiter von MindDoc. Vor gut einem Jahr startete die Online-Klinik mit Sitz in München aus einem Forschungsprojekt heraus. Mittlerweile sind bundesweit mehr als 80 approbierte Psychotherapeuten für MindDoc tätig. Rund 400 Patienten haben bereits eine Online-Therapie über MindDoc absolviert, entweder als reine ambulante Behandlung oder als unterstützende Maßnahme nach einem stationären Aufenthalt. „Unsere Erfahrung zeigt, dass viele Patienten erst durch die Online-Behandlung überhaupt Zugang zu einer qualifizierten Psychotherapie bekommen“, sagt Backes. „Sei es, dass sie in ländlichen Gegenden wohnen, wo der Weg zum nächsten freien Therapieplatz viel zu weit ist oder dass sie beispielsweise als Schmerzpatient aufgrund ihrer Symptomatik kaum das Haus verlassen können.“ Nicht zuletzt sei es auch für die Psychotherapie einfach an der Zeit, sich an die veränderten Strukturen und Gewohnheiten der Betroffenen anzupassen, so Backes. Denn: 80 Prozent aller Menschen in Deutschland sind täglich online, zugleich verlangen Berufs- und Privatleben heutzutage große Flexibilität.

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