Mitarbeiter sollen bespitzelt worden sein: Kasseler Edel-Hotel dementiert die Vorwürfe

Die ehemaligen Mitarbeiter des La Stradas. Sie schildern den Arbeitsalltag mit Mobbing, Kontrollen des Chefs und demütigendem Verhalten.
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Die ehemaligen Mitarbeiter des La Stradas. Sie schildern den Arbeitsalltag mit Mobbing, Kontrollen des Chefs und demütigendem Verhalten.

Das Kasseler Hotel ist für sein edles Ambiente bekannt – doch schon einige Zeit gilt es als offenes Geheimnis in der Stadt, dass die Mitarbeiter hinter den Kulissen nicht so edel behandelt werden sollen.

Kassel. „Die Bezahlung ist für Quereinsteiger überdurchschnittlich – doch hat man seine neue Stelle im La Strada erst einmal angetreten, merkt man schnell, warum“, erzählen mir neun ehemalige Mitarbeiter im Alter von 20 bis 56 Jahren. Scheinbar können so immer wieder neue Mitarbeiter angeworben werden, denn kaum ein Angestellter scheint es dort lange auszuhalten oder wird schnell wieder vor die Tür gesetzt. Von den Mitarbeitern, die mir ihre Erlebnisse schildern, war der längste eineinhalb Jahre im Unternehmen. Oftmals schafft man es – so schildern es die Betroffenen – nur bis zur Probezeit bevor man gekündigt wird. Sie haben sich an unsere Zeitung gewandt, um von einer Geschichte hinter der Hotelrezeption zu erzählen: Von Mobbing, Kontrolle, Extra-Geld für Spitzel und sexueller Belästigung. Die Vorwürfe der Ex-Mitarbeiter, die alle in unterschiedlichen Bereichen des Hotels gearbeitet haben, sind heftig: So sollen neben demütigenden Äußerungen im Meeting und abendlichen Kontrollen von Mails der Mitarbeiter auch Sätze vom Hotel-Chef Hotel-Chef Herbert Aukam gefallen sein wie „Hier haben Sie 300 Euro. Davon kaufen Sie sich mal ein Kleid, was ein bisschen enger sitzt“ über „Flirten ist Chefsache“ bis hin zu übermäßigen Komplimenten, privaten Einladungen zum Abendessen und Spitznamen wie ‚Häschen‘ und ‚Kleine‘.

Das Arbeitsklima in diesem Hotel sei bekannt, so die ehemaligen Mitarbeiter, die schildern, dass sie ihren Job und die Aufgaben eigentlich sehr gerne gemacht haben. Doch die herrschende Atmosphäre im Betrieb und die ständige Personalnot habe es einem kaum möglich gemacht, die Arbeit zufriedenstellend zu erledigen. „Man wusste morgens nicht, ob man abends noch seinen Job hat. Mitarbeiter wurden auf Kollegen angesetzt und erhielten Geld in die Hand gedrückt, um diese auszuhorchen. Es wurde generell vom Chef unterstellt, dass man faul sei“, wird erzählt. So sollte eine jüngere der Betroffenen nach vier Wochen im Betrieb abends zum Chef ins Büro kommen und bewerten, wer als nächstes gekündigt werden sollte. „Die Situation war jeden Abend sehr unangenehm. Ich war immer allein mit ihm und er legte mir die Hände auf die Schultern, aber auch auf den Oberschenkel. Ich war wie erstarrt und musste mir dann noch Sprüche anhören.“ In der Zeit von September 2019 bis Ende Februar haben laut den Aussagen der ehemaligen Mitarbeiter 21 Personen das La Strada verlassen. Etliche davon sollen gekündigt worden sein. „Es wird mehr Wert darauf gelegt, die Leute wieder loszuwerden, als sie vernünftig einzuarbeiten. “

Das sagt der La Strada-Chef

Ich konfrontiere Herbert Aukam mit den Anschuldigungen, die er allesamt entschieden von sich weist: Bespitzelung, Beleidigung, Demütigung – das alles sei ein vollkommen indiskutables Verhalten gegenüber Mitarbeitern. „Diese Vorwürfe entbehren jeder Grundlage.“ Die Anschuldigungen träfen ihn persönlich und machen ihn regelrecht fassungslos, ist in seiner Stellungnahme zu lesen. Im La Strada gebe es Mitarbeiter, die schon seit vielen Jahren bei ihm beschäftigt seien, die sich „mit dem La Strada durchaus identifizieren“. Gleichzeitig gebe es immer wieder „Phasen einer höheren Fluktuation. Und nicht immer trennen sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber vollkommen einvernehmlich.“ Als Beispiel nennt er den Versuch, ein internes Verkaufs-Call-Center aufzubauen. Nachdem dieser Versuch gescheitert war, habe er sich von mehreren Angestellten trennen müssen. Aukam bezeichnet sich als „Hotelier aus Leidenschaft“. Mit 80 Jahren sitze er noch täglich am Schreibtisch und führe dieses Unternehmen persönlich. Ein gutes Betriebsklima sei ihm sehr wichtig.

Im Hotel La Strada sollen Mitarbeiter gemobbt worden sein.

Ich sei herzlich eingeladen, mir selbst ein Bild zu machen und schon am nächsten Tag betrete ich das edel wirkende La Strada. Ich werde von der Personalleitung abgeholt und zu Herbert Aukam ins Büro geführt. Entgegen der Schilderungen der ehemaligen Mitarbeiter werde ich nicht allein mit ihm im Büro gelassen – im Gegenteil. Im Zuge des Gesprächs lässt seine Personalleitung nach und nach Mitarbeiterinnen reinrufen, die mir erzählen, wie ‚super‘ die Arbeit ist und wie ‚faul‘ und ‚unfähig‘ die Mitarbeiter waren, die sich an mich gewandt haben müssen. Aukam vermutet, dass sich die ehemaligen Mitarbeiter, rächen wollen. „Solchen Anfeindungen war ich noch nie ausgesetzt“, so Aukam. Auf meine Fragen, warum es denn dann aber so viele negative Berichte im Internet zu lesen gibt, die teils aus 2011 stammen, erhalte ich keine Erklärung. Gerne erzählt er stattdessen, wie viel Geld er privat in ‚seine Mädchen‘ steckt, damit sie sich angemessene Kleidung kaufen oder zum Friseur gehen können. So erfahre ich beispielsweise, dass ‚die kleene Dicke‘, die damals beim Vorstellungsgespräch so ‚verlottert ausgesehen habe‘, nach einem Shoppingtrip mit der Personalleitung mittlerweile aber noch immer im Betrieb und zufrieden sei. „Erzähl dem Mädchen (damit bin ich gemeint) doch mal, wie es hier ist zu arbeiten...“ Alle vorgeführten Mitarbeiterinnen loben ihren anwesenden Chef in den höchsten Tönen. Verabschiedet werde ich mit „Nicht, dass wir Ihnen den Betrieb jetzt so schmackhaft gemacht haben, dass Sie hier anfangen wollen...“

 

EXTRA INFO: Das sagt die Gewerkschaft

Auf Nachfrage bestätigt der Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten Region Nord- und Mittelhessen, Andreas Kampmann, dass „Herr Aukam in der Vergangenheit so seinen ‚gewissen Ruf‘ bei uns hatte. Wer nicht mehr in sein Konzept passte, wurde ausgemustert. Bei der Bezahlung ist es so gewesen, dass er über den Branchenschnitt zahlt(e). “ Was können Arbeitnehmer gegen Mobbing am Arbeitsplatz tun? Andreas Kampmann erklärt dazu folgendes: „Bei Mobbing empfehle ich, dass sich der Betroffene täglich Notizen macht, also ein ‚Mobbingtagebuch‘ führt, da bei einer Klage sehr substanziell bewiesen werden muss, wann wer was wie gemacht hat. Die Rechtsprechung ist hier noch nicht weit fortgeschritten. Letztendlich ist häufig der Ratschlag der, dass es besser ist, die Stelle zu wechseln, weil der Druck für den Betroffenen zu groß ist.

 

 

Kommentar von Nadja Feldle

"Es beginnt beim Namen"

„Dieser Arbeitgeber ist einer der Arbeitnehmer unfreundlichsten, die es gibt. Wöchentlicher Mitarbeiterwechsel, weil man es dort nicht länger wie ein paar Wochen aushält“ schreibt ein ehemaliger Angestellter des Verkaufs auf der Bewertungsplattform kununu – die Bewertung ist von 2011. Viele weitere Negativberichte folgen, es kann also nicht nur an den Mitarbeitern liegen, die sich an mich gewandt haben, oder? Das La Strada gilt als eines DER Hotels der gehobenen Klasse in Kassel. Und doch scheint es hier seit Jahren unterirdisch zugegangen zu sein. In der Stadt und nordhessischen Hotelbranche waren die Zustände scheinbar ein offenes Geheimnis... Herbert Aukam rühmt sich damit, wie viel privates Geld er in ‚seine Mädchen‘ steckt und auch das Gehalt zahlt er überdurchschnittlich. Doch das kann nicht aufwiegen, wie viel man sich dort scheinbar gefallen lassen muss. Ich glaube Herrn Aukam, dass er großzügig Geld an seine Vorzeigemitarbeiter verteilt und dies gerne tut. Soll er machen. Ich glaube aber auch die Schilderungen der ehemaligen Mitarbeiter, dass diese Vorzeigedamen dann im Gegenzug ein genaues Auge auf die anderen werfen und dem Chef berichten. Denn Herr Aukam weiß sehr viel. Nicht nur das unverblümte Ausplaudern privater Infos (‚Die lebt ja in Scheidung und braucht das Geld‘) hat für mich einen fahlen Beigeschmack, sondern auch der in meinen Augen respektlose Sprachgebrauch Herrn Aukams. Er könne sich halt nicht alle Namen merken. Daher also ‚die kleene Dicke‘ oder ‚die Lange‘. Bei den häufig wechselnden Mitarbeitern kein Wunder...

Ihre Meinung? Schreiben Sie mir an nadja.feldle@ks.extratip.de.

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