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Müll, Lärm und zunehmende Kriminalität im Vorderen Westen: „So einen Sommer wollen wir nicht nochmal“

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Von: Marcel Ehrig

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Auf der Friedrich-Ebert-Straße im Vorderen Westen: Steffen Müller (Grüne) ist seit neun Jahren Ortsvorsteher im Stadtteil Vorderer Westen.Foto: Ehrig
Auf der Friedrich-Ebert-Straße im Vorderen Westen: Steffen Müller (Grüne) ist seit neun Jahren Ortsvorsteher im Kasseler Stadtteil Vorderer Westen. © Ehrig

Partylärm auf der Friedrich-Ebert-Straße ist nichts Neues. Doch das ist mittlerweile nur noch eines der vielen Probleme im Vorderen Westen: Schlägereien, Gewalttaten und Müll häufen sich und sorgen dafür, dass Menschen aus dem Stadtteil ziehen. Wir haben mit Ortsvorsteher Steffen Müller (Grüne) über die Gründe und Gegenmaßnahmen gesprochen.

Kassel Erst im Januar wurden zwei Jugendliche unter Vorhalt und Bedrohung mit einer Schusswaffe ausgeraubt. Was ist los im „schönsten Stadtteil“ von Kassel? Wir haben mit Ortsvorsteher Steffen Müller (Grüne) gesprochen.

Herr Müller, fühlen Sie sich unsicher im Vorderen Westen?
Nein, für mich ist das kein Angstraum, ich gehöre aber auch nicht zur Gefahrengruppe. Wir hatten hier allerdings viele sexistische und rassistische Übergriffe. Das hat eine Dimension angenommen, die wir so vorher nicht hatten.

Insbesondere Anwohner der Friedrich-Ebert-Straße klagen über Müll, eine nie dagewesene Geräuschkulisse am Wochenende, Kriminalität und aggressive Partygäste.
Viele der Probleme sind ja nicht neu, haben sich aber im Zuge der Pandemie verschärft. Den Leuten fehlt der Raum um Party zu machen, so ist der Vordere Westen auch mit seinen Parkanlagen im letzten Sommer zum Treffpunkt geworden. Und wenn viele Menschen aufeinandertreffen, gibt es Konflikte, prallen Meinungen aufeinander, eskalieren Situationen – gerade unter Alkoholeinfluss. Es ist noch kein Gefahrenschwerpunkt, aber jeder Fall macht Angst und verunsichert.

Es wird also besser, wenn die Clubs aufmachen und die Menschen dort einen draufmachen können?
Das wird spannend zu sehen sein. Aber dadurch, dass Clubs wie das New York, A7, Club 22, Lolita Bar geschlossen waren, fehlten zum Teil 5.000 Menschen ein Ort zum Feiern. Leute aus der Stadt, aber auch aus dem Landkreis, sind dann auf der Friedrich-Ebert-Straße zusammengekommen. Die Hauptprobleme sind die Lautstärke und das Unsicherheitsgefühl.

Warum gerade der Vordere Westen?
Warum in einem Sommer die Goetheanlage, im anderen wiederum die Beckett-Anlage beliebter ist, scheint keinen besonderen Grund zu haben. Mit dem Umbau der Friedrich-Ebert-Straße haben wir uns im Vorderen Westen einen Ort mit einer hohen Aufenthaltsqualität geschaffen, das dürfen wir uns nicht nehmen lassen.

Wie geht es Ihnen, wenn Ihnen Menschen erzählen, dass sie den Stadtteil wegen den genannten Problemen verlassen?
Das nimmt mich mit. Eine Anwohnerin hat mir einen langen Brief geschrieben und erklärt, dass sie einfach nicht mehr kann. Und sie war stets engagiert, hat sich eingebracht, ist also keine Person gewesen, die nur meckern wollte.

Viele Anwohner fordern verschiedene Verbote, zum Beispiel an bestimmten Plätzen keinen Alkoholkonsum zu gestatten. Das bringt rein gar nichts, wenn es nicht eine Instanz gibt, die das regelmäßig kontrolliert. In der Goetheanlage gibt es seit rund zehn Jahren ein Alkoholverbot, gebracht hat es nichts. Und auf der Friedrich-Ebert-Straße funktioniert das schon mal gar nicht. Die Studierenden dürfen sich im Penny dann kein Bier holen und sich auf den Annaplatz setzen, der Gutverdiener mit seinem Aperol-Spritz aus der Bar dann aber schon – wo kommen wir denn da hin? Und Drogenhandel, Schlägereien etc. sind ohnehin verboten, da muss man keine Extraverbote einführen.

Viele äußern aber, sie hätten das Gefühl, der Alkoholkonsum der Feiernden sei gestiegen, das Verhalten dadurch maßloser.
Das stimmt, aber ein generelles Verbot wird das auch nicht ändern. Jeder hat ein Recht auf Rausch und seit jeher ist es doch so: Da wo gefeiert wird, gibt es auch Menschen, die es übertreiben. Gerade sind diese aber besonders sichtbar, weil sie, wie anfangs beschrieben, keinen ‚geschützten Raum‘ zum Feiern haben.

Braucht es mehr Präsenz von Ordnungskräften und der Polizei?
Das wäre eine Möglichkeit, die heiß diskutiert wird. Aus anderen Städten weiß ich, dass die bloße Anwesenheit für mehr Ordnung sorgt. Kaum jemand wirft seine Bierflasche auf den Boden oder fängt eine Prügelei an, wenn fünf Meter weiter ein Polizeiwagen steht.

Wie gehen andere Städte mit einer ähnlichen Problematik um?
In Mannheim gab es sehr gute Erfahrungen mit einem Nachtbürgermeister. Der muss aber am besten auch in der Partyszene bekannt sein, respektiert werden und dementsprechend auftreten – also nicht bei jeder Kleinigkeit hinter den Leuten herrennen und Knöllchen verteilen. Die Idee ist spannend, da diese Stelle aber ehrenamtlich kaum zu leisten ist, muss sie ausgeschrieben werden, was wiederum dauert.

Es gibt auch eine Arbeitsgruppe, die sich mit den Problemen beschäftigt. Wie sieht die Arbeit dort aus?
Wir haben mehrere Untergruppen gegründet, die sich mit den verschiedenen Problemorten beschäftigen. Da wurde erstmal geschaut: Was sind eigentlich die Probleme hier? Warum gibt es diese? Wie können diese gelöst werden? Wenn sich herausstellt, dass in einer Ecke besonders viel gedealt wird, weil es dort dunkel ist, muss dieser Ort eben beleuchtet werden – um ein Beispiel zu nennen.

Wie geht es jetzt weiter?
Jetzt geht es darum, die Ansprechpartner, zum Beispiel von der Stadt, mit ins Boot zu holen und dann konkrete Maßnahmen auf den Weg zu bringen. Voraussichtlich Ende März wird es dann eine größere Sitzung geben, um Maßnahmen beschließen zu können. So einen Sommer wie letztes Jahr wollen wir hier nicht nochmal.

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