Mutter Lissi führte Lothar Kirscht aus dem brennenden Inferno der Kasseler Innenstadt

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Lothar Kirscht hat die Hölle überlebt. „Ich bin dem Teufel von der Schippe gesprungen“, sagt er.

Die Moltkestraße. Eine kleine Verbindungsstraße zwischen Unterer Königsstraße und Mauerstraße. Alte Fotos zeigen die schöne Bebauung, die auf reges Leben dort schließen lässt. Wenn man sich die Fotos ansieht, die nach der Bombennacht des 22. Oktober entstanden sind, dann sieht man eine einzige Trümmerwüste.

Kassel.  Es steht kein Haus mehr, keine Fassade. Aus diesen Trümmermassen, glaubt man, konnte kein Mensch lebend entkommen sein.

Lothar Kirscht aber hat die Hölle überlebt. Zusammen mit seiner Mutter. Er war am 17. Mai 13 Jahre alt geworden. An seinem Geburtstag war die Edertalsperre zerstört worden. Ein böses Omen fürs neue Lebensjahr? An diesem 22. Oktober, Lothar Kirscht wohnt mit seiner Mutter Lissi und Vater Paul, der aus dem Ersten Weltkrieg schwer kriegsversehrt ist, der nach einem Kopfschuss nur noch auf einem Auge sehen kann, im Haus Moltkestraße 12, das der Großvater gekauft hatte. Vater Paul ist Bäckermeister, im Erdgeschoss sind Betrieb und Laden angesiedelt. Besonders seine Käsetorte ist in der Stadt gefragt.

An diesem 22. Oktober hat Lothar noch die Uniform der Hitlerjugend an, als am Abend die Sirenen ertönen. Die drei gehen in den Keller. Wann die Sprengbombe das Nachbarhaus Nummer 14 zerfetzt – es lässt sich nicht rekonstruieren. Die Familie flieht durch die Mauerdurchbrüche in den Kellern Richtung Königsstraße. Endstation ist zunächst das Haus Nummer 4.

Die Aufnahme von 1925 zeigt das Haus Moltkestraße 12 der Familie Kirscht.

Der Luftschutzwart warnt: In der benachbarten Lebensmittelhandlung Döring lagern Ölfässer, wenn die in Brand geraten, ist alles aus. „Ihr müsst durchs Feuer!“ mahnt er. Und meint damit: Raus aus dem Keller und über die brennende Moltkestraße. Die drei folgen dem Rat, hängen sich nasse Bettdecken um und schaffen es tatsächlich, durch das Inferno draußen und in den Keller des Hauses auf der anderen Straßenseite zu gelangen.

Auf dem Lageplan gelb markiert: Das Haus in der Moltkestraße, aus dem Lothar Kirscht und seine Mutter Lissi in der Bombennacht flüchteten.

„Wir drei waren die einzigen, die entkommen sind. Vielleicht noch der Luftschutzwart. Alle anderen sind bis zur Unkenntlichkeit verbrannt,“ erinnert sich Lothar Kirscht heute. Und erst Jahrzehnte nach den Ereignissen wird ihm bewusst, was er im Keller gegenüber, im Haus Moltkestraße 5, gesehen hat. „Da saßen um einen großen runden Tisch Leute. Mir ist erst später bewusst geworden, dass die schon tot waren.“ Erstickt. Denn es gibt kaum noch Sauerstoff, eine Kerze verlischt, in höchster Not greift jemand zur Spitzhacke und haut ein kleines Loch in die Wand. In der Hitze leiden die Augen, die Augenflüssigkeit trocknet aus, man muss die Lider mit den Händen bewegen. Die Sauerstoffnot lässt Mutter und Sohn bewusstlos werden. Anders als bei so vielen Menschen in dieser Nacht ist es kein Schlaf für immer. Wie durch ein Wunder wachen die beiden nach acht Stunden wieder auf.

Auch dieses Foto zeigt die Moltkestraße. Und das Ausmaß der Zerstörung.

 Mutter Lissi und Lothar zwängen sich durch das viel zu kleine Loch, wissen schon nicht mehr, wo der Vater abgeblieben ist. Lothar ruft nach ihm – „aber das war ja nur ein Krächzen.“ Im Hof ist ein Torbogen, der einzustürzen droht. Die Mutter rennt los, bringt sich in Sicherheit. Mittlerweile sind Rettungskräfte unterwegs, die Lissi in Empfang nehmen. Lothar traut sich nicht, der Mutter zu folgen, er zögert. Das ist sein Glück. Der Torbogen bricht zusammen, wäre er hinter seiner Mutter hergerannt, hätten ihn die Trümmer erschlagen. Die Rettungskräfte holen ihn, Mutter und Sohn sind wieder zusammen. Und der Vater? „Wir haben geahnt, dass er tot ist,“ sagt er. Die beiden ziehen durch die zerstörte Stadt zum Friedrichsplatz, dort spült man ihnen die Augen mit Borwasser.

Weiter geht es zum Bahnhof Wilhelmshöhe, dort in der Nähe hat eine Tante ein Haus, dort können sie Unterschlupf finden. Am nächsten Tag findet ein Onkel, der in der Innenstadt nach Paul Kirscht sucht, die Leiche. Sieht das winzige Loch in der Wand, durch das Lissi Kirscht und ihr Sohn Lothar gekrochen sind. Und findet es unvorstellbar, dass man seinen Körper durch solch ein Mauseloch zwängen konnte. Als die beiden wieder transportfähig sind, geht es nach Löhlbach im Waldeckischen. Dort hat ein Vetter der Mutter einen Bauernhof, hier findet man Ruhe bis zum Kriegsende.

In der Moltkestraße blieb kein Stein auf dem anderen. Das Haus der Familie ist komplett zerstört, wie die anderen Häuser auch. Lothar Kirscht lebt heute in Kaufungen. Die Bombennacht beschäftigt ihn immer noch und immer wieder. „In der Nacht bin ich mit 13 Jahren zum Mann geworden,“ sagt er. Und mit Blick auf das Flammeninferno und den Fluchtweg: „Ich bin dem Teufel ein paar Mal von der Schippe gesprungen.“

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