Die Nacht des Grauens: Werner Siebert wird sie nie vergessen

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Die Flakbatterie im Süsterfeld: Sie lag in direkter Nachbarschaft zum Haus von Familie Siebert.

Der damals 12-jährige Werner Siebert wird die Bombennacht niemals vergessen können. Dem EXTRA TIP erzählte er von seinen Erinnerungen an die Nacht des Grauens.

Kassel. Für die Kinder, die die Bombennacht des 22. Oktober 1943 erlebt haben, sind die Ereignisse unvergesslich, egal, ob man sie im Zentrum des Infernos in der Kasseler Altstadt überlebt hat oder in den Randbezirken der Stadt. Und die meisten Zeitzeugen, die heute noch leben, waren im Oktober 1943 Kinder.

So wie Werner Siebert. Für den zwölfjährigen Jungen gehört der Krieg schon lange zum täglichen Leben. Immer wieder gibt es Fliegeralarm – und die Bedrohung ist für die Familie, die im Spessartweg in Süsterfeld lebt, täglich sichtbar. Die Flak ist dort stationiert – erst auf dem Gelände der heutigen documenta urbana. Die Stellung ist noch gar nicht fertig – da wird sie auch schon weitgehend zerstört, einige Soldaten sterben. Die neue Flakbatterie steht dann in direkter Nachbarschaft; etwa hundert Meter vom Haus der Sieberts entfernt.

Die Kinder der Siedlung besuchen die Besatzung der Stellung oft, zu der gehören auch russische Kriegsgefangene, die, so erinnert er sich, gut behandelt wurden und sich frei bewegen konnten.

Die Angst vor Bombenangriffen belastete den Alltag. Werner Sieberts Mutter Martha lauscht jeden Abend am Fenster in den Himmel hinein, wartet auf die bekannten Fluggeräusche. Und es gab weitere Indizien für heraufziehende Gefahr: Wenn im nicht allzu weit entfernten Henschel-Flugmotorenwerk in Altenbauna das Brummen der Probeläufe verstummte, wenn die Alarmschellen an den Geschützen rasselten – dann wurde es bedrohlich.

Als der Fliegeralarm an diesem Tag ertönt, es ging in den Keller des eigenen Hauses, die Handgriffe saßen, auch die Kinder hatten schon eine Routine entwickelt. Werner Siebert und sein ein Jahr jüngerer Bruder trugen die zweieinhalbjährige Schwester in einem Wäschekorb nach unten, stellten sie unter einem stabilen Waschtisch ab. Die Mutter brachte Essbares mit und das Sanitätsköfferchen. Vater August blieb vorm Volksempfänger sitzen, wartete auf neue Luftlageberichte. Der ältere Bruder, 16 Jahre alt, ist nicht zuhause. Er war im Hitlerjugend-Dienst in seiner Berufsschule in der Hohentorstraße in der Altstadt. Irgendwann kommt der Vater in den Keller und sagt: „Das geht nicht gut, die Luft ist voll Gebrumme.“ Frauen aus der Nachbarschaft kommen in den Keller – niemand will allein bleiben.

Und dann geht es los. „Man hörte nur noch Explosionsgeräusche, die Flak schoss unaufhörlich.“ Obwohl das Haus am Stadtrand steht, spürt man die Druckwellen der Explosionen auf den Ohren. In unmittelbarer Nachbarschaft gehen zwei Sprengbomben und eine Luftmine hoch. Dachziegel, Glassplitter, alle möglichen Gegenstände fliegen umher, die Kellertür wird aus der Verankerung gerissen und knallt gegen eine Wand. Niemand wird verletzt.

Für Werner Siebert gehörte früher der Krieg zum Alltag.

Die Frauen schreien, erinnert sich Werner Siebert, manche spricht ein Stoßgebet, die Kinder schluchzen. Allmählich aber wird es ruhiger. Die Flak schießt nicht mehr, aufatmen im Keller. Man traut sich auf die Straße – in Sorge um die Nachbarn. Doch die Siedlung hat Glück. Sachschäden gab es einige – aber die Menschen hatten überlebt.

Doch das Glück kann sich auch wenden. Das passiert den Sieberts zum Jahresende 1944. Erneut ein Bombenangriff, diesmal wird das Haus zerstört – zum Glück für die Familie war es unbewohnt, denn die Sieberts waren in alle Winde zerstreut. Mutter und Schwester in Krauthausen (in der Nähe von Creuzburg/Thüringen), der Vater ist Soldat in Bad Hersfeld, der ältere Bruder wurde mit 17 Jahren Soldat. Werner Siebert und sein jüngerer Bruder kommen im Januar 1944 in die Kinderlandverschickung, erst in Laisa (Kreis Waldeck-Frankenberg, zum Schluss in Vöhl). Komplett vereint wird die Familie nie mehr sein. Vater August kommt im August 1945 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurück zu Frau, Tochter und den beiden Söhnen. Der Älteste, Karl-Heinz, schreibt im Januar 1945 noch einen Brief, abgestempelt in Bernkastel-Kues. Es ist das letzte Lebenszeichen. Karl-Heinz gilt seitdem als vermisst. Werner Siebert wohnt nach einem langen Berufsleben (als Stukkateurhandwerker und im Justizvollzugsdienst) in Kassel. Seine Erinnerungen hat er, wie so viele seiner Generation, aufgeschrieben. Denn die Nacht des Grauens in Kassel hat keines dieser Kinder je vergessen können.

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