Nationalität unwichtig: Kein Ärger bei der Kasseler Tafel

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Der Vorsitzende der Tafel Kassel: Hans-Georg Noll.

Nach der Diskussion um die Essener Tafel, die derzeit nur noch Deutsche neu aufnehmen will, hat der EXTRA TIP den Vorsitzenden der Kasseler Tafel nach der dortigen Lage befragt.

Kassel. Wenig Freude hat der Vorsitzende der Tafel Kassel an der öffentlichen Diskussion um die Tafel Essen: „Hier wird ein politischer Streit auf dem Rücken der Betroffenen ausgetragen.“ In Kassel gibt es diesen Streit nicht. „Ich möchte daran erinnern, dass die Tafeln ins Leben gerufen wurden, um zu verhindern, dass Lebensmittel weggeworfen werden“, betont Hans-Joachim Noll, seit zehn Jahren im Vorstand der Tafel aktiv.

Mittlerweile sorgt die Tafel in Kassel dafür, dass 1.250 Haushalte mit 3.000 Personen zweimal im Monat Lebensmittel im Wert von sechzig Euro abholen können. „Wir müssen aufpassen, dass Personengruppen nicht gegeneinander ausgespielt werden“, so Noll weiter. „Hier geht es nicht darum, Hartz IV, Grundsicherung, Bafög oder Leistungen nach dem Asylrecht zu ersetzen. Die Tafel ist eine zusätzliche Leistung.“ 140 ehrenamtliche Mitarbeiter, vier schwerbehinderte, hauptamtliche Mitarbeiter und zwei Bundesfreiwilligendienstler sind dafür ständig unterwegs. „Jeder Ehrenamtliche ist einmal pro Woche im Dienst“, lobt Noll „seine“ Mitarbeiter.

Mit drei Fahrzeugen wird bei 65 Sponsorenfirmen Ware abgeholt, sorgfältig sortiert und hygienisch einwandfrei an die Kunden der Tafel übergeben. „Schließlich übernehmen wir die Verantwortung für die Ware, sind damit ein Lebensmittelgeschäft, das regelmäßig vom Ordnungsamt überprüft wird.“ Genau durchdacht ist die Verteilung der eingesammelten Waren. „Unsere Kunden bekommen eine zeitlich begrenzten Berechtigungskarte. Darauf ist verzeichnet, wie viel Personen zu dem Haushalt gehören, an welchem Tag zu welcher Uhrzeit sie zweimal pro Monat kommen können“, erklärt Noll das System. Auf der Warteliste stehen immer rund zweihundert Personen. Diese rücken nach, wenn Bedürftige sich abmelden, weil sie umziehen, Arbeit bekommen oder aus Scham nicht mehr zu Tafel gehen möchten.

Nach zehn Jahren Bezug ein Jahr aussetzen

„Mehr als 1.250 Haushalte können wir aber nicht unterstützen. Mehr Ware bekommen wir nicht“, weiß Noll aus langjähriger Erfahrung. Aber auch dafür wurde eine Lösung gefunden. „Wenn die Warteliste zu lang wird, gibt es einen sozialen Ausgleich. Nach zehn Jahren muss dann ein Haushalt, der so lange unterstützt wurde, ein Jahr lang aussetzen.“ Die Folge ist verblüffend. „Nur dreißig Prozent kommen wieder. Der Rest hat erkannt, dass es auch ohne Tafel geht“, so Noll.

Besonders stolz ist er darauf, dass es in den ganzen Jahren nie eine richtig harte Auseinandersetzung gegeben hat. „Natürlich regt sich mal jemand auf, will mehr, wird vielleicht auch beleidigend. Dann wird die Berechtigungskarte für einen Monat entzogen und es ist wieder Ruhe. Wir hatten in Kassel immer schon einen hohen Migrantenanteil, aber das interessiert hier niemand. Unterschiede zwischen den Menschen muss man eben aushalten. Um so ärgerlicher ist jetzt, dass dieses ganze dumme Geschwätz auf dem Rücken der Tafelkunden ausgetragen wird.“

Wie die Kasseler Tafel täglich arbeitet und wievielen Bedürftigen sie hilft, lesen Sie hier.

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