Naturschutzgebiet Dönche: Stress mit Hundehaltern und Querfeldein-Wanderern

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Die offiziellen Wege durch die Dönche wurden besser gekennzeichnet, die über die Jahre entstandenen Trampelpfade sollen nach und nach mit Heckenschnitt versperrt werden.

Das größte innerstädtische Naturschutzgebiet Hessens liegt in Kassel. Die Dönche wird von Biologen und Erholungssuchenden gleichermaßen geschätzt. Wenn auch nicht ohne Konflikte. Das soll jetzt besser werden.

Kassel.  Die Dönche ist Hessens größtes innerstädtisches Naturschutzgebiet. „Und das schwierigste, das wir beim Regierungspräsidium betreuen“, sagt Axel Krügener. Die Situation: „Viele Menschen bringen viele Probleme mit sich.“ Denn während Sport- und Erholungssuchende die Dönche gerne völlig frei durchstreifen möchten, geht es für die Aufsichtsbehörden darum, Lebensräume und die dort vorhandenen Arten zu schützen. Schon Trampelpfade bedeuten einen erheblichen Eingriff ins sensible ökologische System. „Vereinzelt wurden jetzt Trampelpfade mit Gehölzschnitt versperrt“, erklärt Reinhard Vollmer vom Forstamt Wolfhagen erste Maßnahmen der Besucherlenkung.

Aber es geht noch schlimmer. Stollenbereifte Räder, die sich durch die Wiesen fressen, Vandalismus und nächtliche Parties mit zurückgelassenem Müll sowie Feuergefahr durch verbotenes Grillen. „Freilaufende Hunde sind jedoch da größte Problem“, beklagt Axel Krügener. gerade jetzt während der Brut- und Setzzeiten seien herumstöbernde Hundeschnauzen eine echte Gefahr für Vögel und Wild. Auch ihre Hinterlassenschaften seien nicht nur ärgerlich, sondern auch gefährlich: So können beispielsweise die Schafe, welche die Landschaft der Dönche pflegen und erhalten, krank werden oder gar sterben, wenn sie den Kot aufnehmen. Seit Jahren versuche man Hundehalter für dieses Thema zu sensibilisieren. „Das gelingt uns nur bedingt“, sagt Axel Krügener.

VIDEO: KASSEL IST SCHÖN - Lieblingsort Dönche

Praxistest zeigte Schwächen auf

Für ein besseres Miteinander sollen ein neues Wegenetz und Besucherleitsystem sorgen. Denn beides stellte sich im Praxistest als überholt dar: Alina Kloss, damals Praktikantin der Oberen Naturschutzbehörde im Regierungspräsidium Kassel wurde von Axel Krügener gebeten, die im Erlebnisführer (siehe extra Artikel) beschriebenen Routen abzulaufen. Doch bereits beim Ablaufen der ersten Route scheiterte sie. Das Wegekonzept hatte sich im Laufe der Jahrzehnte selbstständig gemacht. Nicht nur die Beschilderung und Wegemarkierungen waren uneinheitlich, irreführend und veraltet. Durch die mittlerweile etablierten illegalen Trampelpfade ließ sich nicht mehr erkennen, welcher Weg „offiziell“ war und welcher nicht.

Erarbeiteten gemeinsam das Wegenetz und Besucherleitsystem: (v.li.) Kristin Gampfer (Naturpark Habichtswald), B.Sc. Alina Kloss (RP Kassel, Obere Naturschutzbehörde), Axel Kügener (RP Kassel, Obere Naturschutzbehörde), Uta Sarrazin (Untere Naturschutzbehörde, Stadt Kassel) und Reinhard Vollmer (Funktionsbeamter Naturschutz beim Forstamt Wolfhagen).

Wegen der problematischen Wegeführung, des hohen Nutzungsdruckes, und aufgrund der Verantwortung gegenüber Natur und Landschaft, den Arten und Lebensräumen wurde ein Besucherlenkungskonzept entwickelt, das ein Nebeneinander von Naherholung und Naturschutz möglich macht.

Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke dazu: „Immer mehr Menschen suchen in unserer hochtechnisierten Welt das Naturerlebnis“, sagte der Regierungspräsident. „Oftmals beschädigen sie dabei gerade das, was sie suchen. Deshalb freue ich mich sehr darüber, dass es durch die Aufmerksamkeit und das Engagement der oberen Naturschutzbehörde in meinem Hause und der vielen anderen Beteiligten gelingt, durch Lenkung und Information der Besucherinnen und Besucher der Dönche die Interessen auszugleichen“, so Lübcke.

Dönche-Führer lenkt die Blicke auf Schön- und Besonderheiten

Nicht nur Naturschutzbehörden beschäftigen sich mit dem FFH- und Naturschutzgebiet. Die Universität Kassel, vor allem die Fachbereiche der Biologie sowie der Landschaftsplanung, nimmt seit Jahrzehnten Untersuchungen und Forschungsarbeiten in der Dönche vor. Im Rahmen einer Bachelorarbeit befasste sich auch Anya Wichelhaus mit der Dönche und verfasste einen Erlebnisführer, der das Schutzgebiet mit all seinen Facetten sowie vielfältigen und besonderen Strukturen beschreibt und erläutert. Am Rande eines Vortrags über die Dönche in der Universität Kassel stellte Anya Wichelhaus dann Axel Krügener, der in der oberen Naturschutzbehörde beim Regierungspräsidium Kassel das NSG Dönche betreut, den Erlebnisführer vor. Er war auf Anhieb begeistert. In enger Zusammenarbeit mit Anya Wichelhaus, dem Naturpark Habichtswald, insbesondere Jürgen Deepenbrock und Kristin Gampfer, Hessenforst (Reinhard Vollmer) und der Stadt Kassel (Uta Sarrazin) wurden der Erlebnisführer und das Besucherlenkungskonzept aufeinander abgestimmt, verbessert und umsetzungsreif konkretisiert.

 Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke präsentierte mit der Buchautorin Anya Wichelhaus den „Erlebnisführer Dönche“.  

Führung am Himmelfahrtstag

Aufgrund des großen Interesses der Nachbarstadtteile Brasselsberg, Nordshausen, Helleböhn mit der documenta Urbana und Wilhelmshöhe laden die obere Naturschutzbehörde, der Naturpark Habichtswald sowie die Autorin Anya Wichelhaus für Donnerstag, 30. Mai, zu einer geführten Wanderung durch die Dönche ein. Treffpunkt ist um 11 Uhr vor dem Lokal „MicaS“, ehemals „Schöne Aussicht“, Heinrich-Schütz-Allee 214. Am Ende der Wanderung kann der Erlebnisführer gegen eine Schutzgebühr von fünf Euro erworben werden. Unabhängig davon ist das 100-seitige Buch im Format DIN A5 ab Montag, 27. Mai 2019, im Kasseler Naturkundemuseum, Steinweg 2, in Kassel und im Naturparkzentrum Habichtswald, auf dem Dörnberg 13 in 34289 Zierenberg erhältlich.

Geschichte der Dönche

Bis etwa 1935 waren die Flächen auf der Dönche in Privatbesitz und wurden als Weide- und Ackerland genutzt. Darauf folgte die militärische Nutzung als Truppenübungsplatz. 1983 wurde die Dönche erstmals im Bereich des Krebsbachtales mit etwa 35 ha als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Im Jahre 1995 erfolgte dann eine Vergrößerung des Naturschutzgebietes auf etwa 173 ha. Damit wurde das Naturschutzgebiet Dönche zum größten innerstädtischen Naturschutzgebiet in Hessen. Da in der Dönche seltene Biotope und Tier- und Pflanzenarten vorkommen, folgte 2008 zusätzlich die Ausweisung als FFH-Gebiet. Gemäß dieser „Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie“ (FFH-Richtlinie) wurde das Schutzgebiet an die Europäische Union gemeldet und ist damit ein Teil des europäischen Schutzgebietsnetzes „Natura 2000“. Auch die Schutzgebietsfläche wurde in diesem Zuge auf 207 Hektar erweitert. Doch nicht nur die unter Schutz stehende Fläche wurde erweitert, auch die Besucherquote stieg in den letzten Jahrzehnten immens an, denn die Dönche trägt viele Funktionen. Sie verbessert mit ihrer Klimafunktion die Luft der Großstadt Kassels, sie trägt eine Lebensraumfunktion für etliche besondere Tier- und Pflanzenarten und gilt als Relikt der Kriegszeit durch die von 1943 verbliebenden Bombentrichter. Zusätzlich dient sie jedoch auch als äußerst beliebte Naherholungsfläche und Grünoase für Erholungsuchende Anwohner und Ortsfremde.

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