„Nie vergessen“: Buch über Kasseler Stolpersteine erinnert an Schicksale

Einfühlsame Portraits: Das im euregioverlag erschienene Buch „Nie vergessen“ wurde von Verlagsleiterin Renate Matthei im Bürgersaal vom Kasseler Rathaus vorgestellt.

23 Porträts zeigen schonungslos, wie bedrückend die Realität und die Folgen der menschenverachtenden Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten waren. Selbst für eigentlich „angepasste“ Menschen.

Kassel. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“. Oft wird Gunter Demnig mit diesen Worten aus dem Talmud zitiert. Sie zeigen, was den Kölner Künstler bewegt: Mit Stolpersteinen macht und hält er die Erinnerung an Menschen lebendig. An Menschen, die Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes wurden: jüdische Bürger, Homosexuelle, politisch Verfolgte, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas und Opfer der Euthanasie - sie wurden vertrieben, denunziert, deportiert, vernichtet, ermordet.

Bei der Buchvorstellung im Rathaus: (v.li.) Renate Matthei, Geschäftsführerin euregioverlag, Ilona Friedrich, Bürgermeisterin Kassel, Joachim Boczkowski, Vorsitzender Verein Stolpersteine in Kassel e.V., Dr. Ralf Beinhauer, Vorstandsmitglied Kasseler Sparkasse, Dr. Eva Schulz-Jander, Ehrenbürgerin der Stadt Kassel und Christina Hein, Autorin.

In 23 einfühlsamen Porträts und einem Interview mit Gunter Demnig erinnert Christina Hein nun in ihrem aktuell im euregioverlag erschienen Buch „Nie vergessen“ (ISBN 9783933617859) an Menschen, für die Demnig in Kassel Stolpersteine verlegt hat. Es geht um Schicksale Einzelner und ganzer Familien. Um bekannte Persönlichkeiten wie Sara Nussbaum oder Dr. Felix Blumenfeld, der sich am 5. Januar 1942 das Leben nahm. In seinem erschütternden Abschiedsbrief an seine ins Ausland emigrierten Söhne legt der renommierte Kasseler Kinderarzt in großer Würde die Beweggründe für seinen Suizid dar, zeichnet zugleich ein Panorama der NS-getränkten Kasseler Gesellschaft seiner Zeit, schreibt Christina Hein: Blumenstein ertrug nicht länger die Erniedrigungen und Quälereien der Nationalsozialisten und wollte sich seiner Deportation und Ermordung durch NS-Schergen entziehen.

Dem Vergessen entreißen

Und es geht in Heins Porträts um jene, die erst dem Vergessen entrissen werden müssen, um Erinnerung zu ermöglichen. Sie alle waren einst Nachbarn, Freunde, Kollegen in der Stadt. Die Autorin betrachtet individuelle Schicksale hinter den Stolpersteinen. Ihre Porträts zeigen schonungslos, wie bedrückend die Realität und die Folgen der menschenverachtenden Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten waren. Selbst für eigentlich „angepasste“ Menschen. Mitläufer anfangs gar. So wird Hans Menges, Mitarbeiter im Staatshochbauamt Kassel und bereits früh Mitglied der NSDAP zum Opfer von Denunziantentum. Menges „Vergehen“: Er wurde nachdenklich. Hat ein kritisches Bewusstsein entwickelt, Mitleid und Verstand am Ende offen gezeigt. So weiß der Architekt als Behördenmitarbeiter etwa um die brutalen Folterverhöre der Gestapo. Seine Sympathie für die NS-Ideologie wird zunehmend brüchig. Er vertraut sich Kollegen an, spricht über seine Zweifel. Die denunzieren Hans Menges wiederholt und besiegeln damit sein Schicksal. Er kommt in Haft. Am 27.11.1944 wird Hans Menges in Brandenburg-Görden hingerichtet.

Christina Hein hat als Journalistin viele Stolpersteinverlegungen in Kassel begleitet. Intensiv spürt sie den Geschichten hinter den Steinen nach. Manchmal sogar auf der Basis persönlicher Kontakte zu einigen Familien der Opfer. Heins Porträts basieren dabei insbesondere auch auf den aufwendigen und wissenschaftlichen Recherchen und Gedenkblättern des Vereins Stolpersteine Kassel. Er ist wichtiger Motor und Wegbereiter des Projekts in der Stadt. Die Auswahl der Porträts ist, ja kann nicht repräsentativ für die Gesamtheit der Opfer des Nationalsozialismus sein. Doch die individuellen Schicksale zeigen eindringlich, dass das nationalsozialistische Unrechtsregime einen an Grausamkeit beispiellosen Genozid an den Juden verübte - und grundsätzlich Menschen vernichtete, die nicht in das menschenverachtende Weltbild passten, dieses kritisierten und gefährdeten.

Spuren der Erinnerung

Auf zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplättchen, die Gunter Demnig auf kleinen Betonquadern dort ebenerdig verlegt, wo die betroffenen Menschen ihre letzte frei gewählte Wohn- oder Wirkungsstätte hatten, sind Name, Geburtsdatum und, soweit bekannt, Todestag und ihr Schicksal graviert. Zur Ideologie der Nationalsozialisten gehörte, die Identität ganzer Gruppen auszulöschen. Stolpersteine stellen eine Verbindung zum einzelnen Menschen her, zum Ort, an dem er gelebt hat, an dem schließlich ein Verbrechen geschah. Spuren der Erinnerung. Christina Heins fesselnde Porträts, anschaulich begleitet von Bildern, Illustrationen und Briefen, ergänzen das Gedenken; ermöglichen einen Einblick, was Menschen und ihre Familien in Kassel konkret an Unfassbarem erlitten haben.

Verein Stolpersteine in Kassel

2012 gründete sich der „Verein Stolpersteine in Kassel e.V.“ zur Erinnerung an die zahlreichen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Getragen von großem bürgerlichem Engagement erfährt er hohes Ansehen und Wertschätzung.

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