Nordhesse stieg aus der rechtsextremen Szene aus: Wie rechte Gedanken das Leben verändern können

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Martin K.* traf sich zum Interview mit uns in Kassel. Erkannt werden möchte er nicht. Nach wie vor weiß sein Umfeld wenig von seiner Vergangenheit.

Der Hass auf Ausländer entwickelte sich mit der Zeit – und war lange Jahre unterschwellig immer präsent. Die rassistischen Gedanken veränderten das Leben und Handeln von Martin K. (Name von der Redaktion geändert).

Region. „Darüber zu sprechen fällt mir nicht leicht. Es war eine Phase meines Lebens, auf die ich nicht stolz bin“, erzählt Martin K.* aus der Region, der lange Zeit mit der rechten Szene sympathisierte. Dennoch hat sich der 30-Jährige bereit erklärt, mit uns über diese Zeit zu sprechen.

Die Anfänge 

„Angefangen hat alles mit 13, 14. Wir haben bei uns im Dorf mit den Jungs Fußball gespielt. Mit dabei waren auch zwei ältere Jungs, ungefähr 18 oder 19, die damals beide in der NPD waren. In dem Alter wusste ich noch nicht, was das bedeutet. Diese Älteren haben dann oft Stimmung gemacht gegen eine türkische Familie des Nachbardorfs. Die Söhne der Familie erfüllt das Klischee der ‚kriminellen Ausländer‘. Wir hatten damals Schiss vor denen und waren somit empfänglich für die Aussagen der älteren Rechten. Scheibchenweise kam dann mehr Gedankengut. Man bekam einschlägig bekannte CDs zugesteckt, dann gab es einen Flyer der Partei und so wurde man Schritt für Schritt herangeführt und fing an sich mit der rechten Szene zu sympathisieren“, erzählt der mittlerweile 30-Jährige.

Der verlorene Krieg 

Nach einem halben Jahr bis Jahr fing Martin K., der sich bis dahin noch unpolitisch fühlte, an, sich mit der Geschichte Deutschlands zu beschäftigen. „Was sich mir damals besonders eingebrannt hat, war der Satz: ‚Ich bin froh, dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg verloren hat.‘ Das konnte ich nicht verstehen – wie kann man als Deutscher denn froh sein, verloren zu haben? Hätten wir den Krieg gewonnen, würde es uns nicht so schlecht gehen. Zumindest dachte ich damals so und so wurde es von den älteren NPD-lern auch erzählt. Das Klassische ‚Früher war alles besser‘ fing an, den Hass und die Wut auf Ausländer zu schüren“, so K., der von sich selbst sagt, nie etwas gegen Juden oder Homosexuelle gehabt zu haben. In der ländlichen Heimat gab es wenig Migranten, die als positives Beispiel die Wut eingedämpft hätten. „Ich war nie aktiv in einer Gruppe oder selbst in der Partei. Doch der Hass hat innerlich immer vor sich hingekocht, brach auch nur heraus, wenn man sich in unregelmäßigen Abständen mal mit ähnlich Denkenden getroffen hat. Auch diese entsprachen nie den ‚typischen Rechten‘. Das waren normale Leute. Öffentlich war ich nie auffällig, was es für mich noch schwieriger machte. Auf der einen Seite der innerliche Hass, auf der anderen Seite die Angst als rechts geoutet zu werden.“

Die Wende 

Mit Wechsel auf eine größere Fachoberschule im Umkreis änderten sich auch die Berührungspunkte. „Ich fand damals neue Freunde – einen Türken und einen Grünen. Wir hatten ungefähr denselben Weg, man kam ins Gespräch, verstand sich trotz der konträren Ansichten und bis heute sind wir ziemlich gut befreundet. Während der Schulzeit haben wir an vielen Abenden zusammen gegessen, diskutiert und gestritten. Zu diesem Zeitpunkt bekam mein Weltbild erste Risse“, berichtet der Büroangestellte.

„Der größte Auslöser war jedoch 2011, als der NSU aufflog und man mitbekommen hat, was tatsächlich passiert war. Mein bester Freund war Türke, meine erste große Liebe hatte mich gerade verlassen – auch, weil sie mit meinen Gedankengängen nicht mehr klar kam – und dann hat es plötzlich Klick gemacht. Mit dieser Ideologie willst du nichts mehr zu tun haben.“ Vom einen auf den anderen Tag löscht und blockiert Martin K. alle Kontakte in die Szene, beschreibt es wie einen kalten Entzug und fühlt sich „endlich frei von Hass“.

Leben ohne Hass

Nach dem Abitur geht es für K. zur Bundeswehr, wo Extremisten keinen Platz haben, er findet eine türkischstämmige Freundin und lernt in der anschließenden Ausbildung Menschen mit anderen Sichtweisen kennen. Den aktuellen Wandel in der Gesellschaft und ‚Das wird man doch noch sagen dürfen‘ im Bezug sieht K. kritisch. „Auf der einen Seite kann ich verstehen, dass die Menschen mit den Themen der Politik hadern, doch Flüchtlingen und Migranten die Schuld daran zu geben, wäre falsch. Viele fürchten sich vor dem Kontrollverlust, doch die AfD beispielsweise hat ebenfalls keine Lösungen anzubieten, wie es besser laufen könnte“, so K., der mittlerweile nicht mehr sein Kreuz bei der NPD setzt, sondern bei der SPD, da Martin Schulz ihn sehr beeindruckt hat.

„Ich gehe nicht davon aus, dass die AfD so schnell wieder in der Versenkung verschwindet. Mittlerweile kann ich mit rechten Sympathisanten sachlich diskutieren und über die Ansichten reden. Tut man das nicht, entsteht erst recht der Eindruck, dass sie ausgegrenzt werden und sich nur noch mehr in ihrem Gedankengut und unter ihresgleichen verlieren.“

Nach wie vor schockiert ist Martin K. über den Mord von Dr. Walter Lübcke. „Ich kannte ihn persönlich. Sein gewaltsamer Tod und die Umstände, die dazu führten, sind unfassbar. Dass es heute möglicherweise gut vernetzte rechte Gruppen in und um Nordhessen gibt, die zu solchen Taten fähig sind, erschüttert mich besonders. Zu meiner Zeit habe ich davon nie etwas mitbekommen“, so Martin K.

* Name von der Redaktion geändert

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