Nordhessische Vereinsvorstände sprechen über ihr zeitintensives Ehrenamt

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Markus Menger im „Vereinsheim“ der Heiligenröder Handballer. Hier wird nicht nur Arbeit für den Verein geleistet, sondern auch gemeinsam Handball geschaut oder gefeiert.

Jeder Verein braucht sie, doch die Arbeit möchte kaum jemand machen.

Region. Ehrenamtliche Vorstände werden händeringend gesucht, denn nur noch wenige sind bereit, die zeitintensive Arbeit im Hintergrund zu erledigen. Wir sprachen mit drei Personen, die ihre Freizeit für „ihren“ Verein opfern – und warum sie es gerne tun.

Zwischen Sitzungen, Halle und Ligaplanung: Über die ehrenamtliche Arbeit eines Handball-Vorstands

„Die Tatsache, dass ich seit zwei Jahren Vorstand der Handballabteilung des TSV Heiligenrode bin, ist eigentlich den Überredungskünsten von anderen zu verdanken“, berichtet Markus Menger. Im Verein ist er schon seit 18 Jahren aktiv tätig, war Trainer der 2. Herrenmannschaft und nun kümmert sich der zweifache Familienvater um die Organisation des Handballvereins.

„Voraussetzungen für die Wahl zum Vorstand war damals ein erweitertes Vorstandsteam. So teile ich mir gewisse Aufgaben mit zehn Teammitgliedern, die Aufgaben wie den administrativen Bereich, die Mitgliederpflege oder Absprachen mit Schiedsrichtern übernehmen oder die Sprachrohre für die jeweiligen Mannschaften bilden. Alle vier Wochen haben wir Vorstandssitzungen, sieben Whatsapp-Gruppen gibt es für die verschiedenen Belange und 20 Stunden pro Woche verbringe ich damit, den Verein zu organisieren, auf Veranstaltungen, Ehrungen oder Sitzungen zu repräsentieren. Hinzu kommt, die Spielpläne nach den Vorgaben der jeweiligen Liga und möglichst so zu erstellen, dass unsere Heimspieltage günstig fallen, mehrere Spiele stattfinden und viele Zuschauer zu uns in die Halle nach Heiligenrode kommen. Ansonsten müssen Anfragen per Email beantwortet werden und aufgrund der neuen Datenschutzgrundverordnung sollen noch gewisse Teile der Homepage geändert werden. Zwölf Seiten Regelwerk sind neu zu beachten“, so der 41-Jährige, der viel Rückhalt von seiner Familie erhält.

„Meine Frau und unsere zwei Söhne waren schon immer mit in der Halle dabei, kennen die Abläufe also von klein auf“, erzählt Markus Menger. Eine Pauschale oder Vergütung erhält er nicht für die viele Arbeit und Freizeit, die er in den Verein steckt. „Das möchte ich auch gar nicht. Es gäbe die Möglichkeit einer Ehrenamtspauschale, um ehrenamtlichen Vorständen etwas zu bezahlen, doch wir haben damals im TSV darüber abgestimmt und uns dagegen entschieden. Wir machen das, weil es uns Spaß macht und uns der Verein wichtig ist.“

2019 steht turnusmäßig die nächste Vorstandswahl an, bis 2021 würde er sich für den Verein noch als Vorstand zur Verfügung stellen. Dann soll aber definitiv Schluss sein.

„Man braucht Rückhalt“: Helga Engelke ist seit fast 50 Jahren im Rot-Weiss-Klub

Fast 50 Jahre lang tanzt Helga Engelke im Rot-Weiss-Klub Kassel – und fast genauso lange kümmert sie sich schon um vereinsinterne Dinge. „Früher habe ich schon Preise für Tombolas eingesammelt und mit Firmen gesprochen. Damals war das bloß noch keine Vorstandsarbeit. Mittlerweile ist es leider schwieriger, an Sponsoren zu kommen“, berichtet die 78-Jährige, die im 15. Jahr 1. Vorsitzende des ältesten Tanzsportverein (gegründet 1926) in Nordhessen ist.

Helga Engelke (re.) bei dem Neujahrsempfang im Tanzsportzentrum mit Dr. Andrea Fröhlich (Leiterin des Sportamtes/li.) und Ilona Friedrich (Bürgermeisterin).

„Es gibt wenig Ehrenamtliche, die es machen wollen. Das ist auch den alltäglichen Herausforderungen und den heutigen Berufen geschuldet. Ich bin auch Seniorenbeauftragte der Stadt Kassel, Vize-Seniorenbeauftragte des Landes Hessen und Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesseniorenvertretungen, jedoch steht der Rot-Weiss-Klub an erster Stelle. Er ist ein Lebenswerk von mir. Daher versucht man schon, es in der Familie zu halten. Meine Tochter und auch Enkelin haben getanzt, die Familie muss einem den nötigen Rückhalt geben. Die ehrenamtliche Vorstandsarbeit ist ein Vollzeitjob. Den kann ich zwar oft auch von zu Hause aus am Telefon nachgehen, jeden zweiten Tag bin ich dennoch im Tanzsportzentrum, leite den Seniorentanz und die Gruppe“, so Engelke, die im Team von sechs Mitgliedern den Vorstand bildet.

„Meine Hauptaufgabe ist es, die Truppe bei Laune zu halten. Ich mache es gerne, denn die anderen sind noch berufstätig, haben nicht so viel Zeit. Die Arbeit für den Klub, das Organisieren von Neujahrsempfängen und anderen Events macht mir Spaß. Es ist schön, wenn man im Alter noch gebraucht wird“, erzählt Engelke. Alle drei Jahre wird der Vorstand neu gewählt und wenn sie gesund bleibt, will Helga Engelke bis 80 oder länger dem Vorstand zur Verfügung stehen.

„Einer muss es machen“: Der Präsident der Harley Wrecking Crew Fritzlar

„Wie viel Zeit für das Organisieren und so weiter drauf geht? Ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht. Aber es wäre spannend, dass mal zu beobachten“, entgegnet Micheal Langner, genannt „Möckel“, auf die Frage. Der 54-Jährige gründete vor 19 Jahren mit seinem Schwager die Harley Wrecking Crew Fritzlar und ist seither Präsident.

Michael „Möckel“ Langner, Präsident der Harley Wrecking Crew Firtzlar.

„Ein eingetragener Verein sind wir nicht, wir haben auch keine Satzung oder ähnliches. Wir haben 26 Mitglieder, die einfach Spaß am Harley fahren haben. Einmal im Monat treffen wir uns zum Stammtisch, zwei Ausfahrten im Jahr werden intern geplant und umgesetzt und im Sommer versuchen wir natürlich, so oft es geht gemeinsam auszufahren. Auch hier übernehme ich meist die Rolle des Road Captain, fahre also an der Spitze, habe die Strecke ausgearbeitet und achte darauf, dass die Gruppe zusammenbleibt“, erzählt der Fritzlarer, der schon früher gerne die Leute zusammen gebracht und organisiert hat. „Einer muss es ja machen, wobei es mir nicht schwer fällt und die Crew mich da unterstützt. Hauptsächlich geht es darum Emails zu bearbeiten, Kontakte zu knüpfen und zu erhalten, die Hotels für die Ausfahrten zu buchen, Routen festzulegen oder interne Dinge, wie Geschenke zur Geburt eines Kindes oder Hochzeiten zu planen. Das wird dann per Whatsapp geklärt oder per Mail mit den Mitgliedern, die kein Smartphone besitzen. Unser ältestes Mitglied ist 78, das jüngste 29. Je nach Saison ist es mal mehr, mal weniger Aufwand. Eine genaue Stundenzahl pro Woche kann ich daher wirklich nicht sagen“, so „Möckel“.

Bevor das Wetter wieder für die Ausfahrten mit dem Motorrad geeignet ist, steht noch die Weihnachtsfeier an – im Februar. „Da ist es einfacher, Restaurants zu finden, die Mitglieder unter einen Hut zu bekommen und mittlerweile hat es bei uns schon Tradition.“

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