Ohne Geld und Türschloss: Doris Stäblein lebt seit Wochen an einer Bushaltestelle

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Die meiste Zeit verbringt Doris Stäblein an der Bushaltestelle, an der sie auch schläft. Alles was sie besitzt, hat sie bei sich.

Die 66-jährige Doris Stäblein wohnt seit Wochen an einer Bushaltestelle im Kasseler Stadtteil Harleshausen.

Kassel. Es ist Freitagnachmittag in Kassel Harleshausen. Oder ist es erst Mittwoch? Doris Stäblein ist sich nicht sicher. Sie hat weder einen Kalender, noch eine Uhr oder ein Handy bei sich. Ihr ganzes Hab und Gut besteht aus einer Plastiktüte, einigen Kissen, einer Decke und einem fast leeren Geldbeutel. Den nimmt sie trotzdem immer mit, wenn sie in der Tankstelle gegenüber auf Toilette geht.

Seit gut vier Wochen wohnt die 66-Jährige nun an einer Bushaltestelle. Unter dem Dach der Haltestelle „Paul-Gerhardt-Kirche“ an der Wolfhager Straße hat sie sich eingerichtet. Nachts schläft sie auf der schmalen Holzbank, tagsüber sitzt sie darauf und beobachtet die vorbeifahrenden Autos, Busse und Passanten. „Mehr mache ich nicht.“

Ihre Wohnung in der Nähe der Bushaltestelle musste sie aufgeben, weil sie die Miete nach dem Tod ihres Lebensgefährten nicht mehr bezahlen konnte. Nach einem kurzen Aufenthalt in einer Kasseler Gemeinschaftsunterkunft beschließt sie, lieber an der Bushaltestelle zu schlafen. Mittlerweile ist die Haltestellenbewohnerin in der Gegend bekannt. Täglich kommen Anwohner und Bekannte vorbei, um der 66-Jährigen Wasser, Essen oder Geld zu bringen. Besonders bei den heißen Temperaturen der vergangenen Wochen ist sie auf diese Versorgung angewiesen – einmal ist Stäblein bereits an der Haltestelle zusammengebrochen und musste in ein Krankenhaus gebracht werden.

„Das wollen wir in Zukunft natürlich vermeiden“, so Juliane Schmidt. Die Anwohnerin und ihre Familie sehen fast täglich nach Doris Stäblein, bringen ihr Wasser und erkundigen sich nach ihrem Befinden. Dass diese nun schon seit mehreren Wochen an der Bushaltestelle übernachtet, ohne dass ein Ende dieser prekären Situation in Aussicht ist, ist für viele Anwohner und Bekannte unverständlich. „Das ist absolut unmenschlich wie sie hier lebt“, so Schmidt. Doch wer hilft Doris Stäblein aus ihrer Lage?

In der Kasseler Tagesaufenthaltsstätte Panama gäbe es die Möglichkeit, einmal täglich warm zu essen und sich zu waschen. Dazu müsste sie allerdings mit dem Bus in die Innenstadt fahren. „Und dafür habe ich kein Geld“, sagt die Harleshäuserin. Beim Kasseler Sozialamt ist der Fall bereits seit längerem bekannt. Auf Anfrage heißt es von der Zentralen Fachstelle Wohnen, die Notschlafstellen und Hausgemeinschaften für Obdachlose koordiniert: „In Kassel muss niemand obdachlos sein. Wer sich an uns wendet und bereit ist, Hilfe anzunehmen, der bekommt sie auch. Wohnungsschlüssel liegen dementsprechend jederzeit bei uns bereit.“

Ihren Platz an der Bushaltestelle müsste Doris Stäblein dann natürlich aufgeben. Dabei hat sie sich mit ihrer Situation mittlerweile fast abgefunden. „So schlimm finde ich es hier gar nicht. Angst habe ich nicht und an den Lärm habe ich mich schon gewöhnt, der stört mich beim Schlafen nicht mehr“, erzählt sie. In einem geschlossenen Raum auf einer Matratze zu schlafen, könne sie sich aber auch vorstellen. „Ich wäre für jede Hilfe dankbar.“

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