Polizei wird ignoriert: Straßen-Parties eskalieren in Kassel

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Kein Archivbild aus Vor-Corona-Zeiten sondern am vergangenen Wochenende auf Kassels „Feiermeile“ aufgenommen. Während die Gastronomen in den Läden die Vorgaben und Regelungen einhalten, herrscht vor den Türen Ausnahmezustand. Eine Situation, die auch den Wirten in der Stadt große Sorgen bereitet. Denn eine weitere Schließung über Wochen nach einer Ansteckungswelle würden sie nicht verkraften.

Die Spuren der Nacht sind trotz Besen-Einsatzes der benachbarten Gastronomen und Bürstenwagen der Stadtreiniger noch deutlich zu sehen: Massenhaft Zigarettenstummel, zerbrochene Gläser und leere Marihuana-Tütchen, Urin und Erbrochenes in den Hauseingängen. Das, was Anwohner und Gastronomen schon in den vergangenen Sommern zur Verzweiflung trieb, bekommt in Corona-Zeiten eine besondere Dramatik.

Kassel.  Vorbei scheinen die Zeiten von Zurückhaltung und Vernunft – zumindest auf Straßen und Plätzen. Denn während zum Beispiel die Gastronomen auf der Friedrich-Ebert-Straße versuchen die Hygiene-Verordnungen und Abstandsregelungen einzuhalten, herrscht schon wenige Meter vom Eingang entfernt Wild-West: Auf dem zentral gelegenen „Platz der 11 Frauen“ kreisen mitgebrachte Wodkaflaschen, es wird sich umarmt und abgeklatscht. Alles untermalt vom Sound aus der leistungsstarken Bluetooth-Box. Das gleiche Bild vor der alten Hauptpost, in der Goetheanlage, auf dem „Affenfelsen“ an der Kreuzung zur Germaniastraße. Und wahrscheinlich noch an Dutzenden anderen Orten in der Stadt. Wer gehört zu wem, wer hält hier Abstand? Keiner weiß es, keinen interessiert es.

Regelmäßig fahren Streifenwagen vorbei, langsam, beobachtend. Aus steigt hier keiner. Und auch die eigens vom Ordnungsamt für derartige Einsätze rekrutierte Stadtpolizei gebietet keinen Einhalt. „Es ist schon eine bizarre Situation“, beschreibt ein Gastronom die vergangenen Wochenend-Nächte. „Hier drin müssen wir penibel auf alles achten, darf es nicht zu voll sein oder getanzt werden – aber vor der Tür ist alles egal.“ So sehr sie sich die Lockungen nach Wochen des Shut-downs auch herbeigewünscht hatten– die eruptive Feierlaune der Menschen sei schon etwas verstörend in diesen Zeiten gewesen. „Da hat sich wohl einiges angestaut“, sagt einer der ansässigen Barbetreiber.

Auf EXTRA TIP-Anfrage bestätigt Polizeisprecher Matthias Mänz: „Nach Wahrnehmung der eingesetzten Beamten kam es dabei aufgrund des begrenzten Platzes auf den Gehwegen auch vermehrt zu Situationen, in denen die Abstandsregeln von jeweils mehr als 10 Personen im öffentlichen Raum nicht mehr eingehalten werden konnten.“

Zwar sei es so, dass Gastronomen bis zu einem gewissen Grad auch für die Einhaltung von Regeln außerhalb ihrer Gastronomien zuständig seien, weißt Stadtsprecher Claas Michaelis hin. „Allerdings muss der Betreiber auch tatsächlich in der Lage sein, mit ihm zur Verfügung stehenden Mitteln regelnd Einfluss auf Situationen im unmittelbaren Umfeld seiner Gastronomie nehmen zu können. Am vergangenen Samstagabend war diese Situation aufgrund der Vielzahl der Personen, die die Friedrich-Ebert-Straße aufgesucht haben, nicht gegeben.“

Personen reagieren nicht auf Ansprache

Den Beobachtungen, die Polizei fahre nur vorbei, widerspricht der Polizeisprecher: Größere Personengruppen seien durch die Polizei angesprochen und hinsichtlich der bestehenden Kontaktbeschränkungen sensibilisiert sowie zur Einhaltung der Abstandsregeln aufgefordert worden. Matthias Mänz berichtet aber auch von den Erfahrungen der eingesetzten Beamten: „Inzwischen ist jedoch eine steigende Tendenz hinsichtlich des Besucheraufkommens und der Bereitschaft, in der Gruppe die polizeilichen Ansprachen zu ignorieren, festzustellen.“

Auch bei der Stadt Kassel ist ein derartiges verhalten bekannt, wie Stadtsprecher Claas Michaelis mitteilt. Da es sich bei den Verstößen jedoch um Ordnungswidrigkeiten handelt, „hat die Polizei bei einem Einschreiten in der jeweiligen Situation die Verhältnismäßigkeit besonders zu berücksichtigen“ erklärt Matthias Mänz die eher defensive Vorgehensweise.

Stadt Kassel und Polizei in engem Kontakt

Ob sich bis zum nächsten Wochenende daran etwas ändert, bleibt offen. Mänz versichert jedoch: „Es besteht ein enger Austausch mit der zuständigen Ordnungsbehörde der Stadt Kassel, bei dem auch die Situation in der Friedrich-Ebert-Straße an den Wochenenden betrachtet und derzeit erörtert wird.

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