Quartier Jägerstraße: Revierkämpfe nehmen zu - Polizei steht mit Maßnahmen erst am Anfang

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Vormittags ist in der Jägerstraße noch alles ruhig. Nachmittags und abends dagegen wird laut Passanten dort offen mit Drogen gehandelt.

Die organisierte Kriminalität im Umfeld der Unteren Königsstraße hat eine neue Qualität erreicht. Die Polizei zeigt Präsenz, steht mit ihren Maßnahmen aber noch am Anfang.

Kassel. Auf den ersten Blick wirkt es hier ganz friedlich. Menschen laufen zur Universität, gehen Einkaufen, besuchen den documenta Standort hinter der Hauptpost. Alles ganz normal also? Von wegen.

In der Unteren Königsstraße und im Umkreis der Jägerstraße wird mit Drogen gedealt – auch zu anderen Straftaten wie Menschenhandel und Geldwäsche kommt es im Quartier, wie der Leiter der Polizeidirektion Kassel, Michael Tegethoff, am Dienstag bei einer Sitzung der Ortsbeiräte Mitte, Nord-Holland und Wesertor berichtete. Thema der Sitzung: Die Sicherheit im Umfeld der Unteren Königsstraße. Die organisierte Kriminalität im Quartier habe eine neue Qualität erreicht, so Tegethoff. „Deswegen sind wir in den letzten Monaten zu zahlreiche Kontrollen, beziehungsweise Razzien ausgerückt“, sagte Tegethoff im Philipp-Scheidemann-Haus.

Dabei werden die Straftaten nur äußerst selten angezeigt – Ordnungsamt und Polizei können nur durch Kontrollmaßnahmen einschreiten. „Es ist uns in den letzten 20 Jahren nicht gelungen, die Drogenszene einzudämmen“, gestand Holger Weichseldorfer, Leiter des Polizeireviers Mitte, „wenn wir an einem Ort präsenter sind, sucht sich die Szene einen neuen Platz.“

Anwohner und Geschäftsleute der Unteren Königsstraße machen sich angesichts der vielen Razzien zurecht sorgen – einerseits über die Kriminalität, andererseits, dass die Untere Königsstraße verkommt und an Attraktivität verliert. Wobei es sich bei den tätlichen Auseinandersetzung um Rivalitätskämpfe innerhalb des Milieus handelt. „Dass Unbeteiligte angegriffen wurden, ist uns nicht bekannt. Die Szene bleibt unter sich“, so Weichseldorf – ein schwacher Trost. Zudem sei die Drogendealer-Szene seit Jahrzehnten in ausländischer Hand. Erste Erfolge, was die Eindämmung der Kriminalität betrifft, sind laut Polizei noch nicht auszumachen: „Wir stehen noch am Anfang unserer Maßnahmen“, sagt Polizeidirektor Tegethoff.

 Maßnahmen, die laut Volker Pitsch wenig Sinn machen. „Diese Razzien bringen meiner Meinung nach nicht viel. Sobald die Polizei angerückt kommt, sind die doch weg“, so der Geschäftsführer vom Elektronikfachhändler EP: Pitsch in der Unteren Königsstraße. Angst habe er keine, brauche man auch nicht zu haben, denn „so richtig los geht’s doch erst, wenn hier nicht mehr so viel Betrieb ist.“ Nichtsdestotrotz kann er durch sein Schaufenster beobachten wie gedealt wird, „das ist so offensichtlich“, sagt er.

Das Gerücht, die Maßnahmen der Polizei würden nur wegen der documenta stattfinden, verneinte die Polizei vehement. Und auch die documenta mit ihrem Ausstellungsstandort an der Hauptpost hat keine negativen Erfahrungen im Quartier Jägerstraße gemacht: „Es gab keinerlei Vorfälle. Die Szene ist präsent, hält sich aber eher auf der Grünfläche ein Stück weiter die Straße hoch auf“, so documenta Pressesprecherin Maxie Fischer.

Kameras als Lösung?

Die Probleme rund um die Jägerstraße sind bekannt und wurden am Dienstag auf der Ortsbeiratssitzung im Philipp-Scheidemann-Haus diskutiert – doch wie die Drogenkriminalität im Quartier eindämmen? Die Polizei sprach sich am Dienstag für eine Videoüberwachung im Quartier aus. „Wir sind mit diesem Vorschlag schon an die Stadt Kassel herangetreten. Eine erste Ortsbegehung gab es schon“, sagte Michael Tegethoff. Dabei gibt es bereits an der Unteren Königsstraße und am Stern Videokameras, deren Aufzeichnungen bei der Polizei landen. Jäger- und Gießbergstraße, die zum Problem-Quartier gehören, sind noch kamerafrei. Zudem sei eine Art „Quartiersmanager“ als Ansprechpartner vor Ort für die Polizei wichtig – eine solche Position gibt es noch nicht, die Polizei würde sie sich wünschen. Des Weiteren könne laut Polizei ein „runder Tisch“ sinnvoll sein um einen Austausch untereinander zu verbessern und Informationen auszutauschen. Am runden Tisch Platz nehmen sollen dann Vertreter des Ordnungsamts, der Stadt Kassel, des Quartiersmanagers und der Polizei. Die Ortsbeiräte sprachen sich zudem für eine neue Beleuchtung der Unteren Königsstraße aus.

Zahlreiche Polizeieinsätze

Seit April 2017 gab es viele Einsätze der Polizei im Quartier um die Jägerstraße, Untere Königsstraße und Am Stern.

5. April: Bekämpfung der Rauschgiftkriminalität. Festnahme von zwei Männern nach einem Heroingeschäft.

21. April: Bekämpfung der Rauschgiftkriminalität. Festnahme eines 30-jährigen Mannes.

12. Mai: Bekämpfung der Rauschgiftkriminalität. Festnahme eines 23-jährigen Mannes.

20. Mai: 38-jähriger wird durch Messerattacke (vermutlich Revierkampf) lebensgefährlich verletzt.

28. Mai: Erneute Messerattacke im Bereich Jägerstraße

31. Mai: Polizei beobachtet Drogendeal. Junger Mann wird festgenommen.

2. Juni: Razzia in der unteren Königsstraße/Jägerstraße.

19. Juni: Festnahme eines Dealers. 23. Juni: Drei Razzien im Quartier. Männer, die mit Haftbefehlen gesucht werden, werden festgenommen.

28. Juni: Kontrolle im Quartier mit Drogenfund.

11. Juli: Per Haftbefehl gesuchter Mann wird festgenommen. Drogen und Bargeld sichergestellt.

27. Juli: Festnahme von fünf Männern wegen Verstoß des BtmG.

31. Juli: 62 verkaufsfertige Marihuana-Tüten werden sichergestellt. 18. August: Männer mit Schusswaffen werden festgenommen.

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