Als die Redaktion noch Fotos mit der Nagelschere freistellte

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Freisteller-Fotos im Jahr 1992 mit viel Geschick und Nagelschere.

EXTRA TIP Redaktionsleiter Victor Deutsch, mit über 25 Jahren im Verlag ein "Dino", schreibt über die Redaktionsarbeit, bevor es Handy oder Internet gab.

Kassel. Der Koffer. Der Schatz. Bewacht von feuerspuckenden Drachen und riesigen Zyklopen. Und Z. Der wohl schlimmste unter den Bewachern, glaubte man den Warnungen, die jeder Redaktions-Neuling in seinen ersten Tagen erhielt. Z., so ging die Sage, soll mit dem metallenen Zeilenmaß schon so manchem für den vorwitzigen Griff in die Schatztruhe die Finger gebläut haben. Was tatsächlich passierte, wenn man ungefragt eine der fertig gestellten Seiten aus dem Koffer fischen wollte: Ein lautes Scheppern ließ den Neuling zusammenzucken: Z. hatte diese Ungeheuerlichkeit mit einem gewaltigen Hieb auf die Platte des Wachsers – durch den die Textfahnen klebefähig wurden – quittiert.

Wochen später hatte man dann auch begriffen, weshalb um den Koffer so ein Tanz gemacht wurde. In ihm lag das Ergebnis stundenlanger Produktionsarbeit von Redaktion und Fotosatz: Die druckfertigen Seiten, gefertigt in einer Handarbeit, die die Redaktionsmannschaft – 25 Jahre später – nur Staunen lässt.

Ja, wie war das denn so ohne Handy und Navigationsgerät, ohne Digital-Fotografie und entsprechend katalogisiertem Bildarchiv, ohne Google und Photoshop? Rückblickend: abenteuerlich. Und beschwerlich. Jede noch so kleine Meldung, jeder Veranstaltungshinweis, der auf dem Postweg, per Anruf oder Fax seinen Weg in die Redaktion fand, wollte abgetippt werden. Copy & Paste – Fehlanzeige. Ging es raus auf Termin, wurde eingehend die Nordhessen-Karte studiert, Telefonbücher aller Erscheinungsgebiete waren ebenso wichtiges Handwerkszeug wie ein gut geführtes Adress-Verzeichnis oder gut beschriftete Ordner und Kartons, in denen sich Sportfotos und Motive der Region häuften. Einmal draußen, konnten die Fotografen nur über das technische Wunderwerk „Citycall“ angepiept werden – und nach Rückruf in der Redaktion über aktuelle Aufträge in Kenntnis gesetzt werden. Erst nach dem Entwickeln der Filme waren Ergebnisse zu sehen – und die aktuelle Berichterstattung verlangte dennoch ein ausdrucksstarkes Foto. Hatte es ein Redakteur versäumt, bei einer Veranstaltung alle Namen zu notieren, geriet man kurz vor Andruck noch ins Schwitzen. Erreichte man die betreffende Person über das Festnetz-Telefon nicht und auch nicht den Bekannten eines Bekannten, half manchmal der Gang am Samstag in die Kasseler Markthalle, um doch noch den richtigen Namen aufzuspüren und die Bildunterschrift zu komplettieren. Anders als heute, wo die Seiten im Ganzseitenumbruch am Computer gelayoutet und direkt vom Rechner ins Druckzentrum geschickt werden, zog die Korrektur eines Fehlers, das Einfügen einer aktuellen Meldung eine ganze Reihe von Maßnahmen nach sich. Von der Redaktion grob vorgescribbelt und mit den Abzügen – anfangs nur in schwarz-weiß – von entsprechenden Fotos bestückt, wanderten die Seiten in den Fotosatz. Dort wurden die Texte ausgedruckt, ausgeschnitten und auf die Seiten-Tableaus geklebt. Von den Fotos wurden mit einem großen Belichter Repros gefertigt und diese ebenfalls eingepasst. Da beim EXTRA TIP schon in den frühen Tagen viel Wert auf ein entsprechendes Erscheinungsbild gelegt wurde, waren auch Freisteller an der Tagesordnung. Wo heute allerdings flugs das Photoshop-Lasso die Konturen entlangfährt, kam seinerzeit tatsächlich noch die Nagelschere zum Einsatz. Einige Mitarbeiter brachten es dabei zu einer solchen Fingerfertigkeit, dass die heutige Schelte „sieht aus wie mit der Schere gemacht“ ihnen in keinster Weise gerecht wird.

Auch „Spaltenlinien“, die damals im Zeitungsbusiness en vogue waren, verlangten mehr als den schnellen Mausklick von heute: Auf Kleberollen lagerten sie in fast jeder Stärke an den Tischen der Fotosetzer, um dann mit Geschick und Augenmaß zwischen die Textspalten gezogen zu werden. Bei aller Mühe war die Zeitungsproduktion, dieses Chaos von Manuskripten und ausgedruckten Textfahnen, Klebstoff-Tuben und Pizza-Kartons, Scheren und Flüchen, auch ein wunderbares Beispiel für Teamwork und Belastbarkeit. Bis weit nach Mitternacht wurde so gearbeitet. Lief alles glatt und alles war im Kasten – und im Koffer – konnte man auf ein kühles Fläschchen Bier hoffen, das einem Z. kumpelhaft in die Hand drückte. Denn der Mann mit dem Metall-Lineal war nicht nur Herrscher über den Koffer. Sondern auch über den Kasten. Und der stand im einzigen gekühlten Raum des Verlagsgebäudes. Dort, wo auch die Repro-Kamera ihren Dienst tat.

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