Respektlosigkeit wächst: DRK schlägt Alarm - Rücksichtslose Autofahrer gefährden Menschenleben

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Alltagssituation: Krankenwagen werden so dicht zugeparkt, dass kein Platz ist, Menschen per Trage in das Rettungsfahrzeug zu verladen.

Die Toleranzschwelle wird immer niedriger. Regelmäßig ist bereits die erste Ansprache ungehalten.

Kassel. Sie kommen, um zu helfen, werden aber jeden Tag im Einsatz behindert: „Die DRK-Mitarbeiter stellen fest, dass sich das Verhalten der Verkehrsteilnehmer und Passanten ihnen gegenüber geändert hat.

Die Toleranzschwelle wird immer niedriger. Regelmäßig ist bereits die erste Ansprache ungehalten. "Jeder nimmt sich besonders wichtig, regt sich über die Behinderung der Einsatzfahrzeuge auf, alles andere ist nachrangig“, so Notfallsanitäter Helge Thiele. Dabei geht es um die Rettung von Menschen! „Durch geparkte Einsatzfahrzeuge kann der Verkehr schon mal bis zu 20 Minuten aufgehalten werden, zum Beispiel wenn im Haus eine Reanimation stattfindet. Das ist dann so. Wir machen das hier schließlich nicht zum Spaß“, so Notfallsanitäter Thomas Pairan. Natürlich steht kein Autofahrer gerne im Stau. Aber für Rettungskräfte zählt nun mal jede Minute.

160 Mitarbeiter und 19 Einsatzfahrzeuge sorgen dafür, dass rund um die Uhr notfallmedizinische Hilfe geleistet werden kann. Der DRK-Rettungsdienst in Kassel wird täglich bis zu 65 Mal gerufen, um schnell Hilfe zu leisten. In 40 Prozent aller Einsatzfahrten müssen Blaulicht und Einsatzhorn eingeschaltet werden, um Verkehrsteilnehmer vor einem herannahenden Rettungswagen zu warnen. Die Straßenverkehrsordnung (StVO) regelt, dass Sondersignale nur dann eingesetzt werden dürfen, wenn es darum geht, Menschenleben zu retten. Kurzum: Wer Blaulicht sieht und das Einsatzhorn hört, muss Platz machen! Die Wirklichkeit sieht aber erschreckend anders aus: Kein Vorankommen für Rettungsfahrzeuge im Berufsverkehr. Im Stadtverkehr wird selten rechtzeitig eine Rettungsgasse gebildet (auf allen Einfall- und Ausfallstraßen in Kassel zu Berufsverkehrszeiten). Verkehrsteilnehmer können auf einer einspurigen Fahrbahn nicht ausweichen, eine Rettungsgasse kann nicht gebildet werden, wie bei der Baustelle im Bereich der Bertha-von-Suttner-Straße.

Wenn es um Menschenleben geht, ist jede Hilfe willkommen: (v.li.) Stephan Moritz (stellv. Geschäftsführer), Wolfgang K. Weber (Stellv. Rotkreuzbeauftragter), Manfred Wölfert (Kreisvorsitzender) und Holger Gerhold-Toepsch (Geschäftsführer) stellten ihre 30.000 Euro teure Drohne mit Wärmebildkamera vor. Damit sie bestens einsatzbereit ist, wurde ein ehemaliger Krankenwagen zum Technikfahrzeug umgebaut. Foto: Schaumlöffel

Weiter behindern parkende Autos den Straßenverkehr. Achtlos geparkte Autos, insbesondere in Wohngebieten, erschweren die Anfahrt zur Einsatzstelle. Vor Krankenhäusern wird die Krankenwageneinfahrt zugeparkt und trotz Überholverbots werden auf der Autobahn alle drei Fahrstreifen von Lkw blockiert, wie bei den Ausfahrten Kassel/Nord und Hann. Münden/ Lutterberg. Das Bilden einer Rettungsgasse ist dann nicht möglich. Rettungswagen stehen im Stau. Mit der Ankunft der Retter an der Einsatzstelle hört der Ärger häufig noch nicht auf. Wiederholt werden Rettungsdienstmitarbeiter mitten im Notfallgeschehen gebeten Einsatzfahrzeuge umzuparken oder Notfallpatienten schneller zu versorgen. So ist schon mal ein unbeteiligter Passant in ein Rettungsfahrzeug gestiegen, um das Fahrzeug umzuparken – im Rettungswagen fand zu diesem Zeitpunkt eine Reanimation statt! Egal, ob freundliches Nachfragen oder Beschimpfung der Retter, jede Ablenkung geht zulasten der Notfallpatienten. „Jeder von uns möchte im Straßenverkehr schnell vorankommen. Aber Menschenrettung hat Vorrang! Da gibt es null Verständnis für Schaulustige, die Unglücksfälle auch noch fotografieren und die unsere Rettungskräfte behindern und beleidigen“, sagt Stephan Moritz, Leiter DRK-Rettungsdienst Kassel.

Hilfe von Oben 

Wenn es darum geht Menschenleben zu retten, ist jede Hilfe willkommen. Suchmannschaften der Polizei und Rettungshunde bilden eine schlagkräftige Einheit bei der Suche nach Vermissten. Und Hilfe gibt es nun auch von oben: Der Einsatz von Drohnen verschafft Rettern schnell und sicher den richtigen Überblick. Großalarm am 6. Mai: Am Rande des Aueteichs in der Karlsaue wird eine Fliegerbombe gefunden. In einem Radius von 700 Metern muss das Gelände geräumt werden. Viele Einsatzkräfte sind vor Ort im Einsatz – doch die letzte Gewissheit, dass sich wirklich keine unbeteiligten Personen aufhalten, bringt erst der Einsatz einer Drohne der DRK-Drohnenstaffel. Die ist mit einer Wärmebildkamera ausgerüstet und fliegt das Sperrgebiet entlang der Frankfurter Straße ab. Kurze Zeit später herrscht Gewissheit: Areal geräumt. Die Bombe wird entschärft.

Jede Minute zählt - Drohnen im Einsatz bei Vermisstensuche

Seit September 2018 verfügt der DRK-Kreisverband Kassel-Wolfhagen über eine Drohnenstaffel. „Unsere Drohnenstaffel müsste eigentlich viel häufiger bei Suchaktionen angefordert werden“, meint DRK-Geschäftsführer Holger Gerhold-Toepsch. Gerade bei der Suche nach vermissten Personen sei der Einsatz einer Drohne schon aus Zeitgründen ratsam.

„Unsere Drohnen sind in 30 Minuten am Einsatzort, ein Polizeihubschrauber kommt in der Regel aus Egelsbach und ist, bis er in Nordhessen ist, eine Stunde unterwegs.“ Zwar sei der Hubschrauber technisch besser ausgerüstet, doch in der Zeit bis zu seiner Ankunft könne die Drohnenstaffel in Nordhessen bereits wertvolle Hilfe leisten. Gerade dann, wenn es darum geht, eine größere Fläche abzusuchen, sei die Drohnenstaffel mit ihren 24 ehrenamtlichen Mitarbeitern – im Einsatz sind immer 4er-Teams – für Nordhessen ein echter Gewinn. Seit Beginn ihrer Tätigkeit im Herbst 2018 hat die Drohnenstaffel schon einige wichtige Einsätze absolviert – dabei handelt es sich unter anderem um Einsätze zur Personensuche. So wurde die Drohnenstaffel in einer kalten Winternacht mit Temperaturen weit unter null alarmiert, um eine vermisste, unzureichend gekleidete und verwirrte Personen in Bad Emstal zu suchen. Die Drohne – innerhalb kurzer Zeit einsatzfähig – flog das Einsatzgebiet in dieser Nacht mehrmals ab, konnte die Person nicht finden aber zuverlässig Auskunft darüber geben, dass sich die Person nicht im Einsatzgebiet aufhielt. Die Suche wurde nach Stunden erfolglos abgebrochen. Und dann das: die vermisste Person hatte Unterschlupf in der Wäschekammer des Restaurants Grieschäfer gesucht! Einsätze bei denen ältere und verwirrte Menschen vermisst werden, häufen sich. In eisigen Nächten zählt dann jede Minute. Eine Drohne kann in kurzer Zeit ein großes Areal abzusuchen und im Ernstfall ein Menschenleben retten.

Ehrenamtliche gesucht

Für das Drohnen-Team werden noch ehrenamtliche Mitarbeiter gesucht, die zwischen acht und zehn Stunden Zeit im Monat haben. „Gerade Technik- und Film/Foto-Fans wird die Sache Spaß machen“, so Wolfgang K. Weber, der die Staffel leitet.

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