Retter aus der Luft: Nordhessen bewahren Rehkitze per Drohne vor dem Tod

Gemeinsam werden vor der Mahd Kitze gerettet: (v.li.) Jagdaufseher Manfred Reimann, Jagdpächter Klaus Röhrig, der Landwirt Stefan Wetekam und Drohnenpilot Philipp Wiebers.
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Gemeinsam werden vor der Mahd Kitze gerettet: (v.li.) Jagdaufseher Manfred Reimann, Jagdpächter Klaus Röhrig, der Landwirt Stefan Wetekam und Drohnenpilot Philipp Wiebers.
Florian Bayan lässt seine Drohne über Felder fliegen und rettet so Rehkitzen das Leben.
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Florian Bayan lässt seine Drohne über Felder fliegen und rettet so Rehkitzen das Leben.
Rehkitze ducken sich ins Gras anstatt wegzulaufen – bei anrückenden Erntemaschinen ihr Todesurteil.
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Rehkitze ducken sich ins Gras anstatt wegzulaufen – bei anrückenden Erntemaschinen ihr Todesurteil.
Seit knapp fünf Wochen bedeutet es für Florian Bayan tägliches Aufstehen zwischen 3 und 4 Uhr, um dann mit der Drohne in Nord- und Mittelhessen unterwegs zu sein.
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Seit knapp fünf Wochen bedeutet es für Florian Bayan tägliches Aufstehen zwischen 3 und 4 Uhr, um dann mit der Drohne in Nord- und Mittelhessen unterwegs zu sein.
Rehkitze ducken sich ins Gras anstatt wegzulaufen – bei anrückenden Erntemaschinen ihr Todesurteil.
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Rehkitze ducken sich ins Gras anstatt wegzulaufen – bei anrückenden Erntemaschinen ihr Todesurteil.
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Bevor der Landwirt mit schwerem Gerät die Felder abmäht, muss geschaut werden, ob sich nicht Rehkitze im hohen Gras verbergen. Diese verstecken sich nämlich – ihr Todesurteil.

VON NADJA FELDLE UND IMMANUEL DOBROWOLSKI

Neuseesen. 15 Hektar sind es am Freitag, die überflogen und abgesucht werden müssen. Die Mahd steht an in Neuseesen und damit auch die Rehkitzrettung. „Ab Mai setzen die Ricken ihre Kitze ins hohe Gras“, erzählt Landwirt Stefan Wetekam am beginnenden Abend auf seinem Hof. Wenn dann die Wiesen gemäht werden, springen die Rehmütter ins Dickicht und die jungen Kitze, deren Fluchtreflex in den ersten Wochen ihres Daseins noch nicht ausgeprägt ist, ducken sich tief ins Gras. „Was eigentlich richtig ist“, sagt Jagdpächter Klaus Röhrig.

Rehkitze ducken sich ins Gras anstatt wegzulaufen – bei anrückenden Erntemaschinen ihr Todesurteil.

„Neben dem Fluchtreflex entwickelt sich auch der Geruch der Kitze erst später und damit sind sie vor ihren natürlichen Feinden geschützt.“ Beim Mähen geht die Gefahr für die kleinen Rehe aber nicht von Keilern, Füchsen oder dem Luchs aus, sondern vom Menschen. Die Rehkitzrettung gäbe es schon immer, erzählt Karl-Ernst Wetekam, Stefans Vater. Früher sei man in Menschenketten durchs Feld gelaufen, damals, als noch mit Pferden gemäht wurde. „Aber selbst mit kleinem Gerät und mit 3 km/h, die Kitze rennen nicht weg, sondern ducken sich ins Gras“, sagt Karl-Ernst Wetekam. Das sei Instinkt. Mit Pferden wird jetzt nicht mehr gemäht, die Technik ist fortgeschritten und Traktoren haben diese Aufgabe übernommen. Auch in der Rehkitzrettung geht man mit der Zeit. Lange waren es Flatterbänder auf den Feldern, die die Ricken verschrecken sollten. In diesem Jahr wird in Neuseesen das erste Mal mit einer neuen Technik gearbeitet.

Suche mit Wärmebildkamera

Philipp Wiebers aus Blickershausen fährt auf den Hof und hat eine Drohne bei sich, die mit einer Wärmebildkamera ausgestattet ist. Angeschafft wurde diese von der Jagdgenossenschaft, in der er auch Mitglied ist.

Gemeinsam werden vor der Mahd Kitze gerettet: (v.li.) Jagdaufseher Manfred Reimann, Jagdpächter Klaus Röhrig, der Landwirt Stefan Wetekam und Drohnenpilot Philipp Wiebers.

Landwirt, Jagdpächter und Jagdgenosse stehen jetzt zusammen auf dem Hof. „Es geht darum, dass alle Beteiligten sich abstimmen, um gemeinsam für das höchstmögliche Tierwohl zu sorgen“, sagt Röhrig. Für mehr Worte ist dann keine Zeit mehr, vier Stunden soll am Abend noch gemäht werden. Die Kolonne aus Wagen und einem Traktor setzt sich in Bewegung und steuert das erste Feld an. Dort angekommen packt Wiebers die Drohne aus ihrem Koffer. Ein Surren erfüllt die Luft, als er sie steigen lässt. Er schaut auf seine Fernbedienung, auf deren Bildschirm jetzt jede kleine Abweichung von der Bodentemperatur deutlich angezeigt werden wird. Wie viel Kitze er heute finden wird, will jemand wissen. „Am besten ist es immer“, sagt er, „wenn ich keins finde.“

Rettungsassistent bewahrt auch Rehkitze vor Tod

Wolfhagen. Auch in Nordhessen wird Bambi per Drohne gerettet. Dafür setzt sich seit zwei Jahren Florian Bayan aus Wolfhagen-Ippinghausen ein. Der 29-Jährige ist hauptberuflich Rettungsassistent, flog früher mit seiner Drohne in der Freizeit. „Mittlerweile habe ich das Ziel, die Technik für etwas Sinnvolles einzusetzen, etwas, wo man mal etwas für die Tierwelt macht und nicht gegen. Außerdem habe ich so keinen Alltagsstress, denn die meisten Menschen schlafen um die Uhrzeiten der Rehkitzrettung noch“, erzählt er. Seit knapp fünf Wochen bedeutet das tägliches Aufstehen zwischen 3 und 4 Uhr, um dann mit der Drohne in Nord- und Mittelhessen unterwegs zu sein. Warum das frühe Aufstehen?

Florian Bayan lässt seine Drohne über Felder fliegen und rettet so Rehkitzen das Leben.

„Fliegen kann ich von kurz vor Sonnenaufgang bis maximal 7 Uhr, an bewölkten Tagen auch länger, weil man sonst keinen Unterschied zwischen dem sich erwärmenden Boden und einem Kitz wahrnimmt.“ Jährlich steigt die Nachfrage nach der Rehkitzrettung per Drohne. Beauftragt wird Bayan von Jagdpächtern, Landwirten, Lohnunternehmer, aber auch von Privatpersonen. Mit dem Rettungsnetzwerk (rettungsnetzwerk.de) sowie diversen Rehkitzrettern ist er vernetzt. Dieses Jahr konnte er so schon elf Kitze vor dem Tod durch den Mäher retten, sowie unzählige Hasen und Rehe vergrämen. Rund 80 Hektar hat er bislang dafür abgeflogen. Ein besonderer Augenblick: allein vier Kitze und eine Ricke fand er bei einem Flug über gerade einmal 2,5 Hektar. Um noch besser und schneller retten zu können, will sich Florian Bayan eine neue Kamera anschaffen. „Da die aktuelle Flughöhe für das Aufsuchen von Rehkitzen zwischen zehn und 20 Meter beträgt, muss ich durch die geringe Höhe zu viele Bahnen fliegen. Das geht wiederum auf den Akku, sodass ich nur wenige Hektar im kurzen Zeitfenster abfliegen kann. Ich versuche daher, eine neue Kamera zu organisieren, die eine Flughöhe von 50 bis 60 Metern ermöglicht. Da liegen die Kosten zwischen 3.000 und 4.000 Euro – nur für die Kamera“, erklärt er.

So wird ein Kitz gerettet

Ein Kitz, welches noch den Drückinstinkt hat, wird mit einem ganz dünnem Stab markiert, der oder die Jagdpächter holen es kurze Zeit später raus und setzen es um. Das Kitz wird dafür in einen Korb oder Karton und in einen in der Nähe liegenden Bereich ausgesetzt. Ganz wichtig: Jagdpächter und Rehkitzretter fassen das Kitz nie mit bloßen Händen an. Eine weitere Variante ist es, einen Korb, beispielsweise einen bunten Wäschekorb, über das Kitz zu legen. So sieht der Landwirt es vom Mäher aus und kann außen herum fahren.

Seit knapp fünf Wochen bedeutet es für Florian Bayan tägliches Aufstehen zwischen 3 und 4 Uhr, um dann mit der Drohne in Nord- und Mittelhessen unterwegs zu sein.

„Oder aber der Landwirt mäht gar nicht! Er gibt dem Kitz noch Zeit, sich zu entwickeln.“ Auch das soll schon vorgekommen sein, erzählt Bayan. In der Regel ist die Ricke, also das Muttertier, in der Nähe ihrer Kitze. Oft genug kommt es vor, dass sie sich klar und deutlich über den fremden Eindringling ‚Drohne‘ beschwert, so Bayan. Alles andere Wild wird durch die Drohne vergrämt, sie flüchten also und bleiben während der Mahd verschont. „Überall, wo ich bislang mit der Drohne im Einsatz war, konnte alles Wild gerettet beziehungsweise vergrämt werden. Die aktuelle Erfolgsquote liegt also bei 100 Prozent.“

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