Rollstuhl zu schnell: Herzloser Busfahrer ließ Behinderten einfach stehen

+

Kassel. Weil sein Rollstuhl eine Straßenzulassung hat, wurde Jürgen Reißmann nicht mitgenommen. Er war der Laune des Busfahrers hilflos ausgeliefert.

Kassel. Auch mit Behinderung am sozialen Leben teilhaben – für Rollstuhlfahrer Jürgen Reißmann war dies bisher selbstverständlich. Doch als der 65-Jährige vergangenen Freitag vom Bahnhof Wilhelmshöhe zurück nach Schauenburg-Hoof wollte, fühlte er sich zum ersten Mal ausgegrenzt: Der Busfahrer ließ ihn einfach stehen. "Zunächst hat der Fahrer mir noch die Rampe runtergelassen. Aber dann hat er an dem Warndreieck erkannt, dass mein Rollstuhl eine Straßenzulassung hat." Der Fahrer fordert Jürgen Reißmann auf, den Bus zu verlassen. Die Begründung: Laut Anordnung der Zentrale dürfe er Rollstühle mit Straßenzulassung nicht mitnehmen.

Auf Gefährt angewiesen

"Erst wollte ich diskutieren, aber aus Rücksicht auf die anderen Fahrgäste habe ich den Bus verlassen", erzählt der ehemalige Speditionskaufmann.  Auf Grund einer Muskelkrankheit ist Jürgen Reißmann seit sieben Jahren auf den Rollstuhl angewiesen. Nach dem Tod seiner Frau im April benötigt er den bis zu 10 kmH schnellen Rollstuhl mehr denn je: "Ich muss täglich nach Kassel fahren, um meine Arzt- und Krankengymnastiktermine wahrzunehmen. Es ist mir vorher noch nie passiert, dass ein Fahrer mich nicht mitgenommen hat."Jürgen Reißman beschwerte sich beim NVV-Kundezentrum. Doch hier fühlte sich niemand verantwortlich.  Also suchte der 65-Jährige Hilfe bei der Geschäftsstelle der Hessischen Landesbahn. "Die Mitarbeiter waren sehr freundlich und haben mit dem Fahrer des nächsten Busses telefoniert, damit dieser mich auf jeden Fall mitnimmt."

Auf EXTRA TIP-Nachfrage teilte der Nordhessische Verkehrsverbund mit, dass Jürgen Reißmanns Fall ein Grenzfall sei.  Es liege im Ermessen des Fahrers, ob er einen elektrischen Rollstuhl befördere oder nicht. Man wolle aber überprüfen, ob die Beförderungsbedingungen präziser formuliert werden müssen.  Bisher besagen diese nur, dass sogenannte "Elektromobile" von der Beförderung ausgeschlossen sind. Von elektrischen Rollstühlen steht dort nichts.

Wäre Jürgen Reißmann nicht mehr nach Hause gekommen, hätte es für ihn sehr gefährlich werden können: "Ich bin abends und nachts auf ein Atemgerät angewiesen, im schlimmsten Fall wäre ich an der Bushaltestelle erstickt."Der engagierte Bürger, der im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke tätig ist, hat seinen Anwalt eingeschaltet und erwägt zu klagen. Trotzdem wird er zukünftig weiterhin den Bus benutzen: "Ich bin auf die Freundlichkeit der Busfahrer angewiesen. Zum Glück kann ich mich meistens darauf verlassen."

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Umfrage beginnt: Wie sicher fühlen sich die Menschen in Kassel?

Ab Montag, 18. November, werden 10.000 zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger in der gesamten Stadt Kassel angeschrieben und nach ihrem Sicherheitsempfinden befragt.
Umfrage beginnt: Wie sicher fühlen sich die Menschen in Kassel?

Countdown zum Kasseler Weihnachtsmarkt läuft

Nicht nur der Weihnachtsbaum für den diesjährigen Märchenweihnachtsmarkt stammt aus dem Schwalm-Eder-Kreis. Auch die diesjährige Symbolfigur hat ihre überliefert …
Countdown zum Kasseler Weihnachtsmarkt läuft

Gewaltsam Jacke vom Körper gerissen: Festnahme nach Raub in Kassel

Zeugen hatten Tatverdächtigen am späten Dienstagabend noch zu verfolgen versucht
Gewaltsam Jacke vom Körper gerissen: Festnahme nach Raub in Kassel

„Bezahlung ist nicht gerecht!“: Lehrkräfte an Grundschulen fordern bessere Bedingungen

In ganz Hessen protestieren Grundschullehrer für eine faire Besoldung, die Anerkennung ihrer Arbeit und für bessere Bedingungen in den Schulen. Denn immer mehr …
„Bezahlung ist nicht gerecht!“: Lehrkräfte an Grundschulen fordern bessere Bedingungen

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.