Rückblick, Ausblick und Zukunftspläne: Stadtbaurat Christof Nolda im großen Exklusiv-Interview

Baudezernent Christof Nolda sagt: „Wir müssen stärker in einen lösungsorientierten Austausch kommen“.
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Baudezernent Christof Nolda sagt: „Wir müssen stärker in einen lösungsorientierten Austausch kommen“.

Bezahlbarer Wohnraum, Nachverdichtung, wild herumliegende E-Scooter, die Umgestaltung der alten Altstadt, ein gutes Ladenetz für E-Autos, documenta-Institut oder geplante Fahrradstraßen sind nur einige der Themen, die die Bürger der Stadt bewegen. Und teilweise für erhitzte Gemüter sorgen.

Kassel Wer in den letzten Monaten jemanden treffen wollte, tat das oft draußen. „Zum Spaziergang“ hieß es dann. Denn ein gemeinsamer Gang unter freiem Himmel verändert schnell die Art und Weise, wie und worüber man miteinander spricht. So kamen wir auf die Idee der „Stadtspaziergang“-Reihe. Da die Bereiche Stadtentwicklung, Bauen, Umwelt und Verkehr Themen sind, die immer für große Diskussionen und erhitze Gemüter sorgen, stand für uns diesmal Baudezernent Christof Nolda. Rede und Antwort.

Was macht Kassel für sie lebenswert, Wo sehen sie die Schwächen und wo die Stärken der Stadt?

So viel Grün, so viel Kultur, so viele schöne Plätze und eine so engagierte Stadtgesellschaft, die sich um die Zukunft der Stadt Gedanken macht. Dazu gehören die vielen jungen Menschen an der Uni genauso wie die Aktiven in Wirtschaft und Kultur. Kassel hat eine Umgebung, die einen staunen lässt und nicht nur in der Stadt Überraschungen bereithält. Und bei all dieser Fülle an Möglichkeiten ist Kassel vom Fahrrad aus gesehen bereits die 15-Minuten-Stadt, die andere Städte erst noch werden möchten. Kassel hat echte Standortvorteile sowohl gegenüber Metropolen als auch kleinen Ortschaften für Menschen, die Gesellschaft, Kultur, Natur, kurze Wege und ein gutes Leben miteinander verbinden möchten.

Am „Stern“: Petra Goßmann, Geschäftsführerin EXTRA TIP, Ulf Schaumlöffel, Redaktionsleiter EXTRA TIP (li.), im Gespräch mit Baudezernent Christof Nolda, der u.a. über das Freiluftexperiment in der Unteren Königsstraße sprach.

In Kassel wird ja ganz gerne gemährt. Ich würde mir hier wünschen, dass wir in Diskussionen nicht nur die Probleme benennen, sondern stärker in einen lösungsorientierten Austausch kommen. Mehr miteinander, weniger sich selbst blockierendes Gegeneinander. Dazu gehört auch, dass wir als Stadtgesellschaft durchaus mehr Mut und Selbstbewusstsein an den Tag legen. Auch wenn sich einiges getan hat, glaube ich, dass Kasseläner*innen sich oft noch kleiner denken als sie sind.

Stichwort Wohnraum: Wie und wo könnten in der Stadt mehr „bezahlbare“ Wohnungen entstehen. Der Vordere Westen wird beispielsweise immer teurer. Wie will die Stadt dem entgegenwirken?

Das Ziel ist eine gemischte Stadt – unterschiedliche Menschen wohnen gemeinsam im Stadtteil. Wir arbeiten deshalb eng mit den Wohnungsbaugesellschaften zusammen. Es zeigt sich doch überall: Ein hoher Anteil von Wohnraum in öffentlicher oder genossenschaftlicher Hand ist wesentlich, um Mieten erschwinglich und Quartiere gemischt zu halten. Wichtig ist zudem, dass bei Neubauten auch günstige Wohnungen mit gesicherten Mieten entstehen. Dazu dient die Quote von 30 Prozent, die wir vorgeschrieben haben.

Es gibt deutlichen Bedarf an zusätzlichen Wohnungen in der Stadt. Derzeit haben wir in unterschiedlichem Planungsstand fast 8.000 Wohnungen in Aussicht. Da sind richtig große Projekte dabei: das Martiniquartier, das ehemalige Versorgungsamt an der Frankfurter Str., die Jägerkaserne 2, Salzmann, der Lossegrund in Nordshausen uvm. In all diesen Projekten entstehen gemischte Angebote auch mit sozial gebundenem Wohnraum. Zudem werden wir stärker nachverdichten müssen, auch um wertvollen Boden und liebgewonnene Grünflächen zu schonen. Die meisten dieser Grundstücke befinden sich allerdings in privater Hand – hier sind wir als Stadt stark auf das Engagement der Eigentümer*innen und Baufirmen angewiesen.

Viele Menschen fordern weniger Straßenverkehr in der Stadt und mehr Platz für Radfahrer. Wollen sie daran was ändern? In anderen Städten werden beispielsweise für größere Autos (SUV) schon höhere Anwohnerparkausweisgebührenverlangt, als für Kleine. Ist sowas auch in Kassel bald ein Thema?

Die Verkehrswende ist unser klarer politischer Auftrag. Ziel ist es, die Mobilität von Menschen und Waren zu ermöglichen, gleichzeitig die Sicherheit, Gesundheit und Lebensqualität in der Stadt zu erhöhen und dabei ohne fossile Brennstoffe auszukommen. Das ist auf jeden Fall mit der Umverteilung der Verkehrsarten verbunden. Und das ist eine sehr große Herausforderung.

Das Auto ist weiterhin dominant. Was die Überwindung von Entfernungen angeht, ist das Auto ein individueller Problemlöser, der uns jedoch viele gesellschaftliche Probleme beschert. Es ist in der Regel mit fossilen Antrieben versehen und benötigt im Stadtraum immens viel Platz. Nicht nur das fahrende Auto – erst recht das stehende. Das Fahrrad wird ein wichtiger Teil der Lösung der Mobilitätsfrage der Zukunft sein, umso mehr als E-Fahrräder ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Die Ausweitung und Verbesserung von Bus und Bahn ebenso. Ich bin froh über die Vorschläge des Klimaschutzrats, die die Debatte nach der Zukunft der Mobilität in Kassel erheblich vorangebracht hat.

Es tut sich was: In der vergangenen Woche räumten Bagger Unrat auf dem Gelände der Kulturfabrik Salzmann weg.

Ich möchte eine Verkehrspolitik betreiben, die den Menschen ins Zentrum der Überlegungen stellt und nicht die Autogerechtigkeit von Maßnahmen. Es stehen viele Entscheidungen und durchaus streitbare Diskussionen an. Wir sollten dabei die gemeinsame Verantwortung im Auge behalten – für alle Menschen, zu denen explizit auch die „schwächeren“ Verkehrsteilnehmenden zählen sowie unsere Kinder und künftige Generationen. Klar ist dabei auch, dass das Auto nicht vollends verschwinden wird aus der Stadt. Aber sein Einfluss wird geringer sein als heute.

Über die Preise von Anliegerparken ist dabei auf jeden Fall zu diskutieren. Die Größe als Maßstab halte ich nicht für unbedingt zielführend. Der Ort, die Dauer und der Anlass sollten die Bemessungskriterien sein. Das Landesrecht lässt (anders als in Baden-Württemberg) kommunales Handeln hier bisher nicht zu.

Im Sommer hatte die Stadt angekündigt, das Ladenetz – auch mit Blick auf die documenta – weiter auszubauen. Bis jetzt ist da relativ wenig geschehen, in den letzten Wochen sorgten nur kaputte Ladesäulen am Friedrichsplatz und Karlsplatz (und Fahrer, die keinen Platz zum Laden ihrer Fahrzeuge fanden) für Schlagzeilen. Wann wird die Stadt für E-Autos attraktiver gemacht?

Wir sind in enger Abstimmung mit den Städtischen Werken. Wir haben uns über den möglichen Bedarf heute und in Zukunft Gedanken gemacht und ein Konzept mit priorisierten Standorten vorliegen. Derzeit sind letzte rechtliche Hürden und Details zu klären, was uns nicht davon abhält, in einzelnen Bereichen bereits in die Umsetzung zu gehen. Dazu gehören auch die städtischen Parkhäuser. Hier wird es in den kommenden Monaten einiges an Bewegung geben.

Sie stehen und liegen an jeder Ecke – und gefühlt immer im Weg: E-Scooter. Insgesamt gibt es 1200 Stück in Kassel. Ist das nicht zu viel? Und wie wollen sie Herr darüber werden, dass die Scooter nicht überall rumfliegen?

Was ist die Zukunft der Mobilität? Fahrzeuge werden gemeinsam genutzt – Sharing, Fahrzeuge werden elektrisch betrieben, Fahrzeuge sind kleiner und verwenden weniger Raum in der Stadt. All das trifft auf E-Scooter zu. Problematisch ist ihre Umweltbilanz und, dass sie immer wieder achtlos abgestellt werden. E-Scooter zeigen derzeit vielleicht am eindrücklichsten: So einfach ist die Verkehrswende nicht. Wir werden in den nächsten Jahren viele Neuerungen in unserer Stadt begrüßen und mit ihnen umgehen lernen.

Wir tun gut daran, hier mit Maß voran zu gehen. Welches die richtigen Regeln sind, um mögliche Nachteile zu vermeiden, zeigt sich im Betrieb. Die Regeln des Bundes sind hier leider nicht immer hinreichend. Derzeit erarbeiten wir ein entsprechendes Sondernutzungsrecht um das Abstellen besser zu regeln. Wichtig bei alledem bleibt jedoch auch der Kontext: So viel Platz wie ein Auto nehmen E-Scooter nie ein.

Welche Tätigkeit würden sie in ihrem Job am liebsten weglassen?

Endloses Sitzen in Videokonferenzen. Ich freue mich darauf endlich wieder im echten Gespräch über die Entwicklung dieser Stadt debattieren zu können. Bei aller Wertschätzung für unsere digitalen Möglichkeiten – wir benötigen die Debatte im Raum, in Präsenz, vor Ort – inhaltlich wie persönlich!

Wie gehen sie mit Hass-Reaktionen um?

Ein Baudezernat steht immer auch für sichtbare Veränderung in der städtischen Infrastruktur. Das Bauen ist immer ein Eingriff, bei dem man auch mit negativen Reaktionen umgehen muss. Die Belange der Stadtbevölkerung sind vielfältig und die Verwaltung muss hier den Gesamtblick behalten, um möglichst viel für viele erreichen. Zum Glück können wir mit den allermeisten Menschen sachlich diskutieren.

Dass Kritik in Hass umschlägt, bemerke ich derzeit bei vielen Themen in unserer Gesellschaft. Egal ob im Krankenwagen, im polizeilichen Einsatz oder in der Baubehörde: Überall arbeiten Menschen mit Engagement für uns als Gesellschaft. Ich wünsche mir, dass diesen Menschen in hohem Maße Respekt entgegengebracht wird. Dafür gehe ich auch in die Auseinandersetzung. Für mich gilt auch in der heftigsten Kritik, den möglichen Inhalt aufzuspüren und Dinge nicht persönlich zu nehmen.

Was wollten sie den Kasselern immer schon mal sagen?

Sie leben in einer wunderbaren Stadt, das Grün, die Kultur auch das besondere Engagement der Stadtbevölkerung sowie die Landschaft im Umfeld! Es gibt allen Grund zuversichtlich nach vorne zu blicken und im Sinne einer lebenswerten und klimaneutralen Zukunft mit anzupacken. Aus der Mitte Deutschlands zuversichtlich in die Zukunft. In Kassel haben wir allen Grund dazu!

Zu einer solchen Entwicklung gehört Respekt zu erarbeiteten Plänen und eine ehrliche Diskussion über deren Vor- und Nachteile. Die städtischen Beschäftigten stammen aus Ihrer Mitte und setzen sich tagtäglich mit viel Engagement für Ihr und unser Wohl ein. Machen Sie mit bei der Diskussion und fragen Sie nach. Denn Ihre Haltung ist uns wichtig.

Wie ist ihr Resümee auf das Jahr 2021? Was sagen sie in ihrem Jahresrückblick über ihre Heimatstadt?

Corona hatte uns wieder deutlich im Griff. Ich möchte allen deutlichen Respekt zollen, die sich für die Gesundheit der Bevölkerung engagiert haben. Ich bin auch allen dankbar, die durchgehalten haben, solidarisch waren und in ihrem Wirkungsbereich die Dinge am Laufen gehalten und einander gestützt haben.

Darüber hinaus war 2021 ein Jahr, das viele Entwicklungen und Höhepunkte bereithielt: Wir haben neben der Valentin-Traudt-Schule und der Schule am Heideweg auch den Karlsflügel des Rathauses fertiggestellt und bezogen. Ich lade alle gerne ein, sich dieses schöne neue Bürgerrathaus anzuschauen. Ich denke zudem an den Klimaschutzrat und seine rund 120 Ehrenamtlichen, die mittlerweile 39 Maßnahmenempfehlungen eingebracht haben, wie wir bereits 2030 klimaneutral sein können.

Die Goethestraße wurde zur Fahrradstraße umgestaltet, die Menzelstraße als solche ertüchtigt. Das Freiluftexperiment Untere Königsstraße hat die Potentiale dieses Quartiers deutlich gemacht. Das ehemalige Versorgungsamt an der Frankfurter Straße ist vom Leerstand zum ambitionierten Wohnbauprojekt geworden, die Jägerkaserne steht kurz vor dem Ankauf durch die Stadt, der Katzensprung ist fertig, die Schleuse im Bau, am Wahlebach im Kasseler Osten wachsen in diesem Frühjahr ganz besondere Grünflächen ein. Der Brüder-Grimm-Platz hat die Chance an seine barocke Geschichte anzuknüpfen und wieder zu einem der drei zentralen Plätze in Kassel zu werden.

Mit dem Hotel Hessenland und den Plänen der Volksbank erhält Kassel tolle neue Hotels und setzt so Schlüsselprojekte aus dem Tourismuskonzept um. Wir werden zudem smarter: Mit dem digitalen Zwilling/3D-Modell digitalisieren wir immer mehr unsere Planungsprozesse und machen immer mehr Daten für die Öffentlichkeit nutzbar.

Sind sie mit der aktuellen Situation der Stadt zufrieden?

Es gibt viele Gründe mit unserer schönen Stadt zufrieden zu sein. Einer davon ist zu wissen, dass es an der einen oder anderen Stelle auch noch etwas besser werden kann. Der Georg-Stock-Platz in Wehlheiden ist dafür ein schönes Beispiel. Wir hätten uns mit dem freien Platz, auf dem auch die Wehlheider Kirmes stattfindet, zufriedengeben können. Heute nach dem Wettbewerbsergebnis wissen wir jedoch, was dieser Ort noch alles kann: Wir erhalten alte Bäume und die Kirmes vor Ort, gewinnen aber dazu mehr Wohnen, ein Jugendzentrum und mehr Leben auf einem Platz mitten im Stadtteil.

Welche Schlagzeilen sind in 2022 zu erwarten?

Für meinen Bereich freue ich mich natürlich über gelungene und ansprechende Bauprojekte, eine Stadtentwicklung, die für noch mehr Aufenthaltsqualität und Grün sorgt, über jeden Menschen, der vom Auto aufs Fahrrad oder den ÖPNV umsteigt und über ein Kassel, das den Weg in Richtung Klimaneutralität 2030 fest im Blick hat.

Soll wiederbelebt werden: Das Areal rund ums Hansa Haus in der Kurt-Schumacher-Straße.

Was Sie nun zur Schlagzeile machen, obliegt natürlich Ihnen. Ich erzähle gerne von unseren Projekten. Z.B. möchte ich 2022 in die Weiterentwicklung um den Stern und die Kurt-Schumacher-Straße einsteigen. Der Stern gibt uns die Chance an dieser Stelle den zentralen Knotenpunkt für den öffentlichen Nahverkehr zu gestalten und damit für Entlastung von Königsplatz und Mauerstraße zu sorgen. Ich könnte mir folgendes Bild vorstellen: Alle Umsteigebeziehungen ohne einmal eine Autostraße zu kreuzen, gleichzeitig eine verbesserte Anbindung an die Universität, die Kurt–Schumacher-Straßewird zu einer Straße in der Stadt – nicht durch die Stadt. Das ganze Quartier der alten Altstadt um die Martinskirche bis hin zum Pferdemarkt wird wieder für die Innenstadt erschlossen. Mit der Neugestaltung des Quartiers Pferdemarkt beginnen wir ja bereits dieses Jahr. Insgesamt ist die „neue Altstadt“ aber ein großes Projekt für dieses Jahrzehnt, über das wir zu diskutieren beginnen sollten. Das Freiluftexperiment in der Unteren Königstraße bot bereits ein schönes erstes Zukunftsbild.

Des Weiteren werden wir aufbauend auf den Empfehlungen des Klimaschutzrats eine gemeinsam erarbeitete Gesamtstrategie für die Klimaneutralität Kassels bis 2030 vorlegen. An der Stelle erlauben Sie mir auch den Menschen im Klimaschutzrat und den Themenwerkstätten unter der Leitung von Prof. Martin Hein meinen großen Respekt und meine Dankbarkeit auszusprechen.

Ich würde mir zudem wünschen, 2022 die Lösung für eine Verbesserung des ÖPNV nach Harleshausen vorstellen zu dürfen. Es ist ja breit gehegter Wunsch, die Tramstrecke auszubauen. Im Sinne einer raschen Lösung, kann ich mir jedoch auch die Einrichtung von Schnellbus-Linien vorstellen.

Wie – und vor allem wann – geht’s nun mit dem Areal der Kulturfabrik Salzmann weiter? Der Eigentümer erzählt immer viel, es passiert aber nichts. Muss da nicht die Stadt eingreifen?

Der Bauantrag liegt vor – ist aber noch nicht vollständig. Ich hoffe inständig, dass die Ankündigungen wahr werden. Wir haben alle Türen aufgemacht. Für ein Eingreifen haben wir derzeit keine rechtliche Handhabe. Ich bin dennoch guter Hoffnung, dass es vorangeht. Dieses wichtige Denkmal hat es verdient.

Welche großen Projekte stehen in 2022 an?

Die Entscheidung für den Standort documenta Institut müssen wir gemeinsam treffen. Diese Chance muss die Stadt Kassel ergreifen – das Baudezernat ist für die Diskussion gut vorbereitet. Es gibt mehrere geeignete Standorte. Das Ergebnis wird das Ergebnis der Bürgerbeteiligung sein. Ich bin gespannt.

Das Fuldakonzept ist in der Endabstimmung und soll verabschiedet werden. Es enthält viele tolle Vorschläge und anregende Ideen, wie die Fulda wieder mehr in die Mitte der Stadt rücken kann. Dabei ist nichts in Stein gemeißelt: Das Fuldakonzept wird eine Grundlage für die öffentliche Diskussion bieten – und ich freue mich schon sehr auf den Austausch hierzu!

Der Brüder-Grimm-Platz geht in die Startphase. Wir werden in den kommenden Monaten online und vor Ort Bürger*innen über den Planungsstand informieren und ihre Anregungen und Kritikpunkte einholen. Die Chance für einen neuen, dritten Innenstadtplatz – eine Art Kasseler Museumsinsel mit Museen von internationalem Rang – ist riesig für Kassel.

Der Umbau von Drei Brücken seitens der Deutschen Bahn wird ein Nadelöhr beseitigen und die Stadtteile Harleshausen und Rothenditmold näher zusammenrücken lassen. Jetzt erstmal müssen wir uns mit dieser großen Baustelle beschäftigen. Auf der Friedrich-Ebert-Str. wird nun auch der Abschnitt zwischen Annastraße und Karl-Marx-Platz aufgewertet und mit Radverkehrsspuren versehen. Insgesamt wird der Ausbau der Radinfrastruktur fortgesetzt, mit der Schaffung von insgesamt 1800 Abstellplätzen und Ausweisung weiterer Fahrradstraßen.

In den nächsten Monaten werden wir zudem das Wohnraumversorgungskonzept vorstellen, das uns einen klareren Blick auf die Lage des Wohnungsmarkts und dessen, was zusätzlich zu unseren vielen Aktivitäten zu tun ist, geben wird. Ansonsten sollten wir uns in diesem Jahr wieder auf und über die documenta freuen. Wir halten uns mit Bauen und Verkehrseinschränkungen so gut es geht zurück – planerische Aufgaben haben wir zu Hauf.

Stichwort Hansa-Haus. Das ist ja ein für das Stadtbild durchaus prägendes Haus. Das soll ja angeblich renoviert werden. Wie ist da der Stand der Dinge?

Das Hansa-Haus hat Entwicklungschancen, die von uns deutlich unterstützt werden. Es ist Sache des Investors und der zukünftigen Nutzer*innen hierüber zu erzählen. Die mögliche veränderte Situation auf der Kurt-Schumacher-Straße haben wir dabei natürlich im Blick. Ich selbst sehe das Projekt auf einem guten Weg – wir tun von unserer Seite alles, dieses Areal wiederzubeleben.

Thema Baulücken-Schließung: Bei jeder noch so kleinen Hausbaumaßnahme in Wohngebieten sammeln sich sofort die Gegner (zu hoch, zu breit, keine Sicht mehr auf den Herkules). A) Wie stark hat das zugenommen? Ist das nicht unsolidarisch denjenigen gegenüber, die dort auch gerne wohnen würden?

Wir tun gut daran in der Stadt zusammen und in guter Nachbarschaft zu wohnen. Kurze Wege, den Laden, den Kindergarten, die Schule und den Arbeitsplatz gleich um die Ecke: Das sind die Vorteile der Stadt, das macht sie aus. Und deshalb ist es auch selbstverständlich, dass wir beim Blick aus dem Fenster Nachbarhäuser sehen.

Letztlich steht jedes Haus irgendwie im Weg. Auch das eigene Haus wurde irgendwann der Nachbarschaft vor die Nase gebaut. Dabei sind zwei Dinge wichtig. Es muss Regeln geben, was gebaut werden darf. Das Baurecht in Deutschland und in Hessen hat klare Vorgaben. Diese gelten für alle, ob Bestands- oder Neubau. Die Bauaufsicht achtet streng darauf, dass diese nicht einfachen Regeln eingehalten werden.

Zum anderen sollten sich die Planer*innen und Investierenden darum bemühen die Nachbarschaft nicht überzustrapazieren. Klare Anstandsregeln haben wir in unserer Charta für Baukultur formuliert. Häuser nehmen einen Platz für viele Jahrzehnte ein. Sie sollten nicht nur dem rechtlichen Mindestmaß genügen, sondern auch über ihre Gestalt und/oder die Anordnung der Nachbarschaft positiv wirken. Auch ich würde mir bei vielen Projekten deutlich mehr Engagement in gute Architektur wünschen.

Fahrradstraßen: Sind noch mehr geplant und wenn ja, wo?

Ein klares Ja. Wir wollen für den Radverkehr eine durchgängige Verbindung von Wilhelmshöhe über den Vorderen Westen und Mitte bis nach Nord-Holland schaffen sowie die Radverkehrsverbindung von Süsterfeld-Helleböhn über Wehlheiden in die Südstadt ausbauen. Hier wird bereits heute viel geradelt. Dazu wollen wir einzelne Projekte mit Verkehrsversuchen wie sog. Modalfiltern begleiten.

Für das Königstor und die Nebelthaustraße laufen die Planungen zur Umgestaltung in Fahrradstraßen bereits. Gleiches gilt für den westlichen Abschnitt der Goethestraße, die Regentenstraße und die Heerstraße, sodass der Anschluss zum ICE-Bahnhof hergestellt ist. Auch in der Langen Straße in Wahlershausen soll der Fahrradverkehr Vorrang bekommen.

Gleiches gilt für Teile Wehlheidens: Die in Umsetzung befindliche Fahrradstraße Helleböhnweg/Kleiner Holzweg endet auf Höhe Strindbergstraße, von wo aus wir sie gerne in der ein oder anderen Form weiterführen wollen. Hier rückt insbesondere auch die Heinrich-Heine-Straße wieder in den Fokus. Es ist vorgesehen, das Straßenprojekt in diesem Zusammenhang wieder aufzugreifen. Wir werden dazu das Gespräch zu den beiden relevanten Ortsbeiräten zu gegebener Zeit aufnehmen.

Weiterhin kann der Philosophenweg als denkbare Verlängerung der Fahrradstraße Menzelstraße/Landaustraße genannt werden. Allerdings hat der Beteiligungsprozess dort gerade erst begonnen. Das Ergebnis sollte nicht vorweggenommen werden.

Abgesehen davon gilt es natürlich, die Radschnellverbindung nach Vellmar voranzubringen. Das machen wir gemeinsam mit dem Zweckverband Raum Kassel und der Stadt Vellmar.

Tempo 30 flächendeckend: Ist was geplant?

„Tempo 30 flächendeckend“ war nie geplant und wird es nicht geben. In einer Stadt werden immer unterschiedliche Geschwindigkeiten gelten, auch schnellere wo dies gefahrlos möglich ist. Es ist allerdings so, dass derzeit rund 60 Prozent aller Straßen der Stadt Kassel mit maximal 30 km/h zu befahren sind. Tempo 30 ist de facto der Normalzustand. Es würde daher eine Menge Schilder und Kosten sparen, wenn die Bundesregierung die Regelgeschwindigkeit auf den Normalzustand anpassen würde. Ich bin zudem der Auffassung, dass eine Kommune am besten weiß, auf welchen Straßen gefahrlos schneller oder langsamer gefahren werden kann. Die Möglichkeiten, dieses Wissen umzusetzen ist insbesondere auf Hauptverkehrsstraße derzeit rechtlich jedoch schwierig.

Unabhängig davon bemühen wir uns derzeit im Sinne des Schallschutzes und der Nachtruhe von Anwohnenden Teilbereiche von Straßen nachts auf Tempo 30 zu reduzieren.

Fußverkehrskonzept 2030: wohin soll es führen und wie ist die Bürgerbeteiligung?

Zu Fuß zu gehen ist doch die schönste Art sich zu bewegen. Wir sehen am meisten von unserer Stadt. Wir sind in der Lage uns zu begegnen, uns zu unterhalten, einen Blick in Schaufenster zu werfen und den einen oder anderen Schritt gemeinsam zu machen. Als Stadt achten wir bei allen Projekten darauf, Gehwege breiter zu gestalten. Auf den städtischen Plätzen rechnen wir damit, dass Fußgänger*innen zur Rast kommen wollen und können. Gute Wege, sichere Querungen. Aufenthaltsqualität und Bänke: Um in der Konzeption nichts zu vergessen, haben wir bereits einige Rundgänge in Stadtteilen gemacht. Die gute Ortskenntnis der Menschen, die hier leben, bereichert unser Gesamtplanung sehr.

Gleichzeitig gibt es die Möglichkeit, sich online am Fußverkehrskonzept zu beteiligen. Ich freue mich, dass bisher über 150 Ideen gemeldet wurden und möchte an der Stelle ermuntern, weitere aktiv einzubringen: www.kassel.de/fussverkehr

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