Auf den Spuren der Küchensensation: „Rührfix“ wurde in Nordhessen erfunden und millionenfach verkauft

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1935 als „Rühr- und Schlagvorrichtung“ patentiert, trat der „Rührfix“ von Nordhessen aus den Siegeszug in die deutschen Nachkriegs-Küchen an.

August Heinzerling hat in den 30er-Jahren eine echte Küchensensation erfunden – den "Rührfix". Produziert in Nordhessen, wurde der "Rührfix" weltweit acht Millionen Mal verkauft. Die KulTourAgenten laden jetzt zu einer "Rührfix"-Zeitreise ein.  

Kassel/Morschen. Er ist ein echter Alleskönner, schlägt Sahne und Eischnee, macht geschmeidigen Rührteig und erfrischende Mixgetränke. Kein Wunder, dass der „Rührfix“ in jeden Haushalt gehörte. Der Glasbehälter (später Plastik) mit den zwei Metallquirlen, die per Handkurbel gedreht wurden, war ein legendäres Küchengerät. Bis die elektrischen Rührer und Mixer ihn nach und nach in die hinterste Ecke des Küchenschrankes verdrängten.

„Bis es jedoch soweit war, hatte die Erfindung von August Heinzerling von Kassel aus die Welt erobert“, wie Dr. Bettina Becker von den „KulTourAgenten“ berichtet. Am Mittwoch kommender Woche, 18. Dezember, veranstalten die KulTourAgenten wieder eine Zeitreise. Dieses Mal auf den Spuren vom „Original Rührfix“ in Kassel. Bis 1939 wurde das geniale Küchengerät nämlich am Berliner Platz im Vorderen Westen produziert. Gleich nach dem Krieg begann die Eroberung des Weltmarktes von Morschen aus. „Bis heute hat das kultige Küchengerät Spuren hinterlassen – nicht nur bei Ebay“, sagt Dr. Bettina Becker, die die Zeitreise gemeinsam mit Vereinskollegin Marie Cassebaum und der Erfinder-Tochter Gudrun Reichmann gestaltet.

Nach dem Krieg in Morschen: Rührfix-Erfinder August Heinzerling mit Gattin Käthe und den Kindern Karl und Gudrun.

Seine ersten „Rührfixe“ hatte Reichmanns Vater August Heinzerling nach der Patentierung 1935 als „Rühr- und Schlagvorrichtung“ noch Zuhause in der Riedwiesensiedlung in Kirchditmold produziert. An der ersten echten Produktionsstätte im Haus Tannenkuppenstraße 19 in Kassel wurden dann schon 100 Geräte täglich produziert.

Die in Kassel ausgebombte Familie Heinzerling flüchtete 1945 nach Morschen ins Kloster Haydau. Dort begann August Heinzerling mit dem Wiederaufbau seiner Firma HEIMAG. Ab Ende der 40er Jahre lief die Produktion des Rührfix in Morschen schon wieder auf Hochtouren: bis zu 3.000 Stück verließen in den 50er und 60er Jahren täglich das Werk. Bis 1997 wurde am Standort neben anderen Geräten auch der Rührfix produziert – zu besten Zeiten der Firma von 140 Mitarbeitern.

Doch die wunderbare nordhessische Erfolgsstory erlebte ein tragisches Ende: Renate und Karl Heinzerling, der die Firma von seinem Vater übernommen hatte, wurden feige ermordet. Den Auftrag hatten die Adoptivtöchter gegeben, die 1998 von einer Zivilkammer des Landgerichts Kassel für erbunwürdig erklärt wurden.

Traum jeder Hausfrau: Ein „Rührfix“-Messestand in den 50er Jahren.

Die Versuche, die Firma wiederzubeleben scheiterten, 2004 meldete HEIMAG Insolvenz an. Und nachdem zwischenzeitlich sogar das Edel-Kaufhaus „Manufactum“ den kultigen Rührfix im Angebot hatte, ist er heute nur noch auf Flohmärkten und Online-Plattformen zu finden. Oder in Omas Küchenschrank. Ganz hinten, in der letzten Ecke.

Übrigens: Die Teilnahme an der Rührfix-Zeitreise der KulTourAgenten ist kostenlos, es wird aber um eine Spende gebeten. Und Dr. Bettina Becker verrät noch ein besonderes Schmankerl der Tour: „Rührfix-Spezialitäten können am ehemals ersten Produktionsstandort in Kassel probiert werden.“ Treffpunkt ist am 18. Dezember um 17 Uhr ab 17 Uhr an der Gaststätte „Berliner Keller“, Tannenkuppenstraße 19, 34119 Kassel.

EXTRA-INFO

KulTourAgenten

Die KulTourAgenten sind ein Ende 2018 neu gegründeter gemeinnütziger Verein, der in seinen Veranstaltungen kulturgeschichtlich und architektonisch wichtige Orte in Kassel neu erschließt und einem breiten Publikum vermittelt. Dabei wird an geschichtlich bedeutsame Ereignisse, Objekte und Menschen erinnert, die ihre Spuren hinterlassen haben. Die KulTourAgenten lassen mit „history to go“ Geschichte(n) lebendig werden. www.kultouragenten.de

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