"Russisch Roulette": Ex-Brummifahrer kritisiert Umgang mit Lkw-Sicherheitstechnik

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In dem Lkw, in dem der Fahrer im Februar zwischen Drammetal und Lutterberg tödlich verunglückte, war kein Notbremsassistent (AEBS) verbaut.

Polizei legt nach schärferen Kontrollen auf A7 besorgniserregende Zahlen vor

Göttingen/Kassel. Heimtückische A7: Drei tote Lkw-Fahrer und ein Gefahrgutunfall mit hohem Einsatzpotenzial hielten in den vergangenen vier Wochen die Region in Atem – legte sie über Stunden lahm. Noch immer fährt man mit einem mulmigen Gefühl auf die Beschleunigungsstreifen der Autobahn, stets mit der Befürchtung, es könnte wieder etwas schlimmes passieren. Ein ehemaliger Lastwagenfahrer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, gab der Redaktion den Hinweis, dass der elektronische Notbremsassistent, kurz AEBS genannt, bei älteren, vor allem aus dem Ausland stammenden Fahrzeugen, nicht vorhanden wäre und Fahrer die Technik in neuen Lkw bewusst ausschalten würden: „Manche wollen im Windschatten des Vordermanns Sprit sparen. Andere wollen verhindern, dass das System den Brummi automatisch abbremst, wenn vor ihnen ein Auto einschert. Sie spielen quasi Russich Roulette.“ Das alles sei ein offenes Geheimnis. Bei dem AEBS (Advanced Emergency Braking System) handelt es sich um einen Notbremsassistenten. Das halbautomatische Bremssystem soll vor allem Auffahrunfälle, zum Beispiel durch Unaufmerksamkeit, verhindern oder deren Auswirkungen zumindest abmildern. Die Polizei weiß, dass das AEBS in Lkw auch mal ausgeschaltet wird, kann aber wenig dagegen tun (siehe unten unter "So funktioniert das AEBS"). In der vergangenen Woche teilte die Göttinger Polizei auf Anfrage mit, dass sich kein Notbremsassistent an Bord des Unglücks-Lkw befand, in dem im niedersächsischen Streckenabschnitt Drammetal am 19. Februar ein Fernfahrer nach einem Auffahrunfall starb. Zu den Unfällen, die sich auf hessischer Seite ereigneten, liegen dagegen noch keine Ermittlungsergebnisse vor.

Polizei verschärft Kontrollen

Die Polizei hat auf der A7 zwischen Drammetal und Lutterberg die Verkehrskontrollen verschärft. Dabei kam auch ein Geschwindigkeitsmessgerät zum Einsatz.

Die Polizei reagierte nach den tödlichen Unfällen umgehend. Auf dem Streckenabschnitt zwischen dem niedersächsischen Drammetal und der hessischen Landesgrenze stellten die Beamtem im Zeitraum vom 24. Februar bis 6. März 579 Verkehrsverstöße allein durch Lkw-Fahrer fest: 85 erhielten eine Verwarnung wegen Geschwindigkeitsüberschreitung (10 bis 15 km/h), 445 erhielten eine Anzeige, weil sie mehr als 15 km/h zu schnell unterwegs waren, 23 erhielten ein Fahrverbot. Das Überholverbot ignorierten 47 und 51 wurden wegen Ablenkung (Smartphone, Laptop etc.) belangt. Lediglich zwei hielten den Sicherheitsabstand nicht ein. Matthias Rink, Leiter der Autobahnpolizei Göttingen, spricht von „erschreckenden Zahlen“ und erklärt dazu: „Täglich sind auf dem Abschnitt über 10.000 Lkw unterwegs. Mit den Kontrollen setzen wir ein Signal, dass viele wahrnehmen und dass sich unter den Kraftfahrern herumspricht. Wir werden vermutlich ein halbes Jahr brauchen, bis sich alle wieder an die vorgeschriebenen Geschwindigkeiten halten. Vor allem in den 60er-Zonen.“ Wie Rink informiert, würden viele ausländische Fahrer zu schnell unterwegs sein. Die Ahndung dieser Verstöße gestalte sich schwierig: „Der Landkreis schreibt die Firmen an, die ihre Fahrer benennen müssen. Nicht alle sind zahlungswillig. Wenn sie nicht reagieren, kommen sie auf eine Liste. Werden sie später durch den Zoll kontrolliert werden, kann der anhand dieser Liste das Bußgeld eintreiben.“ Rink könne aus Erfahrung berichten, dass meist nicht Geschwindigkeit oder verminderter Abstand Gründe für schwere Unfälle seien: „Meist liegt es daran, dass die Fahrer abgelenkt sind.“

Anlagen warnen vor Stau

Auf hessischem Gebiet sorgt die A7-Baustelle zwischen Kassel-Nord und Kassel-Mitte für Gefahren: „Hier bilden sich in Richtung Lutterberg Rückstaus, bei denen es immer wieder zu schweren Auffahrunfällen aufgrund der von Rink angesprochenen Unachtsamkeit kommt. An der Stelle habe man den Kontrolldruck erhöht, bei Lkw würden vor allem Überholverbote und Abstandsverstöße geahndet, informiert Matthias Mänz von der Pressestelle des Polizeipräsidiums Nordhessen. Die Unfallursachen der jüngsten tödlichen Lkw-Unfälle seien noch nicht bekannt, derzeit würden Gutachten erstellt, die Ermittlungen liefen, so Mänz weiter. Hessen Mobil hat in der Zwischenzeit reagiert: Am vergangenen Mittwoch wurden zwischen Lutterberg und Kassel-Nord digitale Stauwarnanlagen installiert.

Polizei setzt auf Dialog

Eine weitere Maßnahme, um mit Brummi-Fahrern in Kontakt zu treten und Informationen weiterzugeben sei der monatlich stattfindende „Truckerstammtisch“. Ein vierköpfiges Team der Göttinger Autobahnpolizei lädt hierzu jeden ersten Mittwoch im Monat zu einem Treffen auf der Rastanlage Göttingen-West ein. Wechselnde Schwerpunktthemen rund um Schwerlast- und Fernverkehr werden besprochen. Der nächste Stammtisch findet am 1. April um 18 Uhr statt. Thema: digitale Kontrollgeräte.

So funktioniert das AEBS

Der Notbremsassistent (AEBS) arbeitet folgendermaßen: Ein Radarsignal an der Front des Lkw misst ständig, ob genügend Platz vom vorausfahrenden Fahrzeug vorhanden ist. Wenn der Sicherheitsabstand unterschritten wird, gibt das System zuerst ein Warnsignal aus. Reagiert der Fahrer nicht darauf, schaltet sich das AEBS ein. Der Lkw verlangsamt sich, um Kollisionen zu vermeiden oder zu minimieren. Alle Lkw, die seit 2015 zugelassen wurden und mehr als acht Tonnen wiegen, müssen über dieses Fahrerassistenzsystem verfügen. In einer Aktennotiz des Deutschen Bundestages heißt es dazu: „In der Vergangenheit kam es auf Bundesautobahnen immer wieder zu zum Teil schweren Unfällen, bei denen ein Lkw als Hauptunfallverursacher ungebremst auf ein Stauende aufgefahren ist.“ Zu einem solchen Unglück kam es auf der A7 am 19. Februar am Stauende des Gefahrgutunfalls.

Das droht bei Missachtung

Die Abschaltung des AEBS selbst wird nicht geahndet, da sie schwierig nachzuweisen ist. Dagegen wir die Missachtung des Sicherheitsabstands bestraft: Hat ein Lkw-Fahrer den bei über 50 km/h festgelegten Abstand von 50 Metern nicht vorschriftsmäßig eingehalten, ist ein Bußgeld in Höhe von 80 Euro und ein Punkt fällig. Bei einem mit Gefahrgut, zum Beispiel mit umweltgefährdenden Stoffen, beladenen Lkw wird die Strafe verschärft. Fahrer, die solche Materialien transportieren, haben im Besonderen auf Unfallprävention zu achten. Wurde hier der Sicherheitsabstand zum nächsten Fahrzeug von 50 Metern bei über 50 km/h nicht eingehalten, werden 120 Euro und 1 Punkt fällig. Die gilt übrigens auch für Omnibusse mit Fahrgästen.

+++Zwischenruf+++von Mathias Simon+++

Wie weh müssen Strafen tun, damit sie eine abschreckende Wirkung haben? Blickt man auf deutsche Straßen könnte man meinen, das motorisierte Verkehrsteilnehmer Masochisten sind, denn sie betteln förmlich nach härteren Strafen: Es wird gerast, überholt und gedrängelt was das Zeug hält.

Die Höhe des drohenden Bußgeldes spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Das könnte sich in Zukunft ändern, denn für Verkehrssünder wird es teurer. Der Bundesrat hat Mitte Februar die Änderung der Straßenverkehrsordnung (StVO) beschlossen. Damit verdoppeln sich die Strafen mit einem Schlag. Wer bald innerorts zum Beispiel bis zu 10 km/h zu schnell unterwegs ist, muss statt 15 bald 30 Euro zahlen. Der Führerschein ist einen Monat weg, wenn man innerorts mehr als 21 km/h unterwegs war. So hart waren die Strafen im Bereich der StVO noch nie, aber sie sind leider bitter nötig. Die Regierung hat erkannt, dass sich liquide Bürger von vergleichsweise geringen Strafen nicht beeindrucken lassen.

Dass der Führerschein aber bald schneller weg sein kann, werden viele dagegen nicht mehr auf die leichte Schulter nehmen. Schon gar nicht, wenn sie darauf tagtäglich angewiesen sind oder er sogar ihre berufliche Basis darstellt. Bleibt zu hoffen, dass die Polizei auch stärker kontrollieren wird, um die Straßen – und vor allem die Autobahnen – wieder sicherer zu machen. Der Mensch, ergo auch Brummi- und Autofahrer, lernt offenbar nur über Schmerzen, auch wenn sie in diesem Fall eher freiheitseinschränkender Natur sind: Zu Fuß gehen zu müssen, ist eben für viele immer noch die größte Strafe.

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