Schlamm schippen statt Urlaub genießen: Kasseler packte im Hochwassergebiet mit an

Der Kasseler Thomas Klobuczynski half während seines Urlaubs im Raum Euskirchen.
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Der Kasseler Thomas Klobuczynski half während seines Urlaubs im Raum Euskirchen.
Auch diese Gaststätte in Schweinheim musste komplett ausgeräumt werden. Die Einrichtung wurde durch die Wassermassen zerstört, musste kleingemacht und herausgetragen werden und auch der Kriechkeller lief voller Schlamm. Aufgrund der geringen Deckenhöhe war das Ausschippen besonders anstrengend.
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Auch diese Gaststätte in Schweinheim musste komplett ausgeräumt werden. Die Einrichtung wurde durch die Wassermassen zerstört, musste kleingemacht und herausgetragen werden und auch der Kriechkeller lief voller Schlamm. Aufgrund der geringen Deckenhöhe war das Ausschippen besonders anstrengend.
Vor der Gaststätte hat das Hochwasser einen Wagen in das Brückengeländer gedrückt.
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Vor der Gaststätte hat das Hochwasser einen Wagen in das Brückengeländer gedrückt.
Die Straße unterspült und aufgerissen, die Mauer niedergedrückt. So sah es nach dem Hochwasser rund um Euskirchen aus.
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Die Straße unterspült und aufgerissen, die Mauer niedergedrückt. So sah es nach dem Hochwasser rund um Euskirchen aus.
Die Häuser sind abgesperrt, da sie einsturzgefährdet sind. Der kleine Bach, der durch den Ort Odendorf fließt, ist normalerweise kaum mehr als eine Pfütze. Während des Hochwassers stieg er um bis zu sechs Meter an, berichten Anwohner.
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Die Häuser sind abgesperrt, da sie einsturzgefährdet sind. Der kleine Bach, der durch den Ort Odendorf fließt, ist normalerweise kaum mehr als eine Pfütze. Während des Hochwassers stieg er um bis zu sechs Meter an, berichten Anwohner.
Möbel, Schutt, Müll – von zahlreichen freiwilligen Helfern wurden die zerstörten Keller und Wohnräume leergeräumt...
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Möbel, Schutt, Müll – von zahlreichen freiwilligen Helfern wurden die zerstörten Keller und Wohnräume leergeräumt...
... so dass anschließend Landwirte oder das THW diese Berge mit schwerem Gerät wegräumen konnten.
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... so dass anschließend Landwirte oder das THW diese Berge mit schwerem Gerät wegräumen konnten.
Zahlreiche Kasseler packten im Hochwassergebiet mit an.
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Zahlreiche Kasseler packten im Hochwassergebiet mit an.

„Da muss man helfen“ - Zahlreiche Menschen aus der Region waren von der Hochwasser-Katastrophe in Deutschland erschüttert und fuhren ins Krisengebiet um die Menschen vor Ort zu unterstützen. So auch Thomas Klobuzynski aus Kassel sowie 400 Einsatzkräfte um Thomas Finis vom Dezernatsleiter Brand und Katastrophenschutz im Regierungspräsidium.

Kassel/Euskirchen. Ursprünglich wollte Thomas Klobuczynski vergangenen Woche während seines Urlaubs das Wetter genießen und Rad fahren. Doch dann kam die Hochwasserkatastrophe. „Ich hätte während der Radtour immer im Hinterkopf gehabt, dass ich auch etwas sinnvolles wie helfen hätte tun können“, so der 32-Jährige aus Kassel.

Möbel, Schutt, Müll – von zahlreichen freiwilligen Helfern wurden die zerstörten Keller und Wohnräume leergeräumt... 

Spontan fragt er im Freundes- und Bekanntenkreis nach Spenden, Schippen und Schaufeln, die er mit in den Kreis Euskirchen nehmen kann. Über eine Facebook-Gruppe hat er sich dort mit Betroffenen und anderen freiwilligen Helfern vernetzt. Schnell ist der Kombi vollgeladen, von den rund 350 Euro Spenden werden dringend benötigte Dinge besorgt – eine betroffene Kindertagesstätte im Hochwassergebiet bittet zum Beispiel um Kartons. Der Kasseler packt sie in den Kofferraum und trifft vergangenen Dienstag in Euskirchen ein. „Die Zustände vor Ort waren schockierend. Wir waren anfangs fünf Personen und sind von Haus zu Haus – später von Ort zu Ort – gegangen und haben gefragt, wo wir helfen können. Den ersten Tag haben wir eine völlig zerstörte Gaststätte ausgeräumt. Die Möbel mussten klein gekloppt und herausgetragen werden. Der Kriechkeller war voll Schlamm und in diesem steckten noch die einzelnen Bierflaschen und Fässer.“ Schnell wächst die Helfergruppe auf 25 bis 30 Personen an, die sich über WhatsApp organisieren und schnell zu einem eingespielten Team zusammenwachsen.

... so dass anschließend Landwirte oder das THW diese Berge mit schwerem Gerät wegräumen konnten. 

„Die Kameradschaft war Wahnsinn. Jeder hat so mitgeholfen, wie er konnte. Wir bestanden aus Feuerwehrleuten auf Urlaub, Berlinern, aber auch aus einer Opernsängerin, die tatkräftig mit anpackte.“ Statt im Auto zu schlafen – wie geplant – findet der Kasseler mit weiteren Unterstützern Unterschlupf bei einer Helferin. In den vier Tagen räumten Thomas Klobuczynski und die anderen Helfer fünf Häuser aus, die sie quasi besenrein hinterließen. Bei einer 94-Jährigen stand die holzvertäfelte Wohnung kurzzeitig kompletten unter Wasser. Hier mussten die Holzpaneelen von Boden, Decken und Wänden gerissen werden, damit nicht alles verschimmelt. Ist die gröbste Arbeit in einem Ort getan, geht es weiter zur nächsten Ortschaft, die freigegeben wurde. Morgens fuhr einer als Aufklärer los, schaute sich die Gegebenheiten vor Ort an, schloss sich mit den Zuständigen kurz und rief die anderen zum Einsatzsort. Von Euskirchen geht es so über Schweinheim nach Odendorf und Blessem.

„Schockiert hat mich auch, wie wenig organisiert Bundeswehr, THW und die großen Hilfsorganisationen in einem solchen Katastrophenfall waren. Während die Anwohner und freiwilligen Helfer geschuftet haben, standen Polizisten und Soldaten Däumchen drehend im Schatten. Da wurde stur nach Befehlskette agiert. Gab es keinen Befehl, wurde auch nichts getan. An drei von vier Orten war die Organisation eine Katastrophe“, so der Kasseler, dem besonders der Ort Odendorf ans Herz gewachsen ist.

Auch diese Gaststätte in Schweinheim musste komplett ausgeräumt werden. Die Einrichtung wurde durch die Wassermassen zerstört, musste kleingemacht und herausgetragen werden und auch der Kriechkeller lief voller Schlamm. Aufgrund der geringen Deckenhöhe war das Ausschippen besonders anstrengend

„Hier war die Organisation der Dorfvereine wirklich top, daher war die Motivation bei den Helfern auch umso höher. Hier packten auch alle mit an. Abends gab es Bratwurst und Bier, man hatte Garnituren für die Helfer aufgebaut und wir hatten die Möglichkeit, geschafft und zufrieden den Arbeitstag ausklingen zu lassen und mit den Bewohnern in Ruhe ins Gespräch zu kommen.“

Und die Anwohner erzählten den Helfern viel. Wie schnell der kleine Orbach anschwoll und den Schlamm und das Wasser bis in den ersten Stock brachte, wie manche Anwohner ihre einsturzgefährdeten Häuser nicht verlassen möchten oder die Katastrophe noch gar nicht richtig zu ihnen durchgedrungen ist. „Bei manchen Betroffenen konnte bloß ein Seelsorger helfen. Da konnten wir als Helfer nichts ausrichten“, so der Kasseler, der nach wie vor Kontakt zu der Helfer-Truppe hält und hofft, dass die Region vor weiteren Regenmassen verschont bleibt.

Bis die Ortschaften wieder mit Strom und Gas versorgt werden können oder die Kanalisation funktioniert, wird es noch dauern. Doch dank der vielen Helfer wissen die Betroffenen nun, dass Hilfe manchmal auch ganz unerwartet kommt.

EXTRA INFO: Hochwasser-Hilfe für Odendorf

Im Odendorf im Swisstal herrscht noch immer Ausnahmezustand. Tausende Menschen mussten sich vor den Wassermassen in Sicherheit bringen und räumen nach wie vor ihre Häuser und Wohnungen aus. Vieles ist zerstört. Müllberge stapelten sich noch vergangene Woche die Straßen entlang und warten auf Abholung. Wer Odendorf helfen möchte, JGV Odendorf e.V. DE20 3706 9627 0078 0810 15, Vermerk: Hochwasser

„Pumpen, pumpen, pumpen!!!“ - Nordhessische Einsatzkräfte retten Stollberg

Der Dezernatsleiter Brand und Katastrophenschutz im Regierunspräsidium Thomas Finis schaute im EXTRA TIP-Gespräch auf stressige Tage mit unfassbaren Eindrücken aus dem Hochwassergebieten von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz zurück.

„Wir waren mit nordhessischen Kräften zuerst in Nordrhein-Westfalen. Unser Standort war das Messegelände in Düsseldorf. Dort hatten wir ein Dach über dem Kopf und es war warm. Doch dort waren wir nur selten“, schaut Finis zurück. Spätabends mit dem Vorauskommando angekommen, wurden sie sofort weiter nach Stollberg geleitet.

„Diese Nach werde ich nie vergessen. Das Hochwasser war zwar schon weg, aber die Stadt sah entsetzlich aus: Gespenstische Stille. Kein Licht, Security vor den Kaufhäusern. Das Ausmaß der Verwüstung war unvorstellbar. Autos und Lkws hingen in den Bäumen. Alles war voll Treibgut. Das Wasser hatte acht Meter hoch über der Fahrbahn gestanden. Die Straßen waren teilweise völlig zerstört. Überall riesige Krater.“

Die Stadt war fast menschenleer. Einige wenige Feuerwehrleute, die schon seit 48 Stunden im Einsatz waren, erklärten nur kurz: „Dies ist Euer Abschnitt. Ihr seid auf Euch gestellt. Wir helfen mit örtlichen Lotsen.“ Und dann hieß es nur noch pumpen, pumpen, pumpen. „Das Hochwasser war zwar schon abgelaufen, aber Unterführungen, Keller, Tiefgaragen, das Stadtarchiv waren vollgelaufen. Wir waren drei Tage im Einsatz, haben getan, was wir konnten. Nachts hatten wir nur wenige Stunden Ruhe. Haben in großen Hallen der Messe auf Klappbetten mit Iso-Matten und Schlafsack geschlafen. Mehr als vier, fünf Stunden kamen da nicht zusammen“, denkt er zurück. „Aber es hat sich gelohnt. Wir sind äußerst positiv empfangen worden. Die Bevölkerung war dankbar dafür, dass so viele Nordhessen gekommen waren, um ihnen zu helfen.“

Für Thomas Finis und andere nordhessische Einsatzkräfte ging es weiter. Vom 20. bis 24. Juli war er mit zahlreichen Führungskräften der Berufsfeuerwehr in Rheinland-Pfalz, im Landkreis Ahrweiler, aktiv. Dort war die Lage noch dramatischer.

„Innerhalb einer Stunde war dort der Pegel von fünfzig Zentimeter auf acht Meter gestiegen. Orte waren über Straßen nicht mehr erreichbar. Der Teerbelag der Straßen war weg. Da waren nur noch Riesenflächen Schlamm aus denen einzelne Bäume ragten. Die Ahr hat sich ein neues Bett gegraben. Unfassbare Anblicke. Das war ein Zehntausend-Jahr-Ereignis.“

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