„Schulleitung und Lehrkräfte stehen völlig alleine da!“: Grundschulen öffnen nicht

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Die Grundschullehrerinnen Katja Groh und Christiane Stock von der Bezirksgruppe Grundschule der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Hessen (GEW) setzen sich für ein vernünftig-durchdachtes Konzept für die Grundschulen ein.

Ab Montag öffnen die Schulen in Hessen nach sechs Wochen Schließung aufgrund der Corona-Pandemie für einige Jahrgänge wieder. Die Grundschulen bleiben aber erst einmal geschlossen.

Kassel. Aktualisiert am 29. April um 17.21 Uhr

Grundlage war die überraschend getroffene Entscheidung, dass die Klassen vier, wie die Schüler der Abitur und Prüfungsjahrgänge ab Montag in die Schule zurück- kehren sollen. Vergangenen Mittwochabend gab es aus dem Kultusministerium seitenweise Vorgaben und Ecxel-Tabellen, die die Köpfe der Schulleiterinnen zum Rauchen brachten, denn sie sollten das alles in kürzester Zeit umsetzen – bis spätestens Freitag. Noch während an vielen Grundschulen Organisationskonferenzen liefen hieß es am Freitagmittag: Kommando zurück! Grund dafür war ein Urteil, welches kurzfristig gefällt wurde. Nun hieß es diese Woche nach einer Kultusministerkonferenz am Mittwoch, dass die Grund- schulen öffnen können, wenn Sie die Vorgaben erfüllen.

„Es ist schon beschämend, dass es ein Gerichtsurteil geben muss, welches den Kultusminister in seine Schranken weist. Die Schulleitung und Lehrkräfte hatten teils wirklich schlaflose Nächte aufgrund der Verordnung. Man hat die Schulen mit der Umsetzung völlig allein gelassen“, kritisieren auch die Grundschullehrerinnen Katja Groh und Christiane Stock von der Bezirksfachgruppe Grundschule der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Hessen (GEW) die vorschnelle Planung.

In einer Stellungnahme der GEW heißt es dazu: „Nachdem das Hessische Kultusministerium es über fünf Wochen versäumt hat, ein vernünftiges Konzept für den Wiedereinstieg zu erarbeiten, überschlagen sich jetzt die Informationen über zu treffende Maßnahmen, von den Schulen (!) zu erstellende Hygienekonzepte und mehr als vage Aussagen zur Praxis. Erst am letzten Mittwoch wurden die Schulleitungen seitens des Schulamtes in einem relativ allgemein gehaltenen Schreiben informiert. Anstelle von Hygiene-, Raum- oder Betreuungskonzepten wurde eine Mappe mit Excel-Tabellen für die Aufzeichnung zum Beispiel der zur Verfügung stehenden Lehrkräfte mitgeschickt.“ Doch: „Excel Tabellen lösen die realen und ganz praktischen Probleme nicht! “

Katja Groh und Christiane Stock bemängeln die Maßnahmen, die das Ministerium getroffen hat: „Es ist im Grundschulbereich nicht möglich die Kinder über Stunden – im Einzelfall könnte das von 7.30 bis 14.30 Uhr der Fall sein – von ihren Mitschülern und Freunden fernzuhalten. Wie sollen wir Lehrerinnen das kontrollieren und verantworten? “ Wie soll man Sprache vermitteln, wenn Lehrkräfte beispielsweise einen Mundschutz tragen? Auch die Stunden derjenigen Lehrkräfte, die selbst unter die Risikogruppe fallen und nur freiwillig unterrichten sollen, müssen durch die restlichen Lehrkräfte aufgefangen werden.

„Die Zeit im Homeoffice zur Erstellung der Arbeitsaufträge für die eigenen Schülergruppen bestehen ja trotzdem und die sind zeitlich sehr umfangreich! “, so die Einschätzung von Groh und Stock. In der vierten Klasse sollen in den kommenden Wochen 20 Stunden pro Woche Mathe, Deutsch, Sachkunde, Englisch und allgemeines zur aktuellen Lange unterrichtet werden. Sport- und der Musikunterricht sind verboten. „Hier wird die Gesundheit von Lehrkräften und den Kindern fahrlässig aufs Spiel gesetzt, weil das Konzept für die Schulen nicht realistisch umsetzbar ist. Seit zehn Jahren bemängeln wir beispielsweise fehlende Lehrkräfte oder die steinzeitliche digitale Infrastruktur. Die Themen, die jetzt so aufpoppen und wichtig wären. Leider fehlt der Politik der Bezug zur Realität. Die Bildungsungerechtigkeit steigt zur Zeit weiter dramatisch an! Die Forderungen nach mehr Personal , kleineren Klassen, mehr Zeit pro Kind und besserer digitaler Infrastruktur an Schulen bestehen seit Jahren. Jetzt rächt sich die katastrophale Unterfinanzierung der Bildung “, so Groh und Stock.

Nach dem neuesten Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 28. April können auch die Grundschulen für die Viertklässler öffnen und unter Einhaltung aller Hygienevorgaben des Robert-Koch-Institut den Wiedereinstieg praktizieren. Die Gespräche der Regierung am 30. April bleiben noch abzuwarten. (Erkenntnisse waren zu Redaktionsschluss nicht bekannt). „Ende vom Lied: Nun weiß aktuell wieder keiner, wie es am kommenden Montag für die Viertklässler aussieht. Jetzt entscheidet jede Schule selbst...“, so Katja Groh.

Das sagt der Verband Bildung und Erziehung Hessen (VBE): „Die Lehrkräfte an den Grundschulen sind sprachlos und verärgert!" 

Anders als geplant bleiben die Grundschulen ab der kommenden Woche doch geschlossen. Das hat der Verwaltungsgerichtshof in Kassel entschieden, nachdem eine Schülerin aus Frankfurt einen Eilantrag gegen die Verordnung der Landesregierung gestellt hatte.

Der Beschluss ist unanfechtbar – und wirft alle Pläne der Grundschulen für den Präsenzunterricht ab der kommenden Woche über den Haufen. In der zurückliegenden Woche kamen täglich neue Informationen aus dem Kultusministerium und von den Staatlichen Schulämtern, die Schulen haben sich unter enormem Zeitdruck und trotz verbleibender Unsicherheiten auf die Rückkehr der Viertklässler vorbereitet: Klassen in Lerngruppen eingeteilt, passende Stundenpläne erstellt, die Vorgaben zur Hygiene in für Kinder verständliche Regeln übersetzt (z.B. für Pausenspiele und den Gang zur Toilette), Tische und Bänke umgeräumt, die Aufgaben für Präsenzunterricht und das Lernen zuhause unter den Lehrkräften aufteilt usw.

„In diese angespannte Lage platzt zu allem Überfluss die Nachricht vom Gerichtsbeschluss und müssen wir erneut umplanen. Wir sind sprachlos und verärgert!“, beschreibt der Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Stefan Wesselmann die Stimmung an den Grundschulen.

Der VBE Hessen hatte die frühe Rückkehr der Schulen von Anfang skeptisch gesehen, da die Vorgaben zu Hygiene und Abstand vor allem unter Grundschulkindern kaum einzuhalten und zu kontrollieren sind.

„Gründlichkeit vor Schnelligkeit: Das wäre uns lieber gewesen“, kommentiert Wesselmann die Tatsache, dass der Berichtsbeschluss offenbar möglich wurde, weil die Verordnung mit heißer Nadel gestrickt worden war und somit Angriffspunkte bot. „Der Beschluss des Gerichts ist ein weiteres Zeichen dafür, dass die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts völlig übereilt war.“

Im Laufe dieser Woche konnten die Schulen schon miterleben, dass das HKM die Informationen zu Hygiene und digitalem Unterricht nicht so schnell zur Verfügung stellen konnte wie es für die Schulen notwendig gewesen wäre. „Nun warten wir wieder einmal – und zwar darauf, dass das Kultusministerium Klarheit schafft und erläutert, was die Entscheidung für Schulen, Kinder und Eltern bedeutet.“

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