Angeklagter bestreitet Kopfschuss auf Kasseler Juwelier - Opfer steht bald selbst vor Gericht

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Der Tatort: Am 9. Februar vergangenen Jahres fiel hier der Schuss auf den Kasseler Juwelier.

Ein 38-Jähriger muss sich derzeit vor dem Kasseler Landgericht verantworten. Er soll einem Kasseler Juwelier in den Kopf geschossen haben. Brisant: Das Opfer muss sich nächste Woche selbst vor Gericht verantworten.

Kassel. Er schlurfte mehr zur Anklagebank, als das er ging. Fast so, als hätte er mit der Sache nichts zu tun und befinde sich auf dem Weg ins Fitnessstudio. Er trägt einen schwarzen Trainingsanzug, über seinen breiten Schultern eine blaue Joma Trainingsjacke. An den Seiten ist sein Bart schon grau. Mit seinen Fingern trommelt er lässig auf einem Tetrapack Wasser, den er in seinen Händen hält.

Steht nächste Woche gleich zwei Mal vor Gericht: Der Geschädigte Juwelier aus Kassel, hier mit seinem Anwalt Wolfgang Bohnen.

Der 38-jährige Armenier, der bis zu seiner Festnahme in einer Asylbewerberunterkunft in Wohltorf (Schleswig-Holstein) lebte, muss sich jetzt vor dem Kasseler Landgericht wegen versuchten (Habgier-) Mordes in Tateinheit mit schwerem Raub verantworten. Ihm wird vorgeworfen, einen 53-jährigen Kasseler Juwelier in den Kopf geschossen und Bargeld sowie Schmuck entwendet zu haben. Die Kugel trat dabei hinter dem linken Ohr ein und an der rechten Wange wieder aus. „‘Gib Geld und Gold’ hat er gesagt und dann geschossen. Ich bin seitdem nicht mehr derselbe Mensch, habe Angstzustände“, sagte der Geschädigte vor Gericht. Zur Tatzeit hatte er in einer Tasche rund 45.000 Euro Bargeld und zahlreiche Schmuckstücke und Uhren bei sich. Unter anderem eine Rolex-Damenuhr für rund 31.000 Euro. Es sei nicht ungewöhnlich, dass er so viele Wertgegenstände mit nach Hause nehme, sagte der Juwelier.

Ober- und Unterkiefer von Kugel durchtrennt

Sein Ober- und Unterkiefer wurden durch die Kugel durchtrennt, eine Metallplatte wurde implantiert. Wäre der Schusskanal nur ein Millimeter nach rechts versetzt gewesen, wäre er jetzt tot, hätten ihm die Ärzte gesagt. Er erkannte vor Gericht den Angeklagten klar als Täter, zeigte mehrmals mit dem Finger auf ihn.

Nach dem Schuss soll der Angeklagte dann mit der teuren Tasche des Juweliers geflohen sein. Anschließend soll der 38-Jährige das Diebesgut bei einer 42-jährigen Frau aus Kassel hinterlassen haben. Auch sie muss sich jetzt wegen gemeinschaftlicher Begünstigung vor Gericht verantworten. Der vermeintliche Schütze soll wenig später wieder mit dem Flixbus nach Wohltorf gefahren sein. Doch vorher soll er laut Staatsanwaltschaft noch die 42-Jährige, sowie einen 32-jährigen Mann aus Kassel dabei beaufsichtigt haben, wie sie aus Knetmasse einen Stein herstellten und darin einen Teil der Beute versteckten.

Ebenfalls angeklagt: Eine 42-jährige Frau aus Kassel, die Teile des Diebesgut versteckt haben soll.

Der 32-jährige Mitangeklagte war allerdings nicht im Gerichtssaal, er hat sich vermutlich ins Ausland abgesetzt. Wenige Tage später geriet die 42-Jährige auf der A7 bei Göttingen, sie war wohl auf dem Weg zum Angeklagten, in eine Polizeikontrolle. Mit dabei hatte sie Schmuckstücke, die der Tat zugeordnet werden konnten. Weitere Schmuckstücke fand die Polizei in der Wohnung des Angeklagten und in einem Erdloch an der Prinzenquelle. Die Angeklagten äußerten sich nicht selbst, ließen aber ein Statement durch ihre Anwälte verlesen. Dabei gab die 42-Jährige zu, Schmuck mit sich geführt zu haben, habe aber nicht gewusst, woher der Schmuck stammte. Der Angeklagte bestreitet zur Tatzeit in Kassel gewesen zu sein. Der in seiner Unterkunft gefundene Schmuck könne ihm nicht eindeutig zugeordnet werden, da er dort nicht alleine lebe.

Den Angeklagten kenne er nicht, sagte der Juwelier. Die Frau habe er schon einmal gesehen, sie sei eine Freundin eines Nachbarn. Er habe Freunde ermitteln lassen, diese hätten ihm dann ein Instagramfoto der beiden Angeklagten gezeigt. Vor Schreck sei ihm das Handy aus der Hand gefallen. Der Mann, der da auf der Anklagebank säße, sei ganz klar der Täter, so der Juwelier.

Opfer auch Angeklagter

Der Juwelier aus Kassel steht aber auch noch in einem anderen Fall im Fokus – diesmal als Angeklagter. Ihm wird gewerbsmäßige Hehlerei, Beteiligung an schwerem Bandendiebstahl sowie des unerlaubten Handelns mit Betäubungsmitteln vorgeworfen. Er soll an vier Bandendiebstählen beteiligt gewesen sein. Die gestohlene Ware aus den Wohnungseinbrüchen habe er dann unter dem Deckmantel seines legalen Geschäftes zu einem Bruchteil des tatsächlichen Wertes angekauft. Zudem soll er an verschiedenen Kokaingeschäften beteiligt gewesen sein, so die Anklage.

So geht es weiter

Die Verhandlung wird am Dienstag, 15. Januar, 9 Uhr in Saal D130 fortgesetzt. Es sind noch sieben weitere Verhandlungstage geplant.

Die erste Hauptverhandlung gegen den Kasseler Juwelier findet ebenfalls am Dienstag, 15. Januar, statt. Beginn der Verhandlung ist um 10 Uhr in Saal E119. Für den Fall sind elf Prozesstage angesetzt.

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