Kommentar zum Tatort: Das "Sex-Monster von Kassel"

Sehr geehrter Manfred Krupp,

Sie sind der Intendant des Hessischen Rundfunks und haben Kassel einen Tatort geschenkt. Das „Monster von Kassel“ soll fast zehn Millionen Zuschauer gezogen haben. Herzlichen Glückwunsch. Eine Zeitung in der Schweiz war der Ansicht, dass dieser Tatort zwei große Gewinner gehabt habe – den Hauptdarsteller und die Stadt Kassel.

Bei soviel Lob lohnt es sich doch geradezu, sich mit diesem Krimi mal genauer zu beschäftigen. Der Inhalt: Ein notgeiler Moderator vögelt alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist und vergewaltigt zusätzlich auch noch die junge Tochter der Nachbarn, nachdem er sie unter Alkohol gesetzt hat. Dass das Mädel sich wehrt, dass ihr schlecht wird, juckt den Herrn nicht. Das juckt aber seinen Sohn, der ihn irgendwie erpresst. Deshalb bringt ihn der Stiefvater auf höchst komplizierte Art und Weise um. Er spannt einen Draht über den Weg, den sein Sohn nach einer Feier mit dem Rad nutzt. Den gestürzten Jungen tritt er tot und zerhackt ihn in Stücke. Die verteilt er wiederum auf höchst undurchsichtige Art und Weise von Frankfurt bis zum Herkules. Gott sei Dank geht eine ältere Dame mit ihrem Hund im Wald spazieren, als mal wieder Leichenteile transportiert werden. Ohne sie würden die pfiffigen Kommissare wohl heute noch nach dem Täter suchen.

Besonders schön war auch die Schlusszene. Geschätzt vierzig Frauen stellten sich dem „Sex-Monster von Kassel“ im Polizeipräsidium. Ob er nur so mit ihnen geschlafen hatte oder sie ebenfalls vergewaltigt hatte, blieb wie so vieles andere ungesagt.

 „Wer so eine Sch... produziert hat, hat wirklich keine Ahnung von kriminalpolizeilicher Arbeit. Bei so einer Tat wären Spuren in Hülle und Fülle vorhanden: die Axt, das Fahrzeug, die Kleidung, die Schuhe“, fasste sich ein alterfahrener Kriminalkommissar nur an den Kopf. „Ich habe schon nach fünfzehn Minuten abgeschaltet – nach Äußerungen wie Hessisch-Sibirien und in Kassel fährt nachts kein Bus. Ein schwacher Tatort“, urteilte Hartmut Schäfer, Präsident der nordhessischen Regionalauswahl. „Der Handlungsstrang hatte Privatsenderniveau.“

Immerhin gab es einige stimmungsvolle Bilder aus dem Bergpark. Dem Kommissar hatte aber auch eine Gebissreparatur bei Promi-Zahnarzt Michael Claar nicht geholfen. Bissig wurde er dadurch auch nicht. Noch schlimmer. Er benötigte nicht einmal den Regenschirm Marke Knirps, der ihm in Frankfurt sicherheitshalber zugesteckt worden war. Es regnete in Kassel einfach nicht. Zu blöd!!

 Mit kriminellen Grüßen

Rainer Hahne

 Chefredakteur

P.s. Spannend war der Kommentar eines Ex-Kasselers, der mittlerweile in Berlin wohnt: „Immer wieder erstaunlich, welches Aufsehen es in Kassel gleich erregt, wenn mal eine Filmszene wie in der Treppenstraße gedreht wird. In Berlin beachtet das keiner mehr. Da geht man einfach weiter. Na ja, Kassel ist eben noch nicht soweit.“

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