Sexualisierte Gewalt in Corona-Zeiten: „Jetzt zeigt sich, dass für einige Kinder die Zeit zuhause nicht gut war“

Das faX-Team (v.li.) Florian Michels, Annemarie Selzer und Lieselotte Schaub. 
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Das faX-Team (v.li.) Florian Michels, Annemarie Selzer und Lieselotte Schaub. 

Die aktuelle Polizeistatistik macht deutlich, was viele befürchtet haben: in der Corona-Zeit waren Kinder häufiger Opfer von Missbrauch und sexualisierter Gewalt.

Kassel. Ein Umzug mitten in der Corona-Krise. Seit Mitte September befindet sich faX (früher Amani; wir berichteten hier), die Fachberatungsstelle bei sexualisierte Gewalt in der Unteren Karlsstraße 16. Auch weiterhin ist die Beratungsstelle rund um Annemarie Selzer Anlaufstelle, wenn es um sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen geht.

Wir fragten beim Team nach, ob sich die Corona-Zeit ohne Schule und Betreuung und viel Zeit im Internet während des Homeschoolings auf Kinder und Jugendliche ausgewirkt hat.

Die aktuelle Polizeiliche Kriminalstatistik 2020 (PKS) zeichnet ein deutliches Bild: „Kindesmissbrauch ist um 6,8 Prozent auf über 14.500 Fälle gestiegen. Stark angestiegen sind mit 53 Prozent auf 18.761 Fälle die Zahlen bei Missbrauchsabbildungen, sogenannter Kinderpornografie. Auch die starke Zunahme bei der Verbreitung von Missbrauchsabbildungen durch Minderjährige war in 2020 besorgniserregend: Laut PKS hat sich die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die Missbrauchsabbildungen – insbesondere in Sozialen Medien –weiterverbreiteten, erwarben, besaßen oder herstellten, in Deutschland seit 2018 mehr als verfünffacht – von damals 1.373 auf 7.643 angezeigte Fälle im vergangenen Jahr. (...) Durch Lockdown, Homeschooling und weniger Freizeitaktivitäten seien die Kinder den Gefahren im Internet vermehrt ausgesetzt. Gleichzeitig seien auch mehr Täter durch den Lockdown im Netz aktiv. “

Auch Annemarie Selzer, Lieselotte Schaub und Florian Michels von faX befürchten, dass sie vermehrt Anfragen erhalten, sobald die Kinder und Jugendlichen wieder regelmäßig in Schule oder Kita präsent und somit ‚sichtbar‘ sind. „Dann wird sich leider deutlich zeigen, dass die Monate zuhause für einige Kinder nicht nur gut waren. “

Denn oftmals sind es Helfersysteme – also Lehrkräfte oder Sozialarbeiter – denen sich die Betroffenen anvertrauen und die ihre Schützlinge an die Beratungsstelle vermitteln. Um möglichst übergreifend Betroffenen helfen zu können, bietet faX über das Kultus- und Sozialministerium Fortbildungen für Lehrkräfte und Einrichtungen an, erstellt Schutzkonzepte und erhält auch vermehrt Nachfragen aus dem Kita-Bereich.

Auch die Suche nach Fachanwälten in Kassel, die sich mit dem Thema sexualisierte Gewalt auskennen, ist gar nicht so einfach. „Wer kann hier beraten? Wir versuchen uns untereinander viel auszutauschen, um die Betroffenen an die richtigen Stellen vermitteln zu können. Daher haben wir auch festgestellt, dass es nach wie vor zu wenig Therapieplätze, beispielsweise in der Traumatherapie, gibt.“ Mit insgesamt drei Teilzeitstellen ist das Team von faX seit dem 1. Januar 2021 auch für den Landkreis Kassel zuständig.

Abzuwarten bleibt auch, wie sich das Anzeigeverhalten in nächster Zeit noch ändert, da der Besitz von Kinderpornografie nun als Verbrechen und nicht mehr nur als Vergehen eingestuft wird. Denn je härter die Strafen, je größer das Medienecho und je umfassender die Verfahren werden, desto mehr Opfer trauen sich eventuell auch, den Schritt zur Beratungsstelle zu gehen und sich Hilfe zu holen.

Dass das Internet nicht nur Gefahren birgt, sondern auch viel Aufklärung für Jugendliche bietet, zeigt ein Präventionsprojekt, welches (sobald möglich) in einer neunten Klasse starten soll. „Hier haben sich Schüler selbst gewünscht, dass Thema sexualisierte Gewalt aufgrund des viral gegangenen Videos ‚Männerwelten‘ von Joko und Klaas (siehe Artikelende) zu beleuchten. Wie sichtbar ist Gewalt? Wer hat Schuld und wie kann man Verhalten anpassen? Kinder und Jugendliche sind mittlerweile sehr hoch sensibilisiert, wenn es beispielsweise um das Thema Diskriminierung geht“, erzählt Lieselotte Schaub von der Beratungsstelle.

Auch unter Corona-Maßnahmen bleibt faX geöffnet. Hilfe gibt es aber auch per Messenger Telegram oder Signal unter 0176 23346140.

„Täter haben keine Skrupel, Nacktbilder zu fordern“ - Das sagt die Polizei Nordhessen zum Thema

Wir fragten bei der Polizei nach, in wie weit diese die Erfahrungen der Beratungsstelle teilen.

Gab es seit der Pandemie vermehrt Anzeigen bezüglich sexualisierter Gewalt? Insbesondere von jüngeren und jugendlichen Opfern? Unsere Ermittler des für Sexualdelikte zuständigen Kommissariats 12 der Kasseler Kripo können seit der Pandemie ein leicht erhöhtes Aufkommen von Strafanzeigen mit sexualisierter Gewalt feststellen.

Die Strafen für Kindesmissbrauch (Symbolfoto) sind verschärft worden.

Wir haben hierzu die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik in dem Deliktsbereich „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ für den Bereich Stadt und Landkreis Kassel in den Jahren 2019 und 2020 ausgewertet. Hierunter fallen verschiedene Straftaten, wie sexuelle Übergriffe, sexuelle Nötigung, sexueller Missbrauch, sexuelle Belästigung oder auch das Herstellen oder Verbreiten pornografischer Schriften. In diesem Deliktsbereich gab es 2019 insgesamt 55 registrierte Straftaten, bei denen Jugendliche Opfer waren und 67 Straftaten, bei denen Kinder Opfer wurden. In 150 Fällen waren die Opfer Heranwachsende oder Erwachsene.

Im Jahr 2020 waren es 52 Straftaten mit jugendlichen Opfern und 81 Straftaten, bei denen Kinder die Opfer waren. In 183 registrierten Fällen handelte es sich bei der Opfern um Heranwachsende und Erwachsene.

Hat sich das Anzeigeverhalten bei sexualisierter Gewalt generell geändert? Häufiger wurden die Anzeigen wegen sexualisierter Gewalt in Pandemie-Zeiten per Online-Anzeige erstattet, weil einzelne Opfer es nach Einschätzung der Ermittler vermeiden, den direkten Kontakt zur Polizei zu suchen. Eine gesunkene Hemmschwelle zur Anzeigenerstattung ist nicht festzustellen, allerdings bedarf eine Anzeige über das Online-Portal oftmals weniger Überwindung. Die Möglichkeit der Online-Anzeigenerstattung wurde aber insgesamt in Pandemie-Zeiten in allen Deliktsbereichen, also nicht nur bei Sexualdelikten, vermehrt genutzt.

Gibt es vermehrt Anzeigen, weil die Hemmungen gesunken sind oder weil sich gerade auch jugendliche Mädchen Belästigung nicht mehr gefallen lassen? Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass Opfer sexualisierter Gewalt in den vergangenen Jahren häufiger Anzeige erstatten. Dies hängt auch damit zusammen, dass Frauen aufgrund von Berichterstattungen in den Medien häufig aufgeklärter über ihre Rechte sind, als es früher der Fall war. Darüber hinaus sind die Opfer aufgrund der guten Öffentlichkeitsarbeit von Behörden sowie Hilfseinrichtungen heute besser informiert, an wen sie sich wenden können, wenn sie Hilfe benötigen. Dazu haben sicherlich auch Debatten wie #metoo beigetragen.

Gibt es Schwerpunkte, mit denen das K12 in Corona-Zeiten besonders zu tun hat/hatte? Einen Anstieg der Fälle können die Ermittler des K 12 in Corona-Zeiten bei den Sachverhalten verzeichnen, bei denen sexualisiertes Verhalten unter Kindern und Jugendlichen über soziale Medien erfolgt, wobei es oft dazu kommt, dass Nacktbilder, in der Regel von minderjährigen weiblichen Opfern, angefordert beziehungsweise durch männliche Kontaktpersonen unaufgefordert zugesendet werden.

Oftmals sind die Täter auch deutlich älter als die Opfer im Kindes- und Jugendalter. Über die Kommunikation, bei der sich die Täter online mitunter auch jünger ausgeben, kommt es zu Aufforderungen, über das Sexualleben Auskunft zu geben oder Fotos zuzuleiten, wobei auch keine Skrupel bestehen, Nacktbilder oder Bilder/ und Videos sexueller Handlungen zu fordern. Grundlage der Forderung ist regelmäßig die Nötigung, bereits vorhandene Kommunikation oder erste übermittelte Bilder den Kontaktpersonen im sozialen Umfeld zukommen zu lassen. Die Anzeigenerstattung erfolgt häufig erst dann, wenn sich Kinder/ Jugendliche hilfesuchend an Vertrauenspersonen oder die Eltern wenden.

In der Regel besteht zwischen Opfern und Tätern eine Vorbeziehung, im Besonderen bei sogenannten „hands on“ – Delikten, bei denen es zum Körperkontakt zwischen Opfer und Täter kommt. Vermehrt werden Beziehungen über soziale Medien aufgebaut, wobei es nicht in jedem Fall zum persönlichen Treffen kommt. Sexuelle Belästigungen werden hingegen gelegentlich durch Fremdtäter begangen und nicht immer angezeigt.

EXTRA INFO: Männerwelten

Männerwelten ist ein 15-minütiger Film über Sexismus und sexualisierte Gewalt von Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf. Frauen berichten darin u.a. von tätlichen sexualisierten Angriffen. In einem Raum werden Kleidungsstücke gezeigt, die Betroffene getragen haben, als sie vergewaltigt wurden. Prominente Frauen lesen Postings über sich selbst vor, in denen sie mit sexualisierter Gewalt bedroht und beleidigt werden. Die Veröffentlichung zur Hauptsendezeit im Mai 2020 schlug hohe Wellen. Die Aktion wurde kürzlich mit dem Nannen-Preis 2021 ausgezeichnet.

https://youtu.be/uc0P2k7zIb4

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