Sexuelle Belästigung: Wo fängt es an, wo hört es auf, was kann man/frau tun

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Die 20-jährige Studentin Noa Jansma veröffentlichte über vier Wochen Fotos von Männern, die sie auf offener Straße belästigt haben. Sie wolle, dass Männer verstehen, „wie falsch ihr Verhalten ist. Ich möchte beim Betrachter ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es niemals ein Kompliment ist, einer Frau auf der Straße Anzüglichkeiten hinterher zu rufen, und dass keine Frau es so auffassen wird. Frauen möchte ich zeigen, dass es nicht normal ist und wir es nicht hinnehmen müssen, nur weil es tagtäglich passiert.“

Auch in Kassel bleiben Mädchen und Frauen nicht vor dummen Anmachen, anzüglichen Gesten oder Übergriffen verschont. Doch wo fängt sexuelle Belästigung an?

Kassel. Die Welt blickt nach Hollywood, empört sich über die sexuellen Belästigungen, die für viele Frauen weltweit und fernab des Showbusiness Alltag sind. Der aktuelle Skandal um Hollywoods-Filmproduzent Harvey Weinstein hat die Debatte, die Donald Trump (immerhin Präsident der USA) mit seinem Ausdruck „Grab them by the pussy“ (übersetzt: Greif ihnen zwischen die Beine) losgetreten hatte, erneut angestoßen. Auch in Kassel bleiben Mädchen und Frauen nicht vor dummen Anmachen, anzüglichen Gesten oder Übergriffen verschont, wie aktuelle Zahlen der Polizei zeigen. Doch wo fängt sexuelle Belästigung an? „Reicht“ schon ein ekliger Spruch eines Fremden auf der Straße?

Kriminalhauptkommissarin Martina Schierer, stellvertretende Leiterin des für Sexualdelikte zuständigen K12s.

Die Frauenbeauftragte der Stadt Kassel Dr. Ute Giebhardt dazu: „In Deutschland wurde das Sexualstrafrecht in 2016 nach jahrelangen Forderungen von Frauenverbänden reformiert. Erst seitdem ist sexuelle Belästigung überhaupt strafbar (§184i StGB), bezogen auf körperliche Berührung in sexuell bestimmter Weise. Eklige Sprüche müssten über Regelungen zur Beleidigung angegangen. Die letzte große repräsentative Erhebung in Deutschland wurde 2004 gemacht, danach hatten 58,2 Prozent aller befragten Frauen Situationen sexueller Belästigung erlebt, in der Öffentlichkeit, bei Arbeit und Ausbildung oder im sozialen Nahraum. Eine neuere Studie von 2014 der Europäischen Grundrechteagentur stellt in einer europaweiten Untersuchung fest, dass jede fünfte Frau seit dem Alter von 15 Jahren ungewollt berührt, umarmt oder geküsst wurde.“ Gerne wird Frauen auch eine Mitschuld gegeben. „Dann hättest du dich nicht so anziehen dürfen“, „Warum gehst du auch alleine auf die Straße?“, „Warum hast du dich nicht gewehrt?“

Die entscheidende Frage sollte hingegen lauten: Wieso hat der Angreifer nicht aufgehört, als er gemerkt hat, dass er gegen den Willen des Opfers handelt? Dem Opfer eine Mitschuld zu geben, ist niemals richtig, denn eine jede Frau und ein jeder Mann sollte sich so kleiden und geben dürfen, ohne dass irgendjemand darin eine Aufforderung oder Einladung zur sexuellen Belästigung sieht. Und Nein heißt Nein (siehe unten).

EXTRA INFO: Nein heißt Nein

Kasseler Bloggerin Lisa Marie alias Mia Morgan erlebte selbst schon öfter sexuelle Belästigung, sogar von eigenen Bekannten. Bei Facebook äußerte sie sich zu der #MeToo-Kampagne: „Jeder Mann, der eine Frau gegen ihren Willen berührt oder diesen zu brechen versucht hat, hat sich vorher dazu entschieden. Und keine Shots und keine Lines und keine Teile können einem die Fähigkeit rauben, zu erkennen, ob dein Gegenüber verdammt nochmal nicht das selbe will, wie du!“

Seit November 2016 sind gesetzlichen Neuregelungen in Kraft getreten (§§ 177-179 StGB, §184i StGB): Ein sexueller Übergriff ist dann strafbar, wenn er gegen den erkennbaren Willen einer Person ausgeführt wird. Es kommt nicht mehr darauf an, ob eine betroffene Person sich gegen den Übergriff gewehrt hat oder warum ihr dies nicht gelungen ist. Alle nicht-einverständlichen sexuellen Handlungen werden unter Strafe gestellt. Ganz neu eingeführt wird der Straftatbestand der sexuellen Belästigung. Im öffentlichen Raum erleben Frauen und Mädchen es immer wieder, angefasst, begrapscht und sexuell massiv belästigt zu werden. Es gibt nun die Möglichkeit, sofort oder später eine Anzeige zu erstatten. Die Polizei muss diese Anzeigen aufnehmen und weiterverfolgen. (Quelle: Nein heißt Nein Berlin)

Ein KOMMENTAR zum Thema

Um eins direkt vorweg zu sagen: Es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen nett gemeinten Komplimenten und anzüglichen Sprüchen und Gesten. Es ist kein Kompliment, wenn man auf offener Straße von einem Fremden von oben bis unten gemustert, angezwinkert und einem zugeraunt wird „Verdammt, in deinen Hintern würde ich gerne mal beißen!“ Das ist falsch, widerlich und auch nicht schmeichelhaft! Auch der Begriff ‘Objekt der Begierde’ ist völlig überholt, denn Frauen sollten heutzutage keine Objekte mehr sein, schon gar nicht der Begierde. Doch leider führen sich auch im 21. Jahrhundert noch (manche) Männer so auf, als könnte man eine Frau wie einen Hund zu sich pfeifen, als hätte sie brav, still und gefügig zu sein. Die Zahl der sexuellen Übergriffe ist nach wie vor alarmierend und die Dunkelziffer enorm hoch. Jede Frau erlebt im Laufe ihres Lebens Situationen, in denen sie belästigt, gedemütigt und als Spielball der Männer gesehen wird – doch kaum eine dieser Begegnungen hat weitreichende Folgen. Leider.

Dem Typen, der mir anzügliches hinterherruft, antworte ich dementsprechend deutlich, doch wird es ihn davon abhalten, es bei der nächsten Frau ähnlich zu tun? Kann und sollte man solche Typen direkt anzeigen? Die Frage, wie man sich richtig wehrt, ist schwierig. „Ach, sei nicht so empfindlich, das war doch nur Spaß“ bekommt man (meist von Männern) zu hören. Freundinnen nicken oftmals wissend. Doch wo hört die Grenze des dummen Spruches auf und wo beginnt Belästigung, die geahndet werden sollte? Über die Sozialen Netzwerke finden sich immer mehr Betroffene. Eine junge Frau aus Amsterdam errichtete einen eigenen Instagram-Account „dearcatcallers” und stellte Selfies von sich und denjenigen online, die sie auf offener Straße belästigten. Unter dem Hashtag #MeToo (übers.: Ich auch) meldeten sich nach dem aktuellen Hollywoodskandal tausende Frauen weltweit, die ebenfalls sexuell angegriffen wurden. Auf sarkastische Art setzte sich der Hashstag #NoWomenEver (übers.: keine Frau jemals) mit dem Thema auseinander. Auch hier schildern (zumeist) Frauen ihren Alltag, beispielsweise „Er fasste mir an den Hintern, als ich von der Toilette kam und in dem Moment wusste ich es einfach: Ich hatte den Einen gefunden... #NoWomenEver.“ Es scheint noch ein weiter Weg, bis Frauen unbehelligt durch ihr Leben gehen können und keine ‘Frau jemals wieder’ belästigt wird.

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