"Sie haben meinen Charly sterben lassen"

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Fuldabrück. Ohne Betäubungsspritze konnte Hanna Huber ihren Hund nicht zum Tierarzt bringen. Doch sieben Veterinäre lehnen Hausbesuche ab.

Fuldabrück. Als Hanna Huber am Montag von der Arbeit kommt,  ist es still im Haus. Kein freudiges Bellen, als sie die Tür aufschließt. Kein Anstubsen, als sie die Taschen in den Flur stellt. "Charly fehlt mir so", sagt die 52-Jährige aus Fuldabrück-Bergshausen traurig. Im Welpenalter hat sie den Schäferhund zu sich genommen, jetzt ist Charly tot. Seine Besitzerin erhebt schwere Vorwürfe. "Mein Hund hat sich tagelang gequält. Und keinen Tierarzt hat es interessiert".

Das Drama beginnt in der Nacht auf den 31. Januar. Gegen 2 Uhr hört Hanna Huber  ihren Schäferhund heulen, auch aufstehen kann er kaum, zieht einen Hinterlauf nach. Die 52-Jährige vermutet, dass die Schmerzen von Charlys Hüftfehlstellung kommen. Doch Charly jault weiter. Hanna Huber ist klar: Ihr Hund muss in eine Tierarztpraxis. Nur wie sie ihn transportieren soll, weiß die 52-Jährige nicht: Charly wiegt 47 Kilo, lässt sich seit einem traumatischen Erlebnis im Welpenalter keinen Maulkorb anziehen und wegen seiner starken Schmerzen nicht anheben. "Es war unmöglich, ihn zu befördern", sagt Hanna Huber.

"Ich habe doch nichts Unmögliches verlangt"

Noch in der Nacht ruft sie in der Kleintierklinik Doering, an, in der Charly Patient ist. Doch ihre Bitte, dass ein Arzt vorbeikommt, um Charly zu betäuben, wird abgelehnt. Die Begründung: Hausbesuche seien im Leistungsumfang nicht enthalten.

Hanna Huber wartet bis zum nächsten Morgen. Als ihr Hund vor Schmerzen weiterheult, ruft sie noch einmal in der Tierklinik an. Wieder heißt es, sie müsse ihren Hund selbst vorbeibringen. "Ich habe doch nichts Unmögliches verlangt. Nur eine Spritze, damit ich mein Tier dorthin bringen kann, wo ihm geholfen wird". Doch Charlys Qualen gehen weiter. Drei Tage lang versucht Hanna Huber vergeblich, einen Arzt zu finden, der den Hund betäubt. Sieben Praxen ruft sie an, doch keiner ist bereit, einen Hausbesuch zu machen. Mal ist der Kalender voll, mal kein Auto da oder die Versorgung vor Ort nur bei Pferden möglich.

Tod durch Einschläfern

Erst am Sonntag, als der Schäferhund nur noch robben kann, erklärt sich ein Tierarzt aus Guxhagen bereit, vorbeizukommen. ­Als er den völlig erschöpften Hund sieht, dessen Hinterläufe mittlerweile angeschwollen und taub sind, vermutet er einen schweren Bandscheibenvorfall. Gemeinsam mit Hanna Huber beschließt der Veterinär, den siebeneinhalbjährigen Rüden  einzuschläfern. "Am Ende war der Tod eine Erlösung für uns beide", sagt sie.

Geblieben ist die Wut. "Was ist das für ein Tierschutzgesetz, das zulässt, dass ein Tier sich so quälen muss? Aber wenn ein Halter sein Tier schlecht behandelt, dann steht er sofort am Pranger und bekommt eine Anzeige", so die 52-Jährige. Mehr als 1.000 Euro habe sie in den letzten fünf Monaten für Charlys Behandlung in der Klinik Dr. Doering gelassen. "Doch diese eine Spritze, die war nicht drin", so Hanna Huber.

+++ EXTRA INFO: Das sagt die Landestierärztekammer Hessen +++

"Aus Sicht des Tierhalters ist der Fall natürlich tragisch", so Dr. Ingo Stammberger, Präsident der Landestierärztekammer Hessen. Trotzde­m verteidigt er die Tierärzte: Ein niedergelassener Tierarzt müsse die Versorgung seiner Klienten zwar an Wochenenden, Feiertagen und nachts gewährleisten. Die Versorgung durch Hausbesuche sei in der Berufsordnung aber nicht geregelt. "Eine Verpflichtung für Hausbesuche besteht damit nicht", so   Dr. Ingo Stammberger. Der Fall sei ein Paradebeispiel für die  Erwartungshaltung der Tierbesitzer. "In der heutigen Zeit,  in der  Tiere den Stellenwert eines Familienmitglieds haben, denken die Besitzer, sie rufen die 112 und es kommt Hilfe. Aber Tiermedizin ist keine Humanmedizin".

Das sagt Dr. W. Doering (Tierklinik)

Auf Nachfrage erklärt Dr. W. Doering, er wisse nur von einem nächtlichen Anruf in seiner Klinik. "In der Situation  kann die diensthabende Kollegin nicht verlassen". Zu den normalen Dienstzeiten hätte sich aber ein Hausbesuch organisieren lassen müssen, so Doering. "Ich kenne viele Kollegen, die rausfahren. Möglicherweise hat Frau Huber die falschen angerufen."

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