„Spahn macht ernst, das finde ich sensationell“: Prof. Dr. Noah über die Behandlung von Lipödem

Prof. Dr. Magnus Noah operiert in seiner Noahklinik pro Jahr 150 Lipödem-Patientinnen.
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Prof. Dr. Magnus Noah operiert in seiner Noahklinik pro Jahr 150 Lipödem-Patientinnen.

Anfang des Jahres sorgte die Aussage von Gesundheitsminister Jens Spahn für Diskussionsstoff in den Medien: Er will Fettabsaugungen (Liposuktionen) bei der Fettverteilungsstörung Lipödem zur Kassenleistung machen.

Kassel. Jede zehnte Frau soll von der Erkrankung (siehe unten) betroffen sein und in den sozialen Netzwerken sorgte diese hoffnungsvolle Aussage für Begeisterungsstürme, da die Kassen die operative Amputation der schmerzhaften und krankhaft veränderten Fettzellen in der Regel nicht zahlt und so Summen von über 10.000 Euro von den Patientinnen selbst getragen werden müssen.

Eine Studie, ob die operative Methode den gewünschten Nutzen bringt und als Kassenleistung gelten sollte, läuft im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) seit 2017 – bislang stehen jedoch nur die Leitlinien (was der G-Ba dazu sagt, lesen Sie weiter unten).

Wir befragten Prof. Dr. med. Ernst Magnus Noah – Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie in der Noahklinik Kassel.

EXTRA TIP: Prof. Noah, wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung und den Vorstoß von Gesundheitsminister Spahn? 

Prof. Dr. Noah: „Es ist für die Lipödem-Patientinnen sicherlich gut, dass das Thema derzeit so präsent ist. Den Vorschlag von Herrn Spahn dagegen halte ich für einen gelungenen PR-Coup. Da hat ihm einer seiner Berater nach dem verlorenen Parteivorsitz gesagt ‘Komm, hier ist ein Thema, was viele Frauen betrifft’ und da hat er einen Spruch rausgehauen. Mit seiner progressiven Politik macht er den leidenden Frauen Hoffnung, ist in aller Munde und hat tausende von Klicks erhalten. Ob er allerdings den Erwartungen gerecht werden kann, halte ich für fraglich.“ (Anmerkung der Redaktion: Das Interview wurde vor Bekanntgabe der aktuellen Ereignisse geführt; siehe unten)

Warum zahlen die Krankenkassen die nötigen Operationen nicht? 

„Das Problem bei Lipödem ist, dass es keine apparative Möglichkeit der Diagnose gibt. Es gibt also keinen Test, den man durchführen kann und dann klar sagen kann ‘Sie haben krankhaft veränderte Fettzellen und somit Lipödem’. Hinzu kommen verschiedene Stadien. Bei Stadium 1 denkt man als Außenstehender vielleicht, dass die Person ein bisschen dicke Beine hat. Ab Stadium 2 und gerade bei 3 sieht dann jeder, dass etwas nicht stimmt. Die täglichen Schmerzen, an denen die Patientinnen leiden, und die Bemühungen mit Sport und gesunder Ernährung sehen wir ja nicht. Dadurch wurden möglicherweise auch einige Anträge an die Kasse gestellt, die nicht nötig gewesen wären und seit einem Urteil des Bundessozialgerichts in Kassel im April 2018 können die Krankenkassen die Kostenübernahme komplett ablehnen. Vor drei, vier Jahren lagen die Chancen für eine Kostenübernahme unserer Patientinnen bei 50 Prozent. Jetzt ist es fast auf 0 herunter gegangen.“

Wie geht es jetzt weiter für die Betroffenen? 

„Die Wahrscheinlichkeit, dass bezüglich der Studie bis 2025 irgendetwas passiert, halte ich für gering. Ich kenne die Anforderungen von Studien, die wir bei uns im Hause durchführen und bislang sind noch nicht einmal eine Aufsichtsbehörde oder Klinikzentren gefunden worden. Wir haben uns ebenfalls für die Studie beworben und noch keinerlei Infos erhalten. Die Behauptung, dass es zum Lipödem noch keine Studien gibt, ist falsch. Es gibt Nachweise, dass die Operationen helfen, die Schmerzen zu lindern. Zumal eine Liposuktion bei Lipödem auch keine „hübsche“ Absaugung ist. Da geht es darum, großflächig das kranke Fett zu entfernen und nicht, um die Optik zu verbessern. Für die Betroffenen wäre es das beste gewesen, wenn man bis zum Ende der Studie das individuelle Genehmigungsverfahren beibehalten hätte.“

Kurz nach diesem Interview kam die Nachricht, dass die Krankenkassen ab dem 1. Januar 2020 die Op-Kosten für Stadium 3-Patienten übernehmen werden. 

Darauf angesprochen erzählt uns Prof. Dr. Noah: "Das ist sensationell! Ich freue mich wahnsinnig für die betroffenen Patienten. Es ist ein echter Hammer."

Spahn setzt erste Hilfe für kranke Frauen durch

Nach massivem Druck durch Gesundheitsminister Jens Spahn will der Gemeinsame Bundesauschuss die Behandlung von Frauen mit krankhaften Fettverteilungsstörungen (Liposuktion) jetzt doch auf Krankenkassenkosten gestatten. Das geht aus einem Brief des Selbstverwaltungsgremiums an den Gesundheitsminister hervor.

Darin wird vorgeschlagen, zunächst besonders stark betroffenen Frauen zu helfen (Stadium 3) und parallel dazu in einer Studie die Behandlung prinzipiell zu bewerten. Die Leistung soll den betroffenen Frauen ab 1. Januar 2020 zur Verfügung stehen.

Dazu erklärte Gesundheitsminister Jens Spahn den Zeitungen der Funke-Mediengruppe: „Das ist eine gute Nachricht für Tausende Frauen, die unter krankhaften Fettverteilungsstörungen leiden. Endlich hat sich der Gemeinsame Bundesausschuss bewegt und ermöglicht Hilfe für die besonders betroffenen Patientinnen.“

Spahn hatte in einem Änderungsantrag zum geplanten Terminservicestellen-Gesetz vorgeschlagen, dem Gesetzgeber in Ausnahmefällen zu erlauben, auch unabhängig vom Votum des G-BA den Leistungskatalog zu bestimmen. Laut Bundesgesundheitsministerium wird dieser Plan zurückgezogen. Gleichwohl will Spahn die Verfahren im G-BA künftig deutlich beschleunigen.

So sollen die Fristen verkürzt werden, in denen der G-BA Anträge bearbeiten muss. Und das Gesundheitsministerium soll in den Fälle, in denen diese Fristen verletzt werden, selber übers weitere Verfahren entscheiden können.

Das sagt der G-BA

Der G-BA bestätigt, dass ein Verfahrensvorschlag, der die Liposuktion für Frauen mit Lipödem im Stadium 3 der Erkrankung als Kassenleistung ab dem 1.1.2020 - verbunden mit besonderen Qualitätsanforderungen, Nachbeobachtungs- und Dokumentationspflichten - vorsieht, an das Bundesministerium für Gesundheit gemacht wurde.

Die beschlossene und in der Vergabe befindliche Erprobungsstudie läuft wie geplant bis 2024 weiter. Deshalb soll die Leistung für Betroffene im Stadium 3 auch bis 2024 befristet werden, um dann im Lichte der Studienergebnisse erneut entscheiden zu können.

Über das Lipödem

Das Lipödem bezeichnet eine symmetrische Fettverteilungsstörung, die meistens an Beinen und/oder Armen auftritt und nur Frauen betrifft. Es handelt sich dabei um eine voranschreitende chronische Krankheit, die oft mit "Reiterhosen" verwechselt wird. Da sich ein Lipödem rein augenscheinlich zunächst nur sehr schwer bis gar nicht von einer Fettleibigkeit unterscheidet, leiden viele Patientinnen häufig jahrelang unter falschen Diagnosen und bekommen immer wieder den Rat, abzunehmen. Selbst bei einer Gewichtsreduktion verändern sich die betroffenen Körperregionen jedoch nicht. Ein wichtiges Kriterium ist die Schmerzhaftigkeit des Lipödems.

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