Spannend: Medizinhistorische Ausstellung im Technik Museum

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Der Kasseler Dr. Horst Haferkamp besitzt die größte private medizinhistorische Sammlung Deutschlands. Das Technik Museum Kassel zeigt seine Schätze.

Kassel. Wenn am Sonntag die neue Sonderausstellung im Technik Museum Kasseleröffnet wird, dürfte sich Jutta Haferkamp ganz besonders freuen. Ihr Mann, Dr. Horst Haferkamp, besitzt eine der größten privaten Sammlungen für Medizingeschichte in Deutschland. Eine bemerkenswerte Ansammlung von  Instrumenten und Gerätschaften der letzten 150  Jahre – die allerdings den Keller verstopfte. Bis jetzt. "Hier sind die Schätze viel besser aufgehoben", sagt Dr. Horst Haferkamp mit Blick auf die Vitrinen, in denen seine Fundstücke seit dieser Woche präsentiert werden.

Tripperspritzen und Kieferklammern

Ob  Tripperspritze, Kieferklammern, Amputationssäge oder Obduktionsbesteck der Deutschen Wehrmacht: Die Sonderausstellung des Technik Museums zeigt, wie Mediziner ab Mitte des 19. Jahrhunderts arbeiteten. Neben Stücken aus Haferkamps Privatbesitz sind auch Leihgaben anderer Museen vertreten. "Die deutschen Einigungskriege zwischen 1864 und 1871 waren die ersten unter Beobachtung des Internationalen Roten Kreuzes. Vorher  wurden die Verwundeten einfach liegengelassen",  erzählt Dr. Horst Haferkamp und zeigt das Diorama, das eine Sanitätsszene mit preußischen Sanitätern zeigt. Um das Schmuckstück mit Zinnfiguren zu bekommen, ist der 74-Jährige dreimal nach Dresden gefahren. "Mehr Herzklopfen hatte ich nur beim Lister-Spray", sagt er und zeigt auf den Dampfapparat, mit dem Carbol auf den Operationsbereich gesprüht wurde,  um diesen zu desinfizieren.

Renommierter Handchirurg

Wie es im OP-Saal zugeht, weiß Dr. Horst Haferkamp nur zu gut. Mehr als 47 Jahre arbeitete der gebürtige Rheinländer als Chirurg, leitete unter anderem elf Jahre lang die Handchirurgie am Klinikum und operierte  anschließend drei Jahre an der Vitos Orthopädischen Klinik. Die Sammelleidenschaft begann, als Haferkamp im Bremer Joseph-Stift arbeitete. In einem  Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckte er alte Medizin-Utensilien – und nahm sie mit. "Ich finde Medizingeschichte einfach hochspannend", sagt er. Viele Exponate hätten heute nur noch Gruselfaktor. So wie das Multifunktionsgerät, mit dem sogenannte "Kriegszitterer" durch Stromstöße in Gliedmaßen, Hoden oder Lippen so lange malträtiert wurden, bis sie vermeintlich wieder fronttauglich waren.  Andere Ausstellungsstücke seien jedoch noch immer aktuell, wie etwa das Operationsbesteck, das sich kaum verändert hat.

Einen Meilenstein hat die Medizin einem Kasseler zu verdanken: Dr. Franz Kuhn (1866-1929), erster Chirurg am Kasseler Elisabeth-Krankenhaus, hatte 1901 die Intubationsnarkose in der Chirurgie eingeführt und  gilt als Begründer der modernen Anästhesie. "Nur leider wissen das die Kasseler nicht", sagt Haferkamp, der bis heute auf der Suche nach dem Kuhn’schen Tubus ist. Auch dass Kuhn später gemeinsam mit dem Apotheker Carl Braun ein steriles, resorbierbares Nahtmaterial entwickelt und  damit den Grundstein  für  die Entwicklung der Firma B. Braun zum Weltkonzern legt, sei weitgehend unbekannt.  Sollte die Ausstellung gut angenommen werden, wird sie dauerhaft im Technik Museum zu sehen sein. Jutta Haferkamp hätte sicher nichts dagegen.

+++ EXTRA INFO: Die Sonderausstellung +++

Die "Medizinhistorische Ausstellung zum Ersten Weltkrieg" ist noch bis zum 30. März im Technik Museum Kassel, Wolfhager Straße 109 (Bushaltestelle Brandaustraße) zu sehen. Ergänzt wird die Schau durch Schilderungen der Familie Günter aus Wiesenthal (Rhön), deren Erlebnisse während des Ersten Weltkriegs in großformatigen Tafeln nachzulesen sind.Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 14 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 17 Uhr; letzter Einlass 16.15 Uhr.Infos unter Tel.  0561-86190400 oder auf www.tmk-kassel.de

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