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Staatstheater-Intendant Florian Lutz: „Für das Publikum in Kassel Theater machen zu dürfen, ist bereichernd“ 

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Von: Ulf Schaumlöffel

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Bringt frischen Wind ans Kasseler Staatstheater: Intendant Florian Lutz.
Bringt frischen Wind ans Kasseler Staatstheater: Intendant Florian Lutz. © Foto: Harry Soremski

Florian Lutz ist ein profilierter Opernintendant und -Regisseur, der mit seinen Konzepten breits die Oper Halle von 2016 bis 2020 als eines der innovativsten Musiktheaterhäuser Deutschlands in den Fokus der Fachwelt rücken ließ.

Das war ein starker und gelungener Auftritt: Der neue Staatstheater Kassel-Intendant Florian Lutz trumpfte bei der Eröffnung der neuen Spielzeit Ende Oktober gleich mit sechs Premieren an einem Wochenende auf und hat seitdem am Kasseler Theater schon vieles mehr bewegt.

Florian Lutz ist ein profilierter Opernintendant und -Regisseur, der mit seinen Konzepten die Oper Halle von 2016 bis 2020 als eines der innovativsten Musiktheaterhäuser Deutschlands in den Fokus der Fachwelt rücken ließ. Wir trafen uns mit dem 43-Jährigen Backstage, um mehr über seine Pläne und Arbeit zu erfahren.

 Wie arbeitet ein Theater in diesen unruhigen Zeiten?

Glücklicherweise konnten wir in den vergangenen fünf Monaten dieser ersten Spielzeit am Staatstheater Kassel alle 20 szenischen Premieren, vier Sinfoniekonzerte, verschiedenen kleineren Konzertformate sowie diversen Diskurs- und Gesprächsangebote trotz Pandemie-bedingter Einschränkungen auf die Bühne bringen und künstlerisch so anspruchsvoll und vielfältig gestalten, wie wir uns das – gemeinsam mit den vielen beteiligten Künstlerinnen und Künstlern – vorgenommen hatten. Wir freuen uns sehr, dass so viele Zuschauerinnen und Zuschauer uns bei dieser spannenden Reise in unserer ersten Saisonhälfte in Kassel begleitet haben und dass bei uns am Theater trotz oder vielleicht manchmal auch gerade wegen dieser „unruhigen Zeiten“ so produktiv und hochmotiviert weitergearbeitet wurde.

Natürlich mussten wir – wie die meisten Betriebe in anderen Branchen auch – unsere internen Abläufe auf die aktuellen Kontakt- und Hygiene-Bestimmungen hin überprüfen und arbeiten seit mittlerweile zwei Jahren mit extrem strengen Hygiene-Konzepten und engmaschigen Teststrategien. Auch der Publikums-Verkehr musste in dieser Zeit immer wieder eingeschränkt werden und wird auch weiterhin ca. monatlich an neue Verordnungen angepasst. Wir hatten in den letzten Monaten teilweise drastische Reduktionen der Sitzplatzzahlen vorzunehmen und sind sehr erleichtert, dass wir mittlerweile wieder bei ca. 50 % der Saalkapazitäten spielen und diese ab dem 04. März noch mal so erhöhen dürfen, dass wir die große Zuschauer*innen-Nachfrage nach unseren Tickets wieder voll bedienen können.

Hinter den Kulissen: Florian Lutz, Intendant vom Staatstheater Kassel (li.), im Gespräch mit Petra Goßmann, Geschäftsführerin EXTRA TIP und Ulf Schaumlöffel, Redaktionsleiter EXTRA TIP. Foto: Soremski
Hinter den Kulissen: Florian Lutz, Intendant vom Staatstheater Kassel (li.), im Gespräch mit Petra Goßmann, Geschäftsführerin EXTRA TIP und Ulf Schaumlöffel, Redaktionsleiter EXTRA TIP. Foto: Soremski © Foto: Harry Soremski

Haben sie durch die Coronazeit viele Mitarbeiter wie Statisten/Beleuchter verloren?

Nein, ganz im Gegenteil: da der Intendanzwechsel im Sommer 2021 mitten in der Pandemie lag und anlässlich dieses Neustartes ca. 50 neue, hochqualifizierte und extrem engagierte Mitarbeitende in den verschiedensten Abteilungen des Staatstheaters neu bei uns begonnen haben, kann man sagen, dass wir während der Coronazeit eher einen Zuwachs an hochkarätigen Kollegen verzeichneten.

Was macht Kassel für sie lebenswert, Wo sehen sie die Schwächen und wo die Stärken der Stadt?

Kassel hat aus meiner Sicht ganz viele Qualitäten, die zu einer großartigen Lebensqualität beitragen: eine einzigartig vielseitige und großstädtische Kultur – in Form der staatlich bezuschussten institutionellen Kultur wie in Form einer spannenden freien Szene – wunderbare Parks und ein traumhaftes Umland, eine ganze Reihe sehr schöner Restaurants und Bars und vor allem ein Publikum, das im Zusammenhang mit der alle fünf Jahre stattfindenden documenta eine große Aufgeschlossenheit und Neugierde mitbringt. Da ist Theatermachen richtig bereichernd und beglückend.

Welche Tätigkeit würden sie in ihrem Job am liebsten weglassen?

Wenn es Tätigkeiten bei meiner Aufgabe als Intendant gäbe die ich gerne weglassen würde und das auch ohne Nachteile für das Theater oder für mich vertreten könnte, dann hätte ich es bereits getan. Aber in der Tat ist meine Arbeit als Intendant des Staatstheaters gerade in ihrer Komplexität und Vielseitigkeit so interessant und herausfordernd, dass ich sie gerade richtig gerne mache.

Sie waren von 2016 bis 2020 Intendant der Oper Halle. Unter ihrer Leitung hat sich das Haus zu einem der innovativsten Orte zeitgenössischen Musiktheaters entwickelt und rückte wieder in den Fokus der überregionalen und nationalen Fachwelt. Mit ihrer Raumbühne haben sie u.a. auch schon in Kassel für Furore gesorgt. Welche Innovationen stehen für das Kasseler Theater noch auf dem Programm?

Tatsächlich war die Rauminstallation PANDAEMONIUM, in der wir von September bis Dezember 2021 den Opernspielplan mit seinen ersten fünf Premieren gestaltet haben, so spannend und erfolgreich, dass nicht nur viele Zuschauer*innen uns eine sehr positive oder begeisterte Rückmeldung dazu gegeben haben, sondern auch die meisten Presse-Reaktionen fielen lobend aus. Die Süddeutsche Zeitung schrieb über unsere Spielzeiteröffnung: „Kassel erfindet mit seiner Raumbühne die Zukunft der Oper“ und tatsächlich würde ich diesen innovativen Umgang mit neuen Raumkonstellationen – auch im Musiktheater – in der ferneren Zukunft gerne weiterverfolgen.

In den nächsten Monaten stehen für das Kasseler Theater erstmal zwei große Innovationen auf der klassischen Opernbühne auf dem Programm: am 04. Juni 2022 hat die Uraufführung des Auftragswerkes Blitze sprechen Deutsch von Felix Leuschner nach einem Libretto von Dietmar Dath Premiere und wird von Florentine Klepper in Szene gesetzt. Unser Generalmusikdirektor Francesco Angelico leitet die Produktion musikalisch, die der Auftakt einer Reihe von jährlichen Musiktheater-Uraufführungen sein soll, die dezidiert für das Staatstheater Kassel geschrieben werden. Und gleich im Anschluss bringen der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnasson und die bildende Künstlerin Anna Run Tryggvadottir mit dem spartenübergreifenden Projekt Temple of Alternative Histories anlässlich der documenta 15 ein Projekt gemeinsam mit unseren Musiktheater-, Schauspiel- und Tanzensembles, dem Opern-Chor, dem Staatsorchester unter der Leitung unseres ersten Kapellmeisters Mario Hartmuth, sowie digitalen Technologien, Wissenschaft und Kunst auf den Weg, das eine einzigartige und extrem innovative Kreation darstellt (Premiere: 09. Juli).

Wie lockt man junge Leute und Publikum von außerhalb ins Theater?

Dafür gibt es meiner Erfahrung nach nicht das eine Universalrezept, sondern es bedarf einer guten Mischung aus spannenden neuen Stücken, Inhalten und Formen, mit der die jungen Menschen von heute etwas anfangen können (das ist u.a. auch eine der Motivationen für die innovativen Raumsetzungen oder Spielplan-Konzepte), einer aufwendigen Vermittlungsarbeit von Öffentlichkeitsarbeit und Theaterpädagogik und des emphatischen und ehrlichen Umgangs damit, dass wir die klassischen bildungsbürgerlichen Grundannahmen unserer Kunstform nicht mehr als selbstverständlich und allgemein bekannt voraus setzen können, sondern in einer immer diverser und komplexer werdenden Gesellschaft den klassischen Kanon und seine formalen Implikationen immer wieder auf ihre Relevanz befragen müssen.

Was waren Ihre Beobachtungen in den ersten Tagen in Kassel: Wie ticken hier die Besucher?

Die Besucherinnen und Besucher stellen in Kassel eine sehr heterogene Gruppe von Menschen dar und „ticken“ entsprechend unterschiedlich. Je nach Spielstätte, Sparte, Genre und künstlerischer Ausrichtung der Inszenierung oder des Konzertes treffen sich bei uns die unterschiedlichsten Personengruppen mit einer sehr großen Bandbreite an künstlerischen Interessen und Vorlieben. Entsprechend divers versuchen wir unser Programm zu gestalten und für die verschiedenen Ausrichtungen Angebote auf höchstem Niveau zu ermöglichen. Aber eine große Besonderheit des Kasseler Publikums ist auf jeden Fall die außerordentliche Neugierde und Aufgeschlossenheit auf neue Standpunkte und Sichtweisen im Theater – das hat vermutlich auch mit den jahrelangen documenta- Erfahrungen zu tun, die die Menschen hier in ihrem Rezeptionsverhalten geprägt haben.

Was wollten sie den Kasselern immer schon mal sagen?

Ihr habt so ein phantastisches Theater hier in der Stadt – vielleicht das älteste nördlich der Alpen und zugleich das modernste südlich des Nordpols – und so ein erstklassiges Orchester – sicherlich eines der Traditionsreichsten in Deutschland und zugleich so zeitgemäß und fresh, dass es jüngst zum „Orchester des Wandels“ geworden ist: nutzt dieses wunderbare und einzigartige Angebot aus, das hier von der öffentlichen Hand finanziert wird, und geht einmal pro Woche hin!

Welche Frage möchten sie gern mal gestellt bekommen?

Wollen Sie gerne bei uns in der Zeitung ein ausführliches Interview zu Ihrer aktuellen Theaterarbeit geben, das unseren Leserinnen und Lesern einen möglichst guten Einblick in Ihr umfangreiches Theater- und Konzert-Angebot gibt, damit sie dann noch zahlreicher zu Ihnen ins Theater kommen?

Wird es im Sommer eine Zusammenarbeit mit der documenta geben?

Neben verschiedenen kleineren Berührungspunkten wie Gastspielen bei uns im TiF oder im Schauspielhaus und gemeinsamen Talk- oder Diskursformaten, bemühen wir uns – wie schon erwähnt – zur Zeit um eine große und außerordentliche Kooperation in Form der spartenübergreifenden Kreation Temple of Alternative Histories die der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnasson und die bildende Künstlerin Anna Rún Tryggvadóttir anlässlich der documenta 15 auf den Weg bringen. Dieses Projekt könnte in seinem interdisziplinären Charakter und seinem offenen Umgang mit den drängenden sozialen und ökologischen Fragen unserer Zeit eine einzigartige und extrem innovative Theaterform hervorbringen – darauf freuen wir am Staatstheater uns sehr (Premiere ist am 09. Juli).

Ein gesellschaftliches Highlight in Kassel ist der Theaterball, der alle zwei Jahre stattfindet. Coronabedingt musste er 2021 ausfallen. Wann dürfen wir wieder im Theater tanzen?

Nachdem ich es sehr bedauert habe, dass dieses wunderbare gesellschaftliche Ereignis letztes Jahr ausfallen musste, haben wir lange an der Alternative festgehalten, den Theaterball im Herbst 2022 zu planen, aber aufgrund der nach wir vor hohen Inzidenzzahlen und Kontaktbeschränkungen, die zur Zeit noch gelten, mussten wir gemeinsam mit der Fördergesellschaft des Staatstheaters – die den Theaterball mit uns zusammen austrägt – leider entscheiden, ihn nochmal um ein Jahr auf November 2023 zu verschieben. Wir sind zwar sicher, dass wir in den nächsten Monaten Theater spielen können und gehen davon zuversichtlich auch für den Herbst diesen Jahres aus, ob aber tatsächlich alle Einschränkungen (wie Abstandregeln und vor allem der Maskenzwang) dann dauerhaft aufgehoben sein werden, das vermag im Moment keiner zuverlässig zu sagen. Da diese Freiheiten aber notwendig für einen ausgelassenen und überbordenden Theaterball zu sein scheinen, haben wir ihn schweren Herzens um ein weiteres Jahr verschoben.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit am besten?

Bei Endproben von der Seitenbühne aus auf das zentrale Bühnen-Geschehen schauen und zu sehen, wie die Stücke mit Schauspiel, Musik, Bühnentechnik, Kostümen, Maske. Licht, etc. zusammenwachsen und zu den überwältigenden Kunstwerken werden, die kurz darauf das Licht der Öffentlichkeit erblicken und unser Publikum erfreuen.

Was sind ihre persönlichen Highlights im diesjährigen Theaterprogramm?

In den nächsten Wochen und Monaten gibt es eine ganze Reihe von Highlights bei uns im Programm der verschiedenen Sparten und Spielstätten und ich freue mich sehr, dass wir seit März auch wieder eine so hohe Platzkapazität anbieten dürfen, dass wir die große Kartennachfrage bedienen können, die es in Anbetracht der spannenden Stücke und Projekte beim Publikum gibt.

Im Opernhaus können Sie sich neben den bereits bekannten Produktionen Cabaret, Freischütz und Peter und der Wolf sowie den beiden modernen Stücke Blitze sprechen Deutsch und Temple of Alternative Histories (die ich bereits zuvor erwähnt habe) auf die zwei Neuproduktionen freuen, die als nächstes auf die Bühne kommen. Mit der Dreigroschenoper gibt der FAUST-Preisträger für Musiktheaterregie Martin G. Berger sein Regiedebut am Staatstheater und inszeniert den beliebten Klassiker von Brecht und Weill gemeinsam mit dem Schauspielensemble als nostalgische Revue der 20-er-Jahre (Premiere: 19. März). Die selten gespielte Grande Opéra La muette de Portici von Daniel Auber wird bei uns von Paul-Georg Dittrich inszeniert und von unserem neuen koordinierten ersten Kapellmeister Kirill Stankow dirigiert (Premiere: 01. April) und wird ein echtes Fest für Opernliebhaber*innen.

Im Schauspiel entsteht parallel zur Dreigroschenoper die Uraufführung der Komödie Ein Mann der Kunst nach dem erfolgreichen Roman von Kristof Magnusson in der Regie von Dariusch Yazdkhasti (Premiere: 08. April). Mit dem Komödien-Klassiker Der Kirschgarten von Anton Tschechow stellt sich der gefeierte junge Regisseur Jan Friedrich erstmals in Kassel vor (Premiere: 07. Mai). Und gleich am Tag darauf feiern wir die Premiere von Your Very Own Double Crisis Club, einem „übersetzten Klagelied mit furchtbarem Akzent von Sivan Ben Yishai“ als Sightseeing-Tour der besonderen Art durch Kassel in der Regie von Laura N. Junghanns (Premiere: 08. Mai).

Im Tanz freuen wir uns nach den beiden erfolgreichen Doppelabenden Schwanensee im Schauspielhaus und Stille/Sadim im TiF nun auf die große Uraufführung Janus der israelischen Star-Choreographin Noa Wertheim (Premiere: 05. März) und die Neukreation mein körper schwerelos von Maciej Kuzminski mit dem Staatsorchester unter der Leitung von Mario Hartmuth (Premiere: 29. April) im Opernhaus. Pünktlich zur Eröffnung der documenta 15 wird die avancierte spanische Choreographin und Performance-Künstlerin Candela Capitán im TiF die Produktion 19762 zur Premiere bringen, die zugleich den dritten Beitrag zu unserer Tanz-Reihe im TiF Let’s talk about Sex darstellt (Premiere: 18. Juni).

Bei all diesen Theaterabenden freuen wir uns sehr auf Ihren Besuch und laden Sie herzlich auch zu unserem vielfältigen Programm der Konzertsparte und des Jungen Staatstheaters ein. Das Staatstheater Kassel spielt bereits seit vergangenem September wieder in allen Spielstätten und Sparten mit großem Engagement und sinnlicher Freude für Sie Theater, Tanz und Konzerte und garantiert durch seine konsequenten Hygienekonzepte zugleich auch bei den nach wie vor anhaltenden Einschränkungen durch die Pandemie einen so denkbar hohen Standard an Vorsichtsmaßnahmen, dass sich das Publikum bei uns wohl und sicher fühlen kann.

Zur Person: Florian Lutz

Florian Lutz wurde 1979 in Köln geboren und studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie in Berlin. Neben verschiedenen Publikationen zu Musik- und Operngeschichte arbeitete er seit 2003 als freischaffender Theater- und Opernregisseur. Von 2016 bis 2020 war Florian Lutz Intendant der Oper Halle.

Im Sommer 2019 erhielt die Oper Halle den „Theaterpreis des Bundes“ durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters und wurde in der Kritikerumfrage DER DEUTSCHEN BÜHNE 2019 mit insgesamt elf Nennungen ausgezeichnet. Das Haus gewann die Kategorie für das „innovativste Format“ für die vierteilige Überschreibung der Grand opera L’Africaine von Giacomo Meyerbeer und Florian Lutz gewann in der Kategorie „Beste Regieleistung“ neben Romeo Castellucci. Nicht zuletzt aufgrund dieser künstlerischen und kulturpolitischen Erfolge wurde er im November 2019 zum zukünftigen Intendanten des Staatstheaters Kassel ernannt und trat in dieser Funktion im August 2021 die Nachfolge von Thomas Bockelmann an.

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