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Straftaten in 2021: Extrem viele Fahrraddiebstähle, mehr Kindesmissbräuche und Angriffe auf Einsatzkräfte

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Von: Nadja Feldle

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Stellten die aktuellen Zahlen der Kriminalstatistik vor: Polizei-Präsident Konrad Stelzenbach und Pressesprecher Dirk Bartoldus. 
Stellten die aktuellen Zahlen der Kriminalstatistik vor: Polizei-Präsident Konrad Stelzenbach und Pressesprecher Dirk Bartoldus.  © Feldle

Die Aufklärungsquote im Bereich des Polizeipräsidiums Nordhessen bleibt hoch – und das, obwohl die Fallzahlen zum Vorjahr leicht gestiegen sind. Besonderes einige Themen machen Sorgen.

Kassel. Bei der Pressekonferenz zur Kriminalstatistik 2021 stellten Polizeipräsident Konrad Stelzenbach und Polizei-Pressesprecher Dirk Bartoldus die aktuellen Zahlen vor. 2021 konnten insgesamt 25.738 Straftaten geklärt und 17.357 Straftäter ermittelt werden. In den vergangenen 20 Jahren sind die Fallzahlen im Allgemeinen um fast 20.000 Fälle zurückgegangen.

Besonders auch durch die Pandemie sind die Zahlen zurückgegangen, besonders mit dem Augenmerk auf Wohnungseinbrüche, die auch vorher schon rückläufig waren. Aufgrund des Lockdowns sind viele Menschen zuhause im Homeoffice, aufgrund der zeitweisen Grenzkontrollen gab es weniger reisende Tätergruppen, die sehr professionell vorgegangen sind, und generell scheitern – zum Glück – 50 Prozent der Einbrüche schon beim Versuch.

In der Stadt Kassel gab es hingegen einen leichten Anstieg der Straftaten, besonders im Bereich der Fahrraddiebstähle. Allein in diesem Deliktsbereich wurden 709 Straftaten mehr als im Vorjahr registriert. Überall seien die Zahlen rückläufig, in der Stadt hingegen haben sich die Zahlen fast verdoppelt und liegen bei 1.468. Der entstandene Schaden lag hier bei fast 1,2 Millionen Euro. In 256 Fällen handelte es sich um E-Bikes bzw. Pedelecs. 12 Räder mit einem Wert über 5.000 Euro wurden in der Statistik gezählt. 59 Tatverdächtige konnten ermittelt werden, denen 300 Taten zugeordnet wurden. Von 180 beschlagnahmten Rädern konnten 86 bestimmten Straftaten und somit den Besitzern zugeordnet werden. Das Polizei Präsidium Nordhessen hat für die Fahrraddiebstähle eine eigene Arbeitsgruppe gegründet, betreibt vermehrt Präventionsarbeit und bietet mit Codier-Aktionen die Möglichkeit, Fahrräder registrieren zu lassen. Generell sei es für Radbesitzer hilfreich, wenn Fotos, Rahmennummer und eine möglicher Code festgehalten werden, um im Fall der Fälle wichtige Infos parat zu haben. Denn: Immer mehr Menschen fahren Rad, geben viel Geld für Bikes aus und möglicherweise sei ein Anstieg der Diebstähle auch auf Lieferengpässe zurückzuführen. Ein Teil ginge auf günstige Gelegenheiten zurück und sei somit Zufall, doch auch organisierte Banden haben es auf die teuren Zweiräder abgesehen.

„Besorgniserregendes Thema“: Angriffe auf Einsatzkräfte

Ein „besorgniserregendes Thema“ griff Polizeipräsident Konrad Stelzenbach besonders heraus: Der Widerstand und Angriff auf Rettungskräfte. Nicht nur Polizeibeamte, sondern auch vermehrt Feuerwehr- und Einsatzkräfte werden bedroht und verletzt. Die Zahlen stiegen im Vergleich zum Vorjahr um über 38 Prozent. 2020 gab es nach §§ 113, 114 und 115 StGB 443 Geschädigte, 2021 waren es 608.

„Es ist ein gesellschaftliches Thema und hat mit mangelndem Respekt gegenüber den Einsatz- und Rettungskräften zu tun“, so Stelzenbach. Dirk Bartoldus ergänzt: „ Ausschlaggebend war hier auch die Großdemonstration in Kassel am 20. März. Ein Ereignis, auf das wir nicht stolz sein können, bei dem es zu vielen Taten kam, die sich in der Statistik niederschlagen.“ Insgesamt gab es an diesem Tag im März 89 Strafanzeigen zu verzeichnen.

Im vergangenen Jahr gab es vermehrt Kontrollen und Demonstrationen im zweiten Pandemie-Jahr, somit auch mehr Konfliktpotential. „Im nächsten Jahr werden die zahlen vermutlich noch einmal höher liegen“, prognostiziert Stelzenbach. In 188 Fälle griffen Tatverdächtige Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte sowie Bedienstete von Rettungsdiensten und der Feuerwehr an oder leisteten Widerstand. Das ist ein Plus von 61 Straftaten und entspricht einen Anstieg um 48 Prozent. Bei 337 verzeichneten Fällen insgesamt waren 608 Polizeibeamte, 1 Feuerwehrmitglied und 13 Rettungskräfte betroffen, „Man kann also fast sagen, dass jeder dritte Beamte des Polizeipräsidiums Nordhessen von einem Angriff oder Widerstand betroffen ist.“ Mindestens die Hälfte der Täter sei dabei alkoholisiert.

In Nordhessen wurden im vergangenen Jahr insgesamt 1.058 Sexualstraftaten registriert. Eine Steigerung von fast 20 Prozent zum Vorjahr. Auch extrem zugenommen haben die Fälle von Missbrauch an Kindern – In Nordhessen wurden insgesamt 181 Fälle von Kindesmissbrauch registriert – die Aufklärungsquote liegt hier bei 95,6 Prozent. „Jeder Tag, der hier vergeht, ist ein Tag zu viel. Wir haben daher auch Personal aufgestockt, um die Fälle noch schneller aufklären zu können“, so Stelzenbach.

„Inzwischen sind 15 Mitarbeiter allein in diesem Abschnitt tätig, wobei aktuell sieben Kolleginnen und Kollegen temporär von anderen Direktionen zur Unterstützung zugewiesen wurden.“ Das Dunkelfeld rund um das Thema Verbreitung pornografischer Inhalte wird zudem immer weiter aufgehellt, da amerikanische Provider, im Gegensatz zu Deutschland, verpflichtet sind, ihre Portale hinsichtlich möglicher strafbarer Inhalte zu überwachen und jeden Verdacht über das BKA weitergeleitet und verfolgt wird . Knapp die Hälfte aller angezeigten Sexualdelikte (521 von 1.058 registrierter Straftaten) gehen auf die Verbreitung pornographischer Erzeugnisse zurück.

Mit aktuell 1.716 registrierten Delikten muss für das PP Nordhessen der höchste Wert der letzten Jahre im Bereich Häusliche Gewalt verzeichnet werden. Aufgrund von Kurzarbeit, Quarantäne oder Homeoffice bieten die eigenen vier Wände noch mehr Raum für Konfliktpotenzial. Zudem seien Frauen aufgrund der MeToo-Bewegung und aufgrund von Prävention selbstbewusster und zeigen Übergriffe häufiger an. Dies sei auch auf das allgemeine Sicherheitsgefühl zurückzuführen. Hat man das Gefühl, dass man Hilfe erhalten kann und etwas getan wird, nutzt man die Chance eher. Dies habe auch mit Vertrauen und Zusammenhalt im allgemeinen zu tun.

Corona-bezogene Straftaten waren beispielsweise 67 Fälle von Impfpass-Fälschungen oder 119 Fälle von Betrug wie er in Impfstellen stattgefunden hat, die Betrügereien mit der kassenärztlichen Vereinigung stattfanden. Von den 25 unter ‚sonstigen‘ aufgeführten taten war auch ein Täter dabei, der seine Corona-Infektion wissentlich verschwieg, seinen Onkel besuchte, der daraufhin erkrankte und an der Infektion verstarb. Dieser Fall ist als Totschlag eingegangen.

Der Großteil der Straftaten mit Corona-Bezug fand in Kassel statt und geht teils auch auf die Corona-Spaziergänge zurück, die viel Arbeit für die Polizeibeamten bedeuten. Diese werden sich sicherlich auch in der nächsten Kriminalstatistik in einem Jahr wiederfinden.

EXTRA INFO: Kriminalstatistik

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) wird bundeseinheitlich geführt und umfasst alle der Polizei bekanntgewordenen Vorgänge, die den Verdacht eines Vergehens oder Verbrechens rechtfertigen, einschließlich der mit Strafe bedrohten Versuche. Die PKS wird als Jahresstatistik geführt. Sie bildet allerdings nicht exakt die im jeweiligen Jahr geschehene Kriminalität ab, da die Erfassung erst nach Abschluss der polizeilichen Ermittlungen erfolgt. Dies kann insbesondere bei komplexen Ermittlungen mitunter mehrere Jahre dauern. Die Statistik gibt es online hier und hier.

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