Tag der Suizid-Prävention - Geschäftsführerin der TelefonSeelsorge: „Einsamkeit hat zugenommen“

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Anlässlich des Welttags der Suizid-Prävention gab Salome Möhrer-Nolte Einblicke in die Arbeit der TelefonSeelsorge Nordhessen e.V. 

In Deutschland sterben jedes Jahr mehr Menschen durch Suizid, als an Verkehrsunfällen, Gewalttaten und illegalen Drogen. Um die Öffentlichkeit auf die weitgehend verdrängte Problematik der Suizidalität aufmerksam zu machen, wird alljährlich am 10. September der Welttag der Suizidprävention veranstaltet.

Kassel. Wir sprachen mit Sozialpädagogin Salome Möhrer-Nolte, Geschäftsführerin der TelefonSeelsorge Nordhessen e.V., über Selbstmord-Gedanken und die Gefahr der Nachahmer.

 

Seelsorge und Suizid: Das gehört leider oft zusammen. Wie häufig wenden sich Menschen an Sie, die selbstmordgefährdet sind? 

Viele der Anrufenden bei der TelefonSeelsorge sprechen über ihre Suizidgedanken, manchmal sehr klar genannt, manchmal nur angedeutet: sie sprechen z.B. davon, so nicht mehr leben zu wollen, dass sie sich so müde fühlen. Bei ungefähr 15 Prozent der Anrufe, die uns erreichen, spielt Suizid eine Rolle. In der Mailseelsorge sind es noch mehr Menschen, die von ihren Suizidgedanken und Suizidabsichten schreiben. Und Menschen die über Suizid reden und schreiben, sind auch immer gefährdet, Suizid zu begehen, deshalb nehmen wir das sehr ernst. Dass Menschen mit diesem Thema bei der TelefonSeelsorge gut aufgehoben sind, hat eine lange Geschichte: TelefonSeelsorge hieß in ihren Anfängen auch „Lebensmüdenberatung“ und bis heute wird beim Thema Suizid immer auf die TelefonSeelsorge hingewiesen.

 

Was sind die häufigsten Gründe, die die Menschen in eine so tiefe Verzweiflung treiben, dass sie ihr Leben beenden möchten? 

Akute Krisen, Trennung, Verluste, eine psychische oder auch körperliche Erkrankung.

 

Jedes Jahr töten sich mehr als 9000 Menschen in Deutschland. Zehnmal mehr (also etwa 100.000) Menschen versuchen es jährlich erfolglos. Können diese Menschen „normal“ weiterleben? 

Die Gefahr, dass jemand nach einem Suizidversuch erneut versucht, sich das Leben zu nehmen, ist sehr groß. Dennoch gibt es immer wieder Beispiele, wie Menschen dieses so einschneidende Erlebnis des beinahe Tod-Seins als Chance sehen und verändert aus dieser extremen Krise gehen und beispielsweise Grundlegendes in ihrem Leben verändern und froh sind, am Leben zu sein.

 

Man könnte meinen, dass dank sozialer Netzwerke die Möglichkeit gehört zu werden, noch nie so groß war. Woher dann diese Einsamkeit vieler Menschen mit ihren Problemen?

 Die Einsamkeit hat zugenommen trotz der Möglichkeit, sich mit der ganzen Welt zu vernetzen. Wirkliche Kontakte und Gespräche über das, was Menschen Not macht sind seltener geworden, die Vereinzelung nimmt zu und viele Menschen haben tatsächlich in ihrem Umfeld keinen Menschen, der ihnen zuhört. Und es ist ja auch gar nicht so leicht, sich mit seinen Problemen einer anderen Person zu zeigen und zuzumuten. Da ist es manchmal leichter, sich anonym mit seinen Problemen an das Mailseelsorgeportal der TelefonSeelsorge zu wenden.

 

Man hört immer wieder von Gruppen im Internet, die sich zum gemeinsamen Sterben verabreden oder sich gegenseitig Tipps geben. Gibt es die und wie gefährlich sind sie?

 Ja, solche Foren und Verabredungen gibt es und sie sind sehr gefährlich! Gerade für Menschen, die Suizidgedanken haben, die in einer Krise sind oder die in einer Depression stecken. In der Regel liegt vor einem Suizid ja eine Zeit der Ambivalenz, es findet eine innere „Diskussion“ statt, ein Für und Wider, bis sich alles verengt und zuspitzt und die Selbsttötung die einzige Möglichkeit zu sein scheint. In dieser Phase kann eine Verabredung zum Suizid eher motivierend sein und ist deshalb sehr gefährlich.

 

Das statistische Durchschnittsalter von Selbstmördern lag für Frauen bei 58,3 und für Männer bei 57,1 Jahren (im Jahr 2015). Wo liegen Beweggründe Älterer, wo der jüngerer Menschen?

Das kann gar nicht verallgemeinernd gesagt werden. Die steigende Zahl der Suizide bei älteren Menschen ist auffällig und hat verschiedene Ursachen: Vereinsamung, keinem zur Last fallen zu wollen, Bilanzsuizide, ausweglose Situationen oder Verluste können solche Gründe sein. Viele Menschen, die sich das Leben nehmen, haben eine psychische Erkrankung, vor allen Dingen Depressionen, da gibt es keinen Unterschied bezüglich des Alters.

 

Oft werden Freunde und Angehörige von einem Suizid komplett überrascht. Gibt es Warnsignale, die zu oft keine Beachtung finden? 

Es ist auf jeden Fall wichtig, Ankündigungen von Suizid immer ernst zunehmen. Suizide werden in aller Regel vorher angekündigt, manchmal versteckt (ich kann nicht mehr, bin so müde, will nur noch Ruhe, es wäre doch besser für alle, wenn ich nicht mehr da wäre), manchmal auch ganz klar. Wichtig ist es dann, genau nachzufragen, zuzuhören, keine Angst zu haben, dieses schwierige Thema offen anzusprechen. Es schafft den Betroffenen Erleichterung, darüber reden zu können. Vor einem Suizid ziehen sich Menschen oft aus ihren sozialen Kontakten zurück, Rückzug kann also auch ein Warnsignal sein.

 

Für Medien ist es ein Tabu, über Suizid-Fälle zu berichten, es gibt jedoch Ausnahmen. Was raten sie und wie sind ihre Erfahrungen mit Nachahmungs-Tätern?

Es ist gut, dass es eine Absprache gibt, dass Medien nicht oder nur selten über Suizide berichten, man weiß um den sogenannten Werther-Effekt, dass sich nach einer solchen Berichterstattung die Zahl der Suizide erhöht. Es gibt Menschen, die den Gedanken haben, sich das Leben zu nehmen. Von einem Suizid zu hören, kann zu einer Verstärkung dieses Wunsches führen. Aber die Presse sollte mehr über Menschen berichten, die ihre suizidale Krise überwunden haben und Geschichten erzählen, wie sie den Weg zurück ins Leben gefunden haben. Das wirkt ebenfalls ansteckend und kann Menschen helfen, die noch in einer solchen Krise stecken.

 

Gibt es „lebensrettende“ Gespräche bei der Telefonseelsorge? 

Ja. Zum Beispiel, wenn Menschen in der Phase der Ambivalenz anrufen, wenn sie vielleicht schon die Suizidart für sich entschieden haben, vielleicht sogar die Tabletten schon vor sich liegen haben, aber trotzdem noch einmal eine menschliche Stimme hören wollen. Dann gelingt es den Menschen bei der TelefonSeelsorge manchmal im Gespräch mit diesen Menschen die Seite des Lebenwollens zu stärken und sie zu motivieren, Name und Adresse zu nennen, damit sie Hilfe bekommen und zunächst einmal stationär in einem geschützten Rahmen aufgenommen werden können. Das sind im wahrsten Sinne lebensrettende Gespräche.

 

„Light a candle“  www.iasp.info/wspd 

Zum Welttag der Suizidprävention am 10. September gibt es die Aktion „light a candle“: Stellen Sie eine Kerze in ein Fenster am Montag, 10. September, um 20 Uhr um ein Zeichen zu setzen im Gedenken an die vielen durch Suizid verstorbenen Menschen und deren Hinterbliebenen. Und um die Suizidvorbeugung zu unterstützen.

Mehr Informationen unter:

 

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