Systemrelevant – und dennoch unterbezahlt: Hessische Grundschullehrkräfte protestieren

Katja Groh und Christiane Stock präsentieren die Schlauchschals mit dem diesjährigen Motto und schon einmal die Stapel an Unterschriften, die bisher eingegangen sind.
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Katja Groh und Christiane Stock präsentieren die Schlauchschals mit dem diesjährigen Motto und schon einmal die Stapel an Unterschriften, die bisher eingegangen sind.

Kassel. Wie wichtig Lehrer und die Schulen sind, hat sich in den vergangenen Wochen und Monaten gezeigt. Dennoch wird eine Berufsgruppe weiterhin ungleich behandelt: Die Grundschullehrkräfte (wir berichteten hier und hier). Diese verdienen im Vergleich zu den anderen Lehrern nach wie vor weniger und protestieren dagegen jährlich am 13. November – dem Tag, an dem sie für den Rest des Jahres unentgeltlich weiterarbeiten müssen.

Wir sprachen erneut mit Katja Groh und Christiane Stock von der GEW Hessen über die Ungleichbehandlung und ob sich in der Politik denn wenigstens ein bisschen etwas regt.

Auch in diesem Jahr ist der 13. November für Grundschullehrkräfte erneut der erste Tag der unbezahlten Arbeit im Vergleich zu den Lehrkräften anderer Schulformen. Hat sich für Sie innerhalb des vergangenen Jahres gezeigt, dass es Bemühungen in der hessischen Politik gibt, da etwas zu ändern? Katja Groh und Christiane Stock: Leider nein! Der Kultusminister betont zwar immer wieder, wie wichtig, hochprofessionell und kompetent die Arbeit der Grundschullehrkräfte sei. Auch die immens gestiegenen Anforderungen, die die Kolleg*innen z.B. im Bereich Inklusion, Integration oder dem Ausbau von Ganztagsangeboten leisten müssen, werden gern „gesehen“. Der Unterricht in Zeiten der Pandemie stellt die Grundschulen vor große Herausforderungen. Alles das wird mit hohem Engagement in den Kollegien angegangen. Belohnt wird das alles seitens der hessischen Politik mit der höchsten Anzahl der zu leistenden Unterrichtsstunden und der deutlich schlechteren Bezahlung.

Statt des Protestes auf dem Königsplatz muss aufgrund der aktuellen Situation umgeplant werden. Wie möchten Sie und die Gewerkschaft dennoch auf sich und die Zustände aufmerksam machen? In der Tat war alles geplant und vorbereitet. Die Ereignisse machen ein anderes Vorgehen notwendig und so hat die Planungsgruppe einen offenen Brief an den Kultusminister mit der zentralen Forderung „Jetzt A13 für Grundschulprofession“ formuliert. Dieser Brief ist mit einer Unterschriftenliste an alle Schulen des GEW Bezirksverbands Nordhessen gegangen. Bis zum 10. November sind über 560 Unterschriften aus 50 Schulen bei uns eingegangen. Betonen möchte ich dabei, dass sich alle Schulformen und der DGB an dieser Unterschriftenaktion beteiligt haben. Die gesammelten Unterschriften werden mit der Bitte um eine Rückantwort zum 13. November per Post an das Kultusministerium geschickt, da wir aus bekannten Gründen nicht selbst vor Ort sein können.

Gerade in der Corona-Krise hat sich gezeigt, wie viel an den Schulen noch zu tun ist. Fehlende Strukturen, kaum Digitalisierung, die Umsetzung der Corona-Regeln blieb oftmals an den Schulleitern hängen. Welche Herausforderungen gibt es gerade bei den Jüngsten – den Grundschülern? Je jünger die Kinder sind, desto familiärer muss ihr Umfeld sein. Das lebt insbesondere von Nähe zwischen Lehrkraft und Kind, physisch und emotional. Durch Masken und Abstand entsteht bei vielen Kindern eine große Unsicherheit, die sich je nach Temperament durch Rückzug und Traurigkeit äußert oder aber bei den Kindern, die auch vorher schon Auffälligkeiten im emotional-sozialen Bereich zeigten, durch eine Zunahme der Auffälligkeiten. Wir haben noch nie so viele Konflikte zum Beispiel in Pausensituationen klären müssen, wie zur Zeit. Das Lernen auf Abstand funktioniert auch nur begrenzt. Ich kann keinem Erstklässler mit 1,5m Abstand Schreiben oder Lesen beibringen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass sich die Kolleg*innen immer wieder in Situationen bringen, in denen sie sich selbst gefährden. Bis heute sind übrigens weder alle Kinder noch alle Lehrkräfte mit dienstlichen Endgeräten ausgestattet – nur so viel zu einem gelingenden digitalen Lernen.

Haben die außergewöhnlichen Umstände der aktuellen Zeit Ihnen und allen Lehrern mehr Wertschätzung der Eltern eingebracht? Weil man jetzt viel eher weiß, welche Bemühungen hinter einem regelten Lernen stehen?  Zu einem großen Teil ist das wirklich der Fall. Die Eltern, die sich auch im Normalfall kümmern und zu denen grundsätzlich ein guter Kontakt besteht, sehen, was hinter den Kulissen geleistet werden muss, damit in einer solchen Zeit der Lernstoff trotzdem bewältigt werden kann und die Kinder auch psychisch gut durch diese Zeit begleitet werden. Die Elternschaft hat natürlich auch kritisch die ständig wechselnden Vorgaben des Kultusministeriums und der Schulämter verfolgt und mit uns zusammen die Maßgaben so gut wie möglich umgesetzt. Eltern, die auch vorher für uns eher nicht erreichbar waren, sind es auch jetzt nicht. Sollte es aber ein Problem, ein Lerndefizit oder ähnliches geben, wird die Ursache sicher der Lehrkraft zugeschrieben.

GEW: Die Unmut wächst

Auszüge aus dem offenen Brief an Kultusminister Prof. Dr. Alexander Lorz: „Die Arbeit, die wir täglich in den immer heterogeneren Gruppen leisten, entscheidet für jedes Kind über den lebenslang bedeutsamen Beginn der individuellen Bildungskarriere. Wir leisten einen Großteil der Inklusion und der sprachlichen sowie kulturellen Integration unter personell völlig unzureichenden Bedingungen. Wir übernehmen immer stärker die Erziehungsarbeit der „Erziehungsberechtigten“, die sich leider immer weniger als „Erziehungspflichtige“ fühlen. (...) Das alles machen wir seit Jahren, den Kindern und dem beruflichen Ethos verpflichtet, bis weit über die Belastungsgrenzen hinaus, wie Sie den zahlreichen Überlastungsanzeigen und Brandbriefen von Kolleg*innen und Schulleiter*innen entnehmen können. Die höchste Unterrichtsverpflichtung und die schlechteste Besoldung aller Lehrkräfte sind dafür Ihre Anerkennung. (...) Deshalb schreiben wir Ihnen heute, weil wir im Vergleich zu allen anderen Lehrkräften, rechnerisch jedes Jahr ab dem 13. November bis zum Ende des Jahres ohne Vergütung weiterarbeiten müssen. Herr Lorz, es reicht! Das ist keine Wertschätzung unserer Arbeit! Wir fordern: Jetzt A 13 für professionelle Grundschularbeit!

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