„Die Täter im Körper sind die Tumore“: Wie die Pathologie im Klinikum auf Spurensuche geht

Das zu untersuchende Gewebe (hier ein Mutterkuchen) wird von einem Medizinisch Technischen Assistenten vorbereitet.
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Das zu untersuchende Gewebe (hier ein Mutterkuchen) wird von einem Medizinisch Technischen Assistenten vorbereitet.

In der modernen Medizin gehen die Pathologen auf Verbrecherjagd und stellen konkrete Diagnosen – und retten so die Leben der Patienten.

Kassel.  „Wir finden die Spuren, wir folgen ihnen und finden den Täter: den Tumor im Gewebe des Patienten.“ In der modernen Medizin gehen die Pathologen auf Verbrecherjagd und stellen konkrete Diagnosen – und retten so die Leben der Patienten, denn aufgrund der Diagnosen kann überhaupt erst der personalisierte Behandlungsplan erstellt werden. 90 Prozent der Arbeit eines Pathologen verbringt er dabei im Labor und mit der Diagnostik von Lebenden, Obduktionen, also die Beschauung von Leichen, macht nur einen geringen Anteil aus. Pro Jahr werden in der Pathologie etwa 60.000 Diagnosen gestellt, über 100 Obduktionen durchgeführt und über 2.000 Verstorbene in der Pathologie aufbewahrt und dann an den Bestatter übergeben.

Prof. Dr. med. Irina Berger ist seit November 2007 Chefärztin und geschäftsführende Direktorin der Pathologie und Neuropathologie am Kasseler Klinikum.

„Wir sind die Augen der Kliniker im Gewebe. Wir schauen uns die Tumoreigenschaften an, erstellen ein Profil des Tumors und stellen die exakte Diagnose. Damit wird dann die maßgeschneiderte und personalisierte Behandlung des Patienten ermöglich“ erzählt Prof. Dr. med. Irina Berger, Chefärztin und geschäftsführende Direktorin der Pathologie und Neuropathologie am Kasseler Klinikum.

„Wir sind die Augen der Kliniker im Gewebe“

Über 50 Angestellte arbeiten in der Pathologie, darunter zehn Diagnose stellende Ärzte. „Durchschnittlich brauchen wir vom Zeitpunkt des Eintreffens des Präparats bis zur Durchgabe der Diagnose ein bis zwei Tage. Das ist spitze. Ein Teil der Diagnosen wird noch während der OP als sogenannter Schnellschnitt gestellt. Im Klinikalltag bringt uns ein Bote die Gewebeentnahmen aus dem Klinikum mit dem Auto oder per Rad. Proben aus umliegenden Krankenhäusern oder auch aus größeren Entfernungen können auch schon mal mit dem Taxi geschickt werden. Hier dauert die Diagnostik 18 Minuten“, so Berger.

Trifft eine Gewebeprobe ein, wird sie von zahlreichen Medizinisch Technischen Assistenten präpariert, in hauchdünne Scheibchen geschnitten, eingefärbt und dann von den Pathologen unter dem Mikroskop betrachtet. „Wenn wir beispielsweise die Probe eines auffälligen Lymphknotens erhalten, können wir bei der komplexen Analyse des Gewebes ablesen, was für ein Tumor es ist und sogar erkennen, wo der Tumor ursprünglich entstanden ist“, verrät die Medizinerin.

Diese Präparate sind bereit für das Mikroskop. Vorher wurden die Gewebeproben in dünne Scheibchen geschnitten, auf Objektträgern fixiert und eingefärbt.

Teilweise müssen Prof. Dr. Irina Berger und ihr Team eine Probe gar nicht mehr selbst unter dem Mikroskop haben, denn neben der Molekularpathologie (siehe Info-Kasten unten) ermöglicht es mittlerweile eine virtuelle Pathologie, Diagnosen am Computer zu erstellen. Gewebeproben können digital aufbereitet und zur Untersuchung um die Welt gesandt werden. Die moderne Medizin entwickelt sich stetig weiter, auch mit Hilfe der Pathologie – deren ältester Standort in Deutschland übrigens 1779 in Kassel gegründet wurde.

EXTRA INFO Molekularpathologie

Die molekulargenetische Analyse von Gewebeproben hat sich zu einem unverzichtbaren Bestandteil der modernen Pathologie entwickelt. Sie hilft bei der Erstellung exakter Diagnosen und ist Grundlage einer personalisierten Medizin, mit einer individualisierten Therapie bei Tumorerkrankungen. Auch bei Infektionskrankheiten ermöglicht sie den Nachweis des spezifischen Krankheitserregers.

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