Der Tag, an dem Kassel starb

22 Minuten dauerte der allierte Bombenangriff am 22. Oktober 1943. Dann war Kassel ein einziger großer Friedhof mit 10.000 Toten.

Sehr geehrte Kasselaner und Kasseläner,

in den letzten Wochen mussten sich viele von Ihnen gedanklich wieder mit einem Ereignis beschäftigen, das Sie vor vielen, vielen Jahren verdrängt haben – mit der Zerstörung einer der schönsten Städte Deutschlands durch Bombenangriffe im 2. Weltkrieg. Die Erzählungen unserer freien Mitarbeiter Harry Soremski und Horst Seidenfaden, die fünfzig Gespräche mit Zeitzeugen geführt haben, haben mich sehr nachdenklich gestimmt. Da waren Menschen bei, die 75 Jahre geschwiegen haben, die nicht ein einziges Mal mit ihren Kindern über die unvorstellbaren Schrecken dieser einen Nacht gesprochen haben, in der das alte Kassel untergegangen ist und 10.000 Menschen gestorben sind. Was hat dazu geführt, dass diese Leute solange geschweigen haben?

Heute können wir uns ja gar nicht mehr vorstellen, dass man so ein Inferno erlebt, ohne das Geschehen in jahrelangen Sitzungen beim Psychiater mühsam aufzuarbeiten und mit den psychischen Folgen fertig zu werden. Heute ist es für uns völlig normal, das nach einer Brandkatastrophe, einem schweren Unfall, die Beteiligten und Rettungsmannschaften auf ausgebildete Fachleute zurück greifen können, die ihnen bei der Verarbeitung des Geschehenen helfen. Spannender sind für mich aber andere Fragen.

Wie viele von Ihnen, liebe Kasselaner und Kasseläner, haben sich in dieser Nacht, in den schrecklichen Jahren nach dem Krieg gefragt, wie viel Mitschuld Sie an der Zerstörung Ihrer eigenen Stadt haben? Haben Sie sich gefragt, ob es richtig war, die Nazis an die Macht zu wählen? Haben Sie sich gefragt, ob es richtig war, dass Kassel Vorreiter war, als es darum ging, jüdische Mitbürger zu drangsalieren, ihre Geschäfte zu zerschlagen und zu boykottieren? Haben Sie sich gefragt, ob es richtig war, zuzusehen, als Ihre jüdischen Mitbürger in Konzentrationslager geschleppt wurden, öffentlich wie Vieh durch die Straßen zum Bahnhof getrieben wurden?

Es leben nur noch wenige von der Generation, die diese Schuld auf sich geladen hat. Diejenigen, mit denen meine Mitarbeiter gesprochen haben, waren damals zum Großteil noch Kinder oder Jugendliche. Für sie ging es in dieser Nacht nur noch darum, zu überleben. Sie sind in dieser Nacht durch die Keller des unterirdischen Kassels gekrochen, durch Mauerdurchbrüche, die Fremdarbeiter erstellt hatten, um fünftausend Keller miteinander zu verbinden. Viele von Ihnen sind deshalb am Leben geblieben und konnten uns jetzt erzählen, was damals in dieser einzigen dramatischen Nacht geschehen ist. Ihnen gilt unser Mitgefühl.

Mit traurigen Grüßen

Rainer Hahne Chefredakteur

P.s.: Die Geschichte der kleinen Holztreppe an der Stadtbrücke, über die sich Tausende ins Fuldawasser gerettet haben, hat mich besonders gerührt. Mehr sehen Sie in der Ausstellung in der Kasseler Sparkasse bis zum 16. November. Es lohnt sich!

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