Tempolimit 30 in Kasseler Innenstadt? - Diskussionen über Regelgeschwindigkeit von 30 km/h

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In der Kasseler Innenstadt könnte bald ein Tempolimit von 30 km/h herrschen.

Die Grünen Kassel sowie der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club in Kassel fordern ein Tempolimit von 30 km/h auf Hauptverkehrsstraßen. Der ADAC hält dies allerdings nicht für sinnvoll.

Kassel. In Deutschland und in den meisten Ländern Europas gilt für alle Kraftfahrzeuge als zulässige Höchstgeschwindigkeit innerhalb geschlossener Ortschaften 50 km/h. Eine Tempo 30 Zone gibt es im öffentliche Straßenverkehr besonders häufig in Wohngebieten, die Zonen dienen der Verkehrsberuhigung. Die Grünen Kassel sowie der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club in Kassel (ADFC) fordern eine Regelgeschwindigkeit von 30 km/h. Als Begründungen nennen sie Unfallvermeidung, geringere Unfallschwere sowie weniger Lärm und Schadstoffbelastung. „Der Anhalteweg eines Fahrzeugs ergibt sich aus Reaktionsweg und Bremsweg. Bei Tempo 50 verdoppelt er sich gegenüber Tempo 30. Fährt zum Beispiel ein Kind mit dem Fahrrad 14 Meter vor einem Auto auf die Fahrbahn, so kann das Auto bei Tempo 30 gerade noch rechtzeitig zum Stehen kommen. Ist es aber schneller, verlängert sich auch die Strecke, die es in der „Schrecksekunde" seines Fahrers zurücklegt. Im obigen Beispiel heißt dies: Der Autofahrende fängt bei Tempo 50 nach 14 Metern gerade erst an zu bremsen. Er kollidiert also mit dem Kind mit nahezu 50 Stundenkilometern“, so der ADFC. Weiter sagten sie: „Niedrigere Geschwindigkeiten erlauben es uns, eigene Fehler und Fehler anderer Verkehrsteilnehmer besser auszugleichen. Die Wahrnehmung des Straßenraums verändert sich mit der Geschwindigkeit. Es ist möglich, Gefahrensituation rechtzeitig zu erkennen und entsprechend zu reagieren."

Die Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen Kassel fordern ein Tempolimit in der Nacht, zum Beispiel zwischen 22 und 6 Uhr, auf stark befahrenen Hauptverkehrsstraßen, an denen viele Menschen wohnen. „Wir wollen die Anwohner dieser Straßen vor dem nächtlichen Verkehrslärm schützen, damit sie besser schlafen können. Das ist ein wichtiger Beitrag zum Gesundheitsschutz, da der Verkehrslärm den Schlaf stört. Das führt auf lange Sicht zu erheblichen Beeinträchtigungen der Gesundheit", sagte Eva Koch Sprecherin für Mobilität der Grünen Fraktion in Kassel. „Wir haben uns im Umweltausschuss die Ergebnisse von Messungen in anderen Städten vorstellen lassen, z.B. aus Berlin, Darmstadt und Frankfurt. Es gibt eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen, bei denen gemessen wurde, wie stark die Lärmreduzierung ist. In Frankfurt wurde beispielsweise eine Reduzierung um 2,9 bis 4,5 dB gemessen. Das entspricht im Lautstärkeempfinden etwa einer Halbierung der Verkehrsmenge. Befragungen der Anwohner zeigten, dass die Wahrnehmung sehr positiv ist", sagte Koch weiter. „Bundesweit haben inzwischen viele Kommunen Tempo 30 km/h nachts auf Hauptverkehrsstraßen umgesetzt."

Die Frankfurter Straße zählt zu den Hauptverkehrsstraßen in Kassel. Hier könnte es zu einem Tempolimit von 30 km/h kommen.

Für den ADAC sprechen jedoch gute Gründe gegen ein flächendeckendes Tempo 30. „Ein wesentliches Ziel der Verkehrsplanung ist es, Verkehrsströme auf leistungsfähige Straßen zu bündeln. Wäre überall in der Stadt Tempo 30, besteht die Gefahr, dass Autofahrer auf kürzere Strecken durch Wohngebiete ausweichen werden. Zudem erhöht Tempo 30 die Reisezeit. Außerdem ist es fraglich, ob dies die Verkehrssicherheit erhöhen würde. Zudem bezweifelt der ADAC einen Nutzen für Umweltschutz und Lärmbelastung", sagte Oliver Reidegold vom ADAC Hessen-Thüringen. „Studien zeigen, dass eine alleinige Reduzierung der Geschwindigkeit nicht zwangsläufig zu weniger Unfällen führt. Unfallschwerpunkte in Städten finden sich vor allem im Kreuzungsbereich. Gerade Radfahrer und Fußgänger sind bei abbiegenden Fahrzeugen besonders gefährdet, weil sie leider häufig übersehen werden. Da die gefahrene Geschwindigkeit beim Abbiegen meist weit unter 30 km/h liegt, würden hier viel eher bauliche Maßnahmen für mehr Übersicht die Situation verbessern", so Reidegold.

Auch einen geringen Co2-Austoß gibt es durch ein Tempolimit von 30 km/h laut ADAC nicht. „Die meisten Luftschadstoffe entstehen beim Beschleunigen. Studien haben ergeben, dass eine Begrenzung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h auf 30 km/h auf Hauptverkehrsstraßen sogar zu einer Erhöhung der Emissionen führen kann. Optimal ist der Betrieb eines Fahrzeugs bei niedriger Drehzahl in einem hohen Gang. Bei gleichmäßiger Fahrt mit Tempo 50 ist deshalb die Schadstoffemission sogar geringer als bei Tempo 30. Werden Lichtsignalanlagen intelligent koordiniert, können mit einer grünen Welle die Stickoxidemissionen gegenüber einer schlecht koordinierten Ampelschaltung um bis zu 33 Prozent sowie die Partikelemissionen um bis zu 27 Prozent reduziert werden. Zudem ist eine Senkung des Kraftstoffverbrauchs von rund 15 Prozent möglich."

Die Stadt Kassel hat im letzten Jahr bereits vor fünf Schulen sowie vor vier Kindertagesstätten, die an Hauptverkehrsstraßen liegen, ein Tempolimit von 30 km/h angeordnet. „Die städtische Verkehrsüberwachung misst regelmäßig in diesen Bereichen, ob die Geschwindigkeitsbegrenzung eingehalten wird", sagte Michael Schwab vom Hauptamt Stadt Kassel.

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