„Tierschutz hat keine Lobby“: Karsten Plücker über Fleischkonsum, Kontrollen und Tierwohl

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Karsten Plücker ist seit 16 Jahren Leiter der Wau-Mau-Insel. Diese wird gerade um rund 400 Quadratmeter erweitert.

Kassel. Erneut hat ein Lebensmittelskandal Deutschland aufgerüttelt. Nach BSE, Pferdelasagne, Fipronil-belasteten Eiern und Gammelfleisch nun also die Wilke-Wurst. Das Vertrauen der Verbraucher wurde also schon oft erschüttert. Der Fleischkonsum sinkt zwar tendenziell, dennoch essen wir Deutschen pro Kopf rund 60,2 Kilogramm im Jahr (2008 waren es 61,6 kg). Wir sprachen mit Karsten Plücker. Der 50-Jährige ist seit 16 Jahren Leiter der Wau-Mau-Insel und Vorsitzender des Bund gegen Missbrauch der Tiere (bmt).

EXTRA TIP: Warum braucht es erst solche Skandale wie bei Wilke, damit Verbraucher wieder bewusster Fleisch essen? 

Karsten Plücker: Weil die Leute nicht sehen, was sich hinter den Kulissen abspielt. Als ich klein war, gab es nur einmal die Woche Fleisch. Wir hatten zwei Schweine, die im Winter geschlachtet wurden und ich war hautnah dabei. Heute landet jeden Tag Fleisch auf dem Tisch oder auf dem Brot. Viele machen sich keine Gedanken, woher es kommt.

Wie könnte man das Bewusstsein schärfen?  Ich kann niemanden zwingen, kein Fleisch zu essen – das will ich auch gar nicht. Das Riesenproblem sind die Deklarationen: Woher kommt mein Fleisch, wie wurde es gehalten. Würde es zum Beispiel wie auf den Zigarettenpackungen Bilder geben, wo und wie das Tier gehalten wurde, würde es den Verbrauchern vor Augen führen, was sie für ihr Geld unterstützen. Vielleicht fällt dann der Weg zum Metzger in der Region einfacher. Hier haben wir ja gute Beispiele.

Weniger Fleisch essen, dafür bewusst und regional lautet also die Devise. Warum greifen wir doch so oft zur verpackten Wurst? Weil es so einfach ist. Überall und an jeder Ecke bekommt man mittlerweile Fleisch. Und das sehr günstig, das sind teilweise abartige Angebote. Und woher? Aus Massentierhaltung. Doch wie das Fleisch verarbeitet, wo geschlachtet wurde, steht meist nicht auf der Packung. Wir brauchen Kennzeichnungen, die eine Rückverfolgbarkeit ermöglichen. Idealerweise überall da, wo tierisches drin ist. Hier muss auch vor allem die Politik etwas tun. Doch der Tierschutz hat hier keine Lobby.

Aufmerksamkeit erhält das Thema Tierhaltung in den Betrieben oft dann, wenn Tierschutzorganisationen etwas aufdecken. Ja, leider. Würden die staatlichen Kontrollen funktionieren bräuchten Tierschützer nicht in Ställe einsteigen und Missstände öffentlich machen. Dann gäbe es diese einfach nicht. Eier müssen ja beispielsweise mittlerweile auch so gekennzeichnet werden, dass der Verbraucher sehen kann, wo es herkommt und wie das Huhn gehalten wurde.

Informationen und Aufklärung sind also sehr wichtig, um eine bewusste Entscheidung zu treffen. Müsste das nicht schon früh anfangen? Doch, vielleicht schon in der Schule. Die Aufklärung muss ja gar nicht kritisch gestaltet sein, sondern so, dass den Kindern aufgezeigt wird, was nötig ist, damit eine Wurst entsteht. Denn wenn ich etwas entscheiden will, dann muss ich etwas darüber wissen. Es muss ja nicht jeder Veganer werden, sondern sich bewusst überlegen, was er konsumieren möchte.

Als kürzlich ein Zirkus in die Stadt kam, haben Sie mit einigen Aktivisten Besucher vor der Vorstellung aufgeklärt. Warum? Auch hier geht es darum, die Menschen aufzuklären. Denn die Familien, die mit ihren Kindern dorthin gehen, vermitteln diesen ja, dass es toll ist. Für die Tiere dort ist es oftmals aber eben nicht so. Wildtiere wie Bären, Löwen, aber auch Kamele gehören nicht in kleine, temporär aufgebaute Käfige. Zum einen kann man die Sicherheit der schnell aufgebauten Käfige nie gewährleisten, zum anderen hat der Amtsarzt der jeweiligen Stadt oftmals keine Ahnung, ob die Haltungsbedingungen für einen Tiger stimmen. Der Zirkus Flic Flac ist ein gutes Beispiel für Unterhaltung ohne Tiere. Die Anfeindungen vergangenes Jahr, als eine Künstlerin mit ihrem Pferd auftreten wollte, gingen dann aber doch zu weit.

Wie gehen wir mit unseren Haustieren um – landen mehr Tiere bei Ihnen in der Wau-Mau-Insel? In der heutigen Zeit wollen wir alles schnell haben, doch genauso schnell muss es auch wieder verschwinden, wenn es nicht passt. Wir haben fast doppelt so viele Hunde wie noch vor 15 Jahren. Eine Zeit lang war es Trend einen Hund zu besitzen, doch dieser musste am besten schon fertig programmiert sein. Die Menschen sind ungeduldiger. Statt sich lange mit der Erziehung zu beschäftigen, kommt er dann eben zu uns, wenn er nicht hört. Auch Kaninchen aus dem Baumarkt haben wir schon im Original-Karton mit Preisschild am selben Tag zurück erhalten. Das Kind wollte dann doch keins haben.

Daher ist es uns so wichtig, die Interessenten genau zu beraten und zu befragen. Das ist keine Schikane. Ich will nur nicht, dass die Tiere innerhalb kürzester Zeit wieder bei uns landen – zu unserer Sicherheit und der des Tieres.

 

ZWISCHENRUF von Nadja Feldle

Billiges Fleisch jeden Tag

Nach dem Wilke Wurst-Skandal mit verseuchtem Fleisch fragt sich plötzlich jeder „War das auch in meiner Wurst?“ Doch hätte man sich auch ohne den Skandal darüber Gedanken gemacht – was denn so in der Wurst ist und wo das Fleisch dafür her kommt? Denn sind wir mal ehrlich, Steak, Schnitzel oder Salami landen doch mittlerweile täglich auf unseren Tellern. Es ist kein Luxus mehr, Fleisch zu konsumieren, schließlich gibt es doch Aufschnitt schon für 99 Cent und Hackfleisch im Angebot für 2,99. Doch wie kommt dieser Preis zustande? Durch Massentierhaltung, enorme Abnahmemengen und – wie im Fall Wilke auch – durch möglichst billige Arbeit. Aufzucht hier, Schlachtung dort, Verarbeitung wieder woanders. Warum diese weiten Wege? Weil es billiger ist. Dass hier das Tier vor der Schlachtung glücklich war, kann sich nun wirklich niemand einreden. Darum braucht es nicht nur öffentlichkeitswirksame Skandale, sondern viel mehr Aufklärung. Um Gottes willen soll jeder Verbraucher sein Fleisch essen – auch täglich, wenn er meint – doch ihm sollte bewusst sein, wo es herkommt und welchen Preis das Tier für den günstigen Preis des Produktes zahlt. Die Idee von Karsten Plücker, Hinweisschilder wie auf Zigarettenpackungen zu drucken, finde ich gar nicht schlecht.

Wenn man vor Augen geführt bekommt, wie die Salami noch vor kurzem gehalten wurde, vergeht einem vielleicht der Appetit auf Billig-Fleisch und man nimmt den Weg zum Metzger seines Vertrauens eher in Kauf. Da ist es vielleicht ein wenig teurer, doch es ist besser für einen selbst, die Region, für die Tiere und auch für die Umwelt.

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