Tinder-Dates trotz Corona: Nordhessen gehen auf hautnahen Sozialkontakt

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Drei Singles aus der Region, deren Namen von der Redaktion geändert wurden, haben anonym über ihre Dating-Erlebnisse während einer weltweiten Pandemie gesprochen.

Hände waschen, Abstand halten, Mundschutz tragen – von allen wird aktuell gefordert, verschärfte Hygienemaßnahmen einzuhalten. Währenddessen berichten nordhessische Tinder-Nutzer über sexuelle Kontakte.

Die Region. Anne ist Verkäuferin in einem Lebensmittel-Discounter, Franziska unterrichtet Kinder an einer Förderschule und Christian versorgt täglich Pflegebedürftige in einem Seniorenheim. Da sie anonym bleiben möchten, wurden ihre Namen von der Redaktion geändert. Nicht nur ihr Wirken in einem systemrelevanten Beruf haben die drei gemeinsam, sie suchen trotz Corona-Pandemie nach der – vielleicht auch großen – Liebe.

Dazu treffen sich alle drei jeweils mit anderen Singles aus dem Umkreis und lassen es, obwohl Kontaktbeschränkungen herrschen, auch zu sexuellen Handlungen kommen. Kennengelernt und verabredet wird sich mit den Fremden dabei stets über „Tinder“. Gerade seit dem Lockdown weist die Mobile-Dating-App Unmengen von neuen Nutzern auf.

„Ich habe seit vielen Jahren ein Profil auf Tinder und mich schon mit zahlreichen Männern getroffen“, erzählt die 33-jährige Franziska und ergänzt, dass sie auch mit dem Beginn der Kontaktbeschränkungen nicht damit aufgehört habe. Im Gegenteil: „Anfang April habe ich mich nacheinander mit fünf Männern zum Spazieren gehen getroffen und habe mit jedem von ihnen geschlafen.“ Dass sie sich damit verstärkt dem Risiko ausgesetzt haben, sich mit dem Corona-Virus zu infizieren, scheint dabei nicht nur den Männern gleichgültig gewesen zu sein.

„Ich bin seit über einem Jahr Single und hatte seit dem Beziehungsende keinen Sex mehr. Da war mir der Mindestabstand auch egal, Sex ist mir momentan wichtiger,“ sagt Franziska. Fragwürdig kann ihre Vorgehensweise allerdings auch im Hinblick auf ihren Job erscheinen. Nach eigenen Angaben habe die Lehrerin während der besagten Zeit vereinzelt die Notbetreuung von Kindern übernommen, deren Eltern in systemrelevanten Berufen tätig sind. „Ich habe immer genügend Abstand gehalten und gewissenhaft die Hygienevorschriften beachtet“, wirft Franziska ein.

So argumentiert ebenfalls Anne, die in einem Discounter im ständigen Kundenkontakt ist und täglich Lebensmittel verräumt. Sie erzählt, dass sie Ende März über Tinder den Kontakt zu einem potenziellen Partner hergestellt und sich über die App zunächst vier Wochen mit ihm geschrieben habe. „Er hat immer wieder nach einem Treffen gefragt und weil er in einer anderen Stadt wohnt, bin ich nach einigem Zögern in den Zug gestiegen, um ihn zu besuchen“, erklärt die 30-Jährige.

Beim ersten persönlichen Aufeinandertreffen am Bahnhof habe sie der ‚Fremde‘ direkt fest in seine Arme geschlossen, „eine Maske hat er dabei nicht getragen. Lediglich beim Einkaufen hält er einen Schal für ausreichend“, meint Anne. Auch sie schläft ohne Bedenken mit ihrem Tinder-Date, weitere Verabredungen und Nächte mit dem Mann folgen. Dazu Anne: „Man darf sich sowieso mit anderen treffen und mittlerweile kommt man ja auch beim essen gehen oder in Kneipen wieder in Kontakt mit Menschen.“

Zwiegespalten denkt der 32-jährige Christian über Rendezvous während einer weltweiten Pandemie. „Was meinen Beruf angeht, bin ich mir der großen Verantwortung vollkommen bewusst. Ich kümmere mich um Menschen, die zur Risikogruppe zählen und darf kein Leben gefährden“, betont der Altenpfleger. Aufgrund dessen weist Christian, wie eine Vielzahl anderer Tinder-Nutzer, im Profil darauf hin, dass er auf persönliche Treffen lieber erst einmal verzichten möchte. Doch auch bei ihm kam es bereits zu einer Ausnahme.

„Mit einem tollen Mädchen habe ich mich zum Wein trinken in der Karlsaue getroffen. Beiderseits haben wir auf Berührungen verzichtet und saßen zwei Meter entfernt voneinander“, erzählt Christian. Die Verabredung fand er wirklich schön, ein Wiedersehen werde derzeit eifrig über Tinder geplant. Auf die Frage, ob er weiterhin eisern die körperliche Distanz zu seiner Angebeteten wahrt, auch wenn sich die beiden emotional immer näher kommen, antwortet Christian allerdings: „Wenn ich die Chance dazu bekommen sollte, würde ich wahrscheinlich mit ihr ins Bett gehen.“

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