Überlebende erzählt: Vater riskierte Leben für ihre Puppe

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Gisela Dinger berichtet, wie sie die Bomennacht überlebte.

Gisela Dehne war sieben Jahre alt, als am 22. Oktober Bomben über die Stadt fielen. Ihr Vater riskierte sein Leben, um seiner Tochter ihre Puppe Hannelore zu bringen.

Kassel.  Das Gelände an der Hasserodtstraße in Kirchditmold war im Jahr 1943 alles andere als dicht bebaut. Gisela Dehne ist sieben Jahre alt, der Weg zur Schule nach Kirchditmold führt sie über weites freies Feld. Und dennoch bedeutet in den Kriegstagen jeder Fliegeralarm Gefahr: Denn nicht weit entfernt von ihrem Elternhaus ist das Ausbesserungswerk der Bahn, führt die Bahnstrecke entlang, gibt es eine Flakbatterie – wichtige strategische Ziele für die alliierten Bomberverbände. Am Abend dieses 22. Oktober gibt es wieder Alarm. Die Siebenjährige geht mit ihren Eltern Martha und Eduard in den Luftschutzraum des Hauses, das die Dehnes 1937 gebaut haben. Zwar gibt es in der weiteren Umgebung einen richtigen Luftschutzbunker – aber der befindet sich irgendwo zwischen den drei Brücken, der Weg dahin ist weit. „Und manchmal,“ erinnert sich die heute 82-jährige, „kam der Alarm zu spät, da fielen dann gleich die Bomben.“ Ein kompletter Luftschutzraum-Verweigerer ist ihr Opa mütterlicherseits, der über 80-jährig mit im Haus wohnt. „Ich habe mich Gott befohlen,“ meint er, bleibt in seinem Zimmer und legt sich aufs Bett.

Vater riskiert Leben für Puppe Hannelore

Als die Bomben fallen, da merkt Gisela in dem mit zwei Feldbetten ausgestatteten Kellerraum, dass ein wichtiger Begleiter nicht mit im Keller ist. Die Schildkröten-Puppe, die den Namen „Hannelore“ trägt, fehlt als Seelentröster. Gisela weint heftig – Vater Eduard macht sich trotz der Detonationen, die auch im Keller zu hören und zu spüren sind, auf den Weg. Er findet die Puppe und geht zurück – da lässt der Luftdruck einer gewaltigen Detonation die Fensterscheiben splittern, fegt den Vater die Treppe hinunter. „Er hat sich zum Glück nichts getan und ich hatte meine Puppe.“ Als der Bombenhagel vorbei ist, sieht man, was der Angriff angerichtet hat: Kassel brennt – und auch in der Nachbarschaft hat es ein paar Häuser erwischt. Am eigenen Haus ist kein großer Schaden entstanden – noch heute wohnt Gisela, die heute Dinger mit Nachnamen heißt und deren Enkel Derek in der nächsten Saison für die Kassel Huskies antreten wird, in dem Gebäude.

Sorge um Oma und Tante

Schaden nimmt an diesem Abend nur der Opa, der nicht mit im Keller war: Ihm war eine Ikone vom Regal auf die Nase gefallen, die Blutungen erwiesen sich als harmlos. Dennoch waren ihre Eltern in Sorge: Denn am Fasanenhof, in der Lenaustraße, lebten Mutter und Schwester ihres Vaters. Eduard Dehne und seine Tochter fahren am nächsten Morgen mit dem Fahrrad los, wollen schauen, ob die beiden den Angriff überstanden haben. Sie müssen durch die Innenstadt. „Da stand nichts mehr,“ hat sie noch heute die Bilder vor Augen. An der Lutherkirche liegen die Leichen, teils verbrannt, aufgereiht. Man ahnt Schlimmes. Und angekommen in der Lenaustraße wird die Ahnung zur bedrückenden Sorge. Das Haus, in dem die beiden Frauen wohnen, ist komplett zerstört, der Keller verschüttet. Tausende sind in dieser Nacht in Kellern verschüttet worden, die meisten sind erstickt, von Trümmern erschlagen worden. Doch Familie Dehne hat in dieser Nacht unwahrscheinliches Glück: Beide Frauen werden lebend geborgen. Das Haus in der Hasserodtstraße übersteht den Krieg beinahe unversehrt: Lediglich Risse in den Giebelwänden sind zu reparieren. Und auch Hannelore, der Seelentröster, kommt im Krieg nicht zu Schaden. Heute steht die Puppe, mitsamt dem dazu gehörigen Kinderwagen, im Büro von Gisela Dingers Tochter Cornelia in Göttingen.

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