Unterricht im Regelbetrieb? Grundschüler sollen für zwei Wochen normal lernen

„Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte erden als Versuchskaninchen missbraucht, an denen man testet, ob die Infektionsrate durch einen normalen Schulbetrieb steigt", kritisiert auch der deutsche Lehrerverband.
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„Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte erden als Versuchskaninchen missbraucht, an denen man testet, ob die Infektionsrate durch einen normalen Schulbetrieb steigt", kritisiert auch der deutsche Lehrerverband.

Zurück zum Regelbetrieb in den Grundschulen? Wenn es nach dem Hessischen Kultusministerium geht schon. Doch Lehrerverband, Gewerkschaft und Grundschullehrer äußern ihre Bedenken.

Kassel. Und wieder alles anders. Wie Ministerpräsident Volker Bouffier und Kultusminister Alexander Lorz vergangenen Mittwoch in einer Pressekonferenz mitgeteilt haben, plant das Kultusministerium für den 22. Juni für die Grundschulen die Rückkehr zu einem Regelbetrieb. Kultusminister Lorz will dafür die individuelle Abstandswahrung (1,50 Meter) durch ein Konzept ersetzen, wonach konstante (Lern-)Gruppen gebildet und durch deren Trennung Durchmischungen vermieden werden sollen. Birgit Koch, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissen (GEW) Hessen erklärt dazu: „Die Schulen haben auf der Grundlage der Vorgaben des Erlasses vom 7. Mai intensive Planungen bis zum Ende des Schuljahres vorgenommen und mit allen Beteiligten besprochen. Der Erlass enthält ausdrücklich die Aussage, dass die organisatorischen und hygienischen Vorgaben im Präsenzunterricht an den Grundschulen bis zu den Sommerferien Bestand haben.“

Grundschullehrerin Christiane Stock (li. im Bild mit Katja Groh von der GEW) über den erneuten Schnellschuss des Ministerium: „Es müssen jetzt zum vierten Mal in 6 Wochen neue Pläne erstellt werden.“

Die GEW weist darauf hin, dass die Kinder der ersten, zweiten und dritten Klasse erst seit dem 2. Juni wieder die Schulen betreten dürfen. Die Lehrer bemühen sich seitdem mit größtem Einsatz, Kinder mit den Abstandsregeln vertraut zu machen und auf deren Einhaltung zu achten.“ Wir sprachen mit Christiane Stock, Grundschullehrerin in Kassel und GEW-Bezirksverband Nordhessen für die Grundschulen zuständig.

Frau Stock, seit dem 2. Juni dürfen nun auch die Schüler der 1. Bis 3. Klasse in die Grundschulen – unter der Einhaltung der Abstand- und Hygieneregeln. Ab dem 22. Juni sollen alle gepredigten Regeln nun hinfällig sein und laut Kultusministerium zwei Wochen vor dem Beginn der Sommerferien zum Regelbetrieb zurück. Was macht das für einen Sinn? Wie so oft bei diesem Thema muss man zwei Seiten sehen. Bei vielen Eltern wird sicherlich Erleichterung vorherrschen, weil sich das Betreuungsproblem deutlich verringert, wenn die Kinder wieder täglich in der Schule sind. Aus schulischer Sicht macht diese Maßnahme keinerlei Sinn. Es müssen jetzt wieder innerhalb weniger Tage neue Personal- und Raumpläne erstellt werden. Wieder sind die Bedingungen völlig auf den Kopf gestellt.

Die Grundschulkinder, mit denen die Lehrkräfte nun in mühevoller täglicher Arbeit die Hygieneregeln eingeübt haben, müssen nun noch eine Woche genau das einhalten. Danach sind fast alle Einschränkungen aufgehoben. Wie sollen Lehrkräfte das den Kindern vermitteln? Manche Eltern haben leider auch die Vorstellung, die Lehrkräfte könnten nun in diesen wenigen Schultagen die nicht behandelten Unterrichtsinhalte sozusagen nonstop vermitteln. So funktioniert Lernen nun einmal nicht. Zudem müssen die Lehrkräfte den Kindern erst einmal dabei helfen, sich in dieser neuerlich veränderten Situation zurecht zu finden.

Wie wirkt sich das Hin und Her auf die Kinder aus? Gerade die jüngeren Schüler wollen doch sicher miteinander spielen und suchen nach der langen Zeit ohne Spielfreunde Kontakt. Die Kinder haben sich natürlich auf die Schule gefreut. Diese Freude wurde aber durch die strikten Hygieneregeln (häufiges, zeitraubendes Händewaschen, Tragen von Atemschutzmasken, Beachten von Abstandsregeln) stark getrübt. „Miteinander spielen“ gab es so nicht, es war und ist ein „Auf -Abstand-spielen“, das heißt die üblichen Pausenspiele wie Fußball, Fangen etc. sind gar nicht möglich. Ein Kind aus einer Wiesbadener Grundschule hat es sehr schön auf den Punkt gebracht, indem es meinte, sie würden wie Ölgötzen auf dem Schulhof stehen. Wir sind im Moment ja auch noch gehalten, die Lerngruppen möglichst klein zu halten. Die Kinder sehen also nicht unbedingt ihre Freunde und Freundinnen. Auch die Pausenorte mussten ja so eingeteilt werden, dass die einzelnen Kleingruppen nicht aufeinander treffen. Wenn nun ein Gruppe das Pech hat keinen Bereich mit Spielgeräten für die Pausennutzung zu bekommen, können Sie sich sicher vorstellen, dass es oft sehr langweilig wird. Erneut kritisiert die GEW Hessen, dass diese Entscheidung ein Schnellschuss ist und auf den Rücken der Schulleitung ausgetragen wird, die die Pläne neu konzipieren müssen und dabei mehr oder minder allein gelassen werden.

Wie viel Aufwand und Mühe steckt hinter den kurzfristigen Planumsetzungen? Es ist Außenstehenden oft tatsächlich schwer zu vermitteln, wie viel Arbeit in der Organisation des Wiedereinstiegs lag und liegt. Auch wenn nun verschiedene Regelungen hinfällig sind, sollen die Lerngruppen unter sich bleiben und möglichst keinen Kontakt zu anderen haben. Das zu regeln überlässt das HKM wieder großzügig den Schulleitungen und Kollegien, die jetzt schon völlig überlastet sind. Viele Schulleitungen gehören selbst zur Risikogruppe, arbeiten aber seit Wochen ebenso ohne Pausen wie die Lehrkräfte, die sich in Präsenzunterricht und digitalen Unterricht aufteilen müssen. Es müssen jetzt zum vierten Mal in 6 Wochen neue Pläne erstellt werden, wieder mit geänderten Risikogruppen, wieder unter Berechnung aller verschiedenen Unterrichtsverpflichtungen der Lehrkräfte und mit den nicht durchdachten Vorgaben. So sollen die Jahrgänge 1+2 vier Zeitstunden unterrichte werden, die Jahrgänge 3+4 fünf. Warum war es nicht möglich für die Jahrgänge eine entsprechende Anzahl an Unterrichtsstunden, die ja 45 Minuten dauern, festzulegen? Für die Schulleitungen bedeutet das eine völlig unnötige Mehrbelastung für die Umrechnung dieser Zeitmodelle. Das ist nur ein Punkt von vielen. Leider müssen wir auch hier wieder konstatieren, dass der Kultusminister seiner Fürsorgepflicht in keiner Weise nachkommt.

„Grundschüler als Versuchskaninchen“: Das sagt der deutsche Lehrerverband

Kassel. „Der Wegfall jeglicher Abstandsregeln ist gerade für Lehrkräfte, die selbst zur Risikogruppe gehören oder mit Personen der Risikogruppe im Haushalt leben, beängstigend. Denn von Maßnahmen, die den Lehrkräften zum Schutz vor einer Infektion bereitgestellt werden, ist nichts zu sehen bisher“, sagt die Landesvorsitzende Annabel Fee des Deutschen Lehrerverbands Hessen (dlh). Die Rede sei aktuell nur von einem kompletten Hochfahren des Präsenzunterrichts in den beiden Wochen vor den Sommerferien. „Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte erden als Versuchskaninchen missbraucht, an denen man testet, ob die Infektionsrate durch einen normalen Schulbetrieb steigt. Nur weil irgendein Virologe meint, dass Kinder weniger infektiös sind. Bewiesen ist diese Vermutung nicht. Wünschenswert wäre es gewesen, wenn es einen klaren Schnitt gegeben hätte, und der Vollbetrieb erst nach den Sommerferien und einer weiteren Beobachtung der Pandemie-Entwicklung erfolgt wäre“, erläutert Fee weiter. Generell moniert der dlh auch aufs Schärfste, dass die schulischen Neuerungen der vergangenen Wochen seitens der Landesregierung und des Kultusministeriums stets ohne Einbezug der Lehrkräfte und Schulleitungen erfolgten. Prinzipiell erfuhren die Betroffenen aus der Presse und teilweise durch die Eltern der Schüler von Entwicklungen im Schulbetrieb.

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