Wie viel ist Pflege wert? Vater braucht 24-Stunden-Betreuung, doch die Krankenkasse kürzt um 100 Euro

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Jan Klimke ist verzweifelt. Seit zwei Jahren erhält er Unterstützung von einem kompetenten Intensivpflegedienst, der sich 24 Stunden um seinen Vater Alfred kümmert, doch nun kürzte die Krankenkasse den Stundensatz. So ist ein wirtschaftliches Arbeiten für den Pflegedienst kaum möglich.

Vor zwei Jahren fand Jan Klimke endlich einen vertrauenswürdigen und kompetenten Pflegedienst, der sich 24 Stunden um seinen kranken Vater kümmert. Doch nun kürzte die Krankenkasse den Satz, sodass der Pflegedienst nicht mehr wirtschaftlich arbeiten kann und die Familie draufzahlt. Muss der 80-jährige Vater nun ins Heim?

Dörnhagen. 50 Jahre lang hat Alfred Klimke gearbeitet, war nie krank und eigenständig. Bis bei dem fast 80-Jährigen aus Dörnhagen 2010 ein nicht operabler Gehirntumor festgestellt wird. Die Chemotherapien übersteht er gut, er wurde wieder relativ fit – bis er 2012 einen Hirninfarkt erleidet. „Ab da war alles anders“, erzählt sein Sohn Jan Klimke, der sich von Anfang an gemeinsam mit Mutter, Schwester und Pflegedienst um seinen nun per Luftröhrenschnitt beatmeten Vater gekümmert hat. „Die Grundpflege aus waschen, füttern und ähnlichem leisten wir. Alles, was wir nicht leisten können übernimmt ein Pflegedienst“, sagt der 53-Jährige. Vor zwei Jahren folgt ein weiterer Schicksalsschlag: die Tochter von Alfred und Schwester von Jan Klimke erkrankt selbst schwer und verstirbt. Seit 2015 erhält Alfred Klimke eine 24-Stunden-Betreuung durch eine intensivmedizinisch erfahrene Fachkraft. Dass diese Form der Betreuung notwendig ist, bestätigt auch ein Gutachten des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) aus dem Oktober 2019.

Kürzung des Satzes: Für Pflegedienst kaum machbar

Seit 28 Monaten können die Klimkes auf ihren Intensivpflegedienst aus Vellmar vertrauen. „Es ist ein Traum, wenn man so ein eingespieltes Team findet. Das Personal ist konstant, die Pflegefachkräfte kennen meinen Vater und umgekehrt. Das ist in Zeiten von Fachkräftemangel keine Alltäglichkeit“, so Klimke. Doch nach fünf Jahren kürzt die Krankenkasse BKK Herkules nun den Stundensatz für die häusliche Krankenpflege von anfänglich 31,50 auf 27,96 Euro, da „der auf die Stunde gerechnete Anteil für die nicht mehr durch Ihren Pflegedienst erbrachte Grundpflege“ abgezogen wird. „Das sind knapp vier Euro weniger – pro Stunde. Also fast 100 Euro am Tag, die dem Intensivpflegedienst fehlen“, ist Jan Klimke enttäuscht. Und auch der Geschäftsführer des Dienstes äußert sich unserer Zeitung gegenüber verständnislos: „Einige Krankenkassen zahlen 33 bis 35 Euro Stundensatz für eine 24-Stunden-Betreuung. Unter 31 Euro ist die Pflege von Herrn Klimke für uns kaum machbar. Unsere Fachkräfte sind top ausgebildet, arbeiten rund um die Uhr und müssen auch vernünftig bezahlt werden. Sonst können wir unseren eigenen Qualitätsansprüchen nicht gerecht werden: den vertrauensvollen Umgang mit den Menschen, die wir zu betreuen haben. Es kann nicht sein, dass bei der Arbeit mit und an Menschen so gespart wird.“

Der Pflegedienst und auch Familie Klimke hat versucht mit der Krankenkasse zu sprechen, traf sich mit dem zuständigen Sachbearbeiter, im März war dieser sogar bei den Klimkes zuhause. Ein Gespräch am runden Tisch sei jedoch nicht möglich gewesen. Aufgrund der Kürzung hat der Pflegedienst den Versorgungsvertrag für Alfred Klimke kürzlich gekündigt, die Krankenkasse hat dieser Kündigung jedoch widersprochen. Der Pflegedienst und der zuständige Krankenkassen-Sachbearbeiter verständigen sich nur noch über einen Rechtsanwalt, die Klimkes aufgrund von verschwundenen Emails nur noch über Einschreiben. „Sollte der Pflegedienst wider Erwarten die Versorgung einstellen, wäre die Sicherstellung der Versorgung Herrn Klimkes durch eine stationäre Pflegeeinrichtung angezeigt“ heißt es im letzten Schreiben der BKK Herkules. „Meine Eltern sind 58 Jahre verheiratet und haben sich zu Lebzeiten versprochen, dass keiner von ihnen ins Heim muss. Meinem Vater geht es hier am besten. Er kennt das eingespielte Team des Pflegedienstes, wir arbeiten hier Hand in Hand. Es kann doch nicht sein, dass er ins Heim muss, weil es nicht möglich ist, Pflegefachkräfte vernünftig zu entlohnen“, zweifelt Jan Klimke.

EXTRA INFO: Das sagt die BKK Herkules

Stephan Huhn, Vorstand der BKK Herkules, auf unsere Fragen, wieso der Stundensatz so niedrig angesetzt ist, ob man als Krankenkasse nicht ein Zeichen setzen und Pflegende für ihren Einsatz am Menschen wertschätzend entlohnen sollte und wie man eine zufriedenstellende Lösung für Krankenkasse und Versichterte finden kann: „Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass ich Ihnen aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Auskunft geben darf. Ich darf Ihre Fragen daher im Einzelfall nicht beantworten und kann deshalb nur allgemeine Aussagen geben. Zwischen den gesetzlichen Krankenkassen und den Anbietern von häuslicher Krankenpflege werden die Stundensätze für Intensivpflegepatienten im Einzelfall verhandelt. Wie hoch die Stundensätze bei den verschiedenen Krankenkassen sind, ist uns nicht bekannt, da die Vereinbarungen dem Vertragsgeheimnis unterliegen. Intensivpflege im häuslichen Bereich bindet sehr hohe Pflegekapazitäten und oft werden die Patienten medizinisch nicht optimal versorgt. Das Problem hat das Bundesministerium für Gesundheit erkannt und will mit dem Intensivpflege- und Rehabilitationsstärkungsgesetz die Versorgung von Intensiv-Pflegebedürftigen verbessern. Wir befürworten diese Neuregelung ausdrücklich."

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