Virtueller Gang durch die erste documenta in Kassel

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Das Team der Kunsthochschule wagte sich an das Projekt mit Pioniercharakter: (v.li) Linda-Josephine Knop, Simon Großpietsch, Julia Marie Stolba, Deborah Ehlers und Desirèe Hennecke.

Hinterher war ja jeder dabei gewesen, gezählt wurden aber nur 130000 Besucher bei der ersten documenta im Jahr 1955. Dank der Arbeit Kasseler Kunstwissenschaftler können nun alle die von Arnold Bodes kuratierte Ausstellung im Nachkriegs-Fridericianum erleben.

Kassel. Sommer 1955 in Kassel: Käfer tuckern durch die Kasseler Innenstadt, denen man die drastischen Folgen des Krieges noch ansieht. Doch der Wiederaufbau geht zügig voran: Zwei Jahre zuvor war die Treppenstraße fertig gestellt worden, jetzt folgen die Eröffnungen der Hotels Hessenland und Schlosshotel, Bürger beziehen ihre Häuser in der neuen Siedlung im Auefeld. Und die Kassel-Besucher (2,8 Millionen wurden gezählt) schweben freudig mit der Gondelbahn von der Schönen Aussicht über den Hirschgraben hinweg ins Gelände der Bundesgartenschau.

Genau in dieses Jahr wird der Besucher in einer Ausstellung in der Kasseler Bank am Ständeplatz dank VR-Brille („Virtuelle Realität“) zurückgebeamt. Denn 1955 rief Arnold Bode die Kunstinteressierten zur ersten documenta ins Fridericianum. Und die Kunstwissenschaftler der Kunsthochschule Kassel machen dank interdisziplinärer Zusammenarbeit mit den Software-Spezialisten der Uni eine besondere Zeitreise in die Ausstellung möglich. In monatelanger Recherche-arbeit wurden Kataloge, Aufnahmen und Künstlerlisten gesichtet, nach Abbildungen von Gemälden gesucht und Hängungen oder Wandfarben rekonstruiert.

Arnold Bode drehte die Bilder falschrum

Martin Schmitt (Vorstandsvorsitzender der Kasseler Bank), Kunstwissenschaftler Prof. Dr. Kai-Uwe Hemken und Simon-Lennert Raesch (Engineering Research Group der Universität Kassel) präsentieren den virtuellen Spaziergang durch die erste documenta.

Kein einfaches Unterfangen, trotz der Unterstützung des documenta-Archivs: „Von dem großen Malereiraum kenne ich nur eine einzige Farbabbildung“, berichtet Simon Großpietsch vom sechsköpfigen Projektteam der Uni. „Und Arnold Bode hat während der Ausstellung die Bilder mehrmals umgehängt wie unsere Recherchen ergaben“, verrät er. „Er hat sogar Bilder um 180 Grad gedreht“, gibt Linda-Josephine Knop einen Einblick auf das eigenwillige Wirken des Künstlers und Kurators.

So gut die Recherche auf der ganzen Welt auch war: Drei Werke waren für die Kunstwissenschaftler nicht ermittelbar – sie waren weder auf alten Abbildungen zu finden noch in Künstlerlisten katalogisiert. „Bei vielen anderen Dingen, wie zum Beispiel der Farbfelder an den Wänden, dürfen wir nun sagen: Die hätten so gewesen sein können.“ Man setzte nämlich jene Farben ein, die im Ausstellungskatalog als kartonierte Kapiteltrennblätter eingesetzt wurden und auch auf Flyern und Plakaten verwendet wurden. Das Ergebnis der Kleinarbeit ist eine virtuelle Reise durch das Fridericianum.

Die „Knieende“

Während für die Rekonstruktion von Gemälden Abbildungen oder Fotografien ausreichen, ist das technische Umsetzen von Skulpturen in virtuelle Realität weitaus schwerer. Trotzdem gelang eine brilliante Umsetzung der „Knieenden“. Die Skulptur von Wilhelm Lehmbrucks war von den Nazis in der Ausstellung „Entartete Kunst“ geächtet worden und von Arnold Bode als Zentrum der Ausstellung in der Halbrotunde des Fridericianums platziert worden. Dank der freundlichen Genehmigung des Lehmbruck-Museums und der Unterstützung der pointreef Gbr konnte man im virtuellen Rundgang eine bereits digital umgesetzte Version der Skulptur mit einbauen.

In der provisorisch instandgesetzte Weltkriegsruine des Museums Fridericianum am Friedrichsplatz verwirklicht der Kasseler Kunstprofessor und Gestalter Arnold Bode die erste documenta: Anhand von Abbildungen haben Kunstwissenschaftler und IT-Spezialisten einen virtuellen Rundgang erschaffen, der durch die vier wichtisten Ausstellungsräume führt.

 „Wir haben eine Arbeit gemacht, die in 62 Jahren niemand gemacht hat“, ist das Projektteam um Prof. Dr. Kai-Uwe Hemken stolz auf das Ergebnis. Und Simon-Lennert Raesch (Engineering Research Group Universität Kassel), der das Projekt mit Aon Farkas und Stefan Kreller am Computer umsetzte, freut sich, „dass wir eine Technik mit der wir uns schon lange im Entwicklerbereich beschäftigen, nun für die Anwender um- und einsetzen konnten.“ Ein absolutes Novum, wie Prof. Dr. Kai-Uwe Hemken unterstreicht: Wir sind das erste Institut, das diese Technik einsetzt – und werden sie in der Zukunft für Forschung, Lehre und Vermittlung einbauen.“

Die Kasseler Bank, die das Projekt finanziell unterstützte, zeigt bis zum 7. September (jeweils Dienstags und Donnerstags von 14 bis 18 Uhr) den documenta-Rundgang. Eine verbindliche Terminvereinbarung unter 0561/7893-0 ist erforderlich.

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