Den Tod weggewischt: Jochen Radtke ist Tatortreiniger

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Bei der Arbeit: Tatortreiniger Jochen Radtke putzt da, wo andere Menschen gestorben sind. Foto: Privat

Kein Job für Zartbesaitete: Zierenberger Jochen Radtke berichtet von seiner ungewöhnlichen Arbeit. Er kommt, wenn alle anderen gegangen sind.

Kassel. "Meine Arbeit fängt da an, wo sich andere vor Entsetzen übergeben." So beschreibt Tatortreiniger "Schotty", gespielt von Bjarne Mädel, in der gleichnamigen TV-Serie seinen Job. Im wahren Leben wischt Jochen Radtke aus Zierenberg den Tod weg und putzt da, wo andere Menschen gestorben sind. Er ist staatlich geprüfter Desinfektor und wohl der einzige zertifizierte  Tatortreiniger in Nordhessen.

Dabei kommt Jochen Radtke erst, wenn der Tote schon weg ist: "Ich bin immer als letzter vor Ort, treffe immer erst nach der Polizei ein", erzählt Radtke. Leichen bekommt er daher nicht zu sehen. Dass er am Tatort oftmals auf Verwandte oder Freunde des Verstorbenen trifft, ist dabei nicht ungewöhnlich: "Sie erzählen mir dann was passiert ist und was für ein Mensch da gerade gestorben ist. Vielen scheint das zu helfen, also gehört auch das zu meinem Job als Tatortreiniger."

Auch er redet viel über seinen ungewöhnlichen Putzjob, um das Erlebte zu verarbeiten. Diskretion gegenüber seinem Auftraggeber und der verstorbenen Person sowie deren Angehörigen sei ihm aber sehr wichtig, sagt er.Wann der nächste Auftrag kommt, kann er nie wissen, ebenso wenig wo er gebraucht wird. Daher ist der Reinigungsspezialist immer einsatzbereit, sein Sprinter mit den wichtigsten Utensilien startklar. Mit einem virendichten Schutzanzug, Handschuhen und Maske im Gepäck macht er sich dann schnellstmöglich auf dem Weg zum Tatort. "Wobei ‘Tatort’ nicht automatisch bedeutet, dass dort ein Verbrechen stattgefunden hat", sagt Jochen Radtke. "Oftmals handelt es sich um Arbeitsunfälle".Und diese haben es in sich: Sein erster Fall führte ihn in einen Papier-Recyclingbetrieb. Ein Mitarbeiter war in die Schreddermaschine geraten, seine Überreste wurden in der Papierpresse gefunden. "Das war schon harter Tobak, in diesem Moment muss man aber sachlich bleiben". Gar nicht so einfach wenn man Knochensplitter, Fleisch und Schädelfragmente beseitigen muss. "Das Emotionale drückt man während der Arbeit beiseite, das kommt erst hinterher. Nach manchen Fällen schläft man dann die darauffolgenden Nächte nicht ganz so gut." So wie nach der 30 Stunden Schicht in einer Windradanlage in 141 Metern Höhe – der bislang aufwendigste und härteste Fall des Tatortreinigers aus Zierenberg. "Es gab Stellen im Innern der Anlage, an die man unmöglich herankam . Also musste ich improvisieren und kam nach zwei Wochen mit selbsthergestelltem Spezialwerkzeug zurück".

Da man die Ausrüstung, die Jochen Radtke für seine Reinigungsarbeit benötigt, ohnehin in keinem Geschäft kaufen kann, stellt er sie einfach selbst her. Denn "mit einem gewöhnlichen Wischmopp, käme ich nicht weit". Sein Job ist also nichts für zartbesaitete und immer wieder eine Herausforderung. "Aber irgendjemand muss es ja machen", sagt Tatortreiniger Jochen Radtke "und das bin dann eben ich".

EXTRA INFO

Neben seiner Arbeit als Tatortreiniger bietet Jochen Radtke mit seiner Firma "think care" zudem eineVielzahl von weiteren Dienstleistungen an:- Grundreinigungen undSpezialreinigungen aller Art (z.B. in Kitas oder Firmen)- "Hygienecheck" in allen mögl. Praxen/Einrichtungen- Erstellen von Hygiene-, Reinigungs- und Desinfektionsplänen- Einweisung u. Schulung in Desinfektion und Reinigung- Geruchsbekämpfung (z.B. nach Brand, Modergerüche etc.) mit Ozonbehandlung- Schimmelpilzsanierungen

Spezialanforderungen:-Tatortreinigung, Entrümpelungen von "Messie"-Wohnungen inkl. Desinfektion- MRSA- Desinfektion in Wohnungen

Weitere Informationenund Kontakt:Email: info@think-care.deHomepage:www.think-care.de

Der Tatortreiniger

Desinfektionen sind bei diesem "Job" Pflicht. Deshalb muss ein "richtiger" Tatortreiniger nicht nur das Zertifikat hierfür besitzen, sondernauch mindestens eine Ausbildung zum staatlich geprüften Desinfektor haben. Eine zusätzliche medizinische Ausbildung (z.B. Rettungsassistent) ist sehr zu empfehlen.

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