Weltkulturerbe Bolzplatz? Kasseler Vereine wissen um die Bedeutung

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„Auf dem Bolzplatz geht es ums Zocken, nicht um Vorbereitung. Unmittelbaren Spaß statt lange Regeldiskussionen. Und vor allem geht es um die eigene Person, die mehr oder weniger zufällig  in eines der beiden Teams gewählt wird, und nicht um Gegnerschaft“, sagt Jannick Müller von den Kasseler „Streetbolzern“.

Das Deutsche Fußballmuseum will die Bolzplatzkultur des Ruhrgebiets in das Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes in NRW eintragen lassen. Auf Kassels Bolzplätzen kennt man die "Magie" dieser Orte.

Dortmund/Kassel. Das Deutsche Fußballmuseum in Dortmundwill die Bolzplatzkultur des Ruhrgebiets in das Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes in NRW eintragen lassen. Ein entsprechender Antrag wurde beim Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen gestellt. Das Deutsche Fußballmuseum wird bei seinem Vorhaben von Nationalspieler Mesut Özil unterstützt, der die Schirmherrschaft über die Initiative übernommen hat. „Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Kinder und Jugendliche auf unseren Bolzplätzen lernen, fair und unvoreingenommen miteinander umzugehen. Der Bolzplatzkick ist frei von Zwängen, jeder Spieler wird integriert und ist willkommen. Die Kids geben sich ihre eigenen Regeln und lernen spielerisch, dem anderen Respekt entgegenzubringen, Respekt gegenüber Menschen mit anderer Nationalität, anderer Hautfarbe oder anderem Glauben. “

 Die Kasseler „Streetbolzer“,die jüngst den Kasseler Bolzplätzen eine Ausstellung widmeten, unterstreichen Özils Worte – sind aber skeptisch, was das den Welterbe-Titel angeht: „Die Idee des Bolzplatzes ist denkbar einfach. Nimm einen Ball, ein paar Freunde und fang an, zu zocken. Egal wo, egal wie, fast auch egal womit. Hauptsache, alles ist rund und es geht los. Wir von Streetbolzer nutzen Bolzplätze nicht nur, um soziale Ungleichgewichte zu bekämpfen, sondern vernetzen mit Hilfe der Bolzplatz Kultur die Stadtteile Kassels und zahlreiche Jugendgruppen. Wir nutzen die Bolzplätze auch, um kulturelle, demokratische und medienkritische Bildung zu vermitteln. Zur Kultur der Bolzplätze gehört aber auch, dass Titel ebenso wenig von Bedeutung sind wie sozialer Status, Herkunft, Religion, Hautfarbe, Alter oder Geschlecht. Für Bolzplätze selbst ist die Vergabe des Titels als Weltkulturerbe daher nicht entscheidend. Das Erbe wird schon seit vielen Generationen gelebt, und zwar weltweit. Die Kommission in Paris ist herzlich eingeladen, aufzuwachen und zum Beispiel in Kassel vorbeizuschauen“, sagt Jannick Müller, sportlicher Leiter der Streetbolzer.

Auch Karsten Onderka vom Verein „Freestyle“ kennt die Magie der Bolzplätze: „Soziale Unterschiede, Nationalitäten, Hautfarbe oder Glaubensrichtungen spielen dort keine Rolle. Wo sonst häufig Spannungen und Konflikte in unserer Gesellschaft entstehen, es bei Fußballspielen zu gewalttätigen Ausschreitungen kommt, sind diese auf dem Bolzplatz nicht anzutreffen. Freestyle bietet Kindern und Jugendlichen mit sport- und erlebnispädagogischen Angeboten, die von ihnen selbst organisiert werden, auch Lösungswege für ihre individuellen Probleme an. Wir vermitteln soziale Kompetenzen wie Respekt, Toleranz, Fair-Play, aber auch, was angemessenes Benehmen, Disziplin und Pünktlichkeit bedeuten. All dies geschieht täglich auf unseren Bolzplätzen und in der Freestyle-Halle. Ohne Regeln, Respekt, Toleranz kann nicht gekickt werden. Konfliktlösungsmuster werden auf dem Bolzplatz spielerisch eingeübt, Kreativität im Spiel gefördert, Verantwortungsbewusstsein und Durchsetzungsvermögen erlernt, Teamgeist und Selbstorganisation entwickelt und positives Sozialverhalten eingeübt.“

Zu guter Letzt befragten wir Henning Beste vom Verein Dynamo Windrad, der alljährlich das „Bolzmasters“ auf den Waldauer Wiesen veranstaltet: „Grundsätzlich begrüßen wir die Idee, die Bolzplatzkultur zukünftig als Kulturerbe zu führen. Wir von Dynamo Windrad halten es für wichtig, dass Kinder- und Jugendliche außerhalb von Vereinsstrukturen selbst organisiert Fußball spielen. Auf dem Bolzplatz kann man sich sozialisieren, gleichgesinnte Menschen aus der Umgebung kennen lernen und viele Dinge für’s Leben lernen. Deshalb halten wir es für unbedingt notwendig, die bestehenden Bolzplätze zu erhalten und weitere zu schaffen.“

Alle interessierten Teams für das Bolzmasters am 16. Juni können sich übrigens ab sofort unter info@dynamo-windrad.de anmelden. Die Startgebühr für das Kleinfeldturnier beträgt 50 Euro.

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