Wenn nach Hass und Hetze Blut fließt

+

So wie wir in sozialen Netzwerken miteinander umgehen, wundert es nicht dass die Werte unserer Gesellschaft auch im realen Leben mit Füßen getreten werden. Ein Kommentar von EXTRA TIP-Redaktionsleiter Victor Deutsch.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – ich möchte sie an manchen Tagen am liebsten abschalten, diese „sozialen Netzwerke“. Denn zu unglaublich ist es, wenn der eigene Bekanntenkreis als Tatsachen getarnte Nachrichten aus dubiosen Quellen als Wahrheiten teilt. Wenn Kommentare verfasst werden, die beim Lesen ein unangenehmes Gefühl des Fremdschämens aufkommen lassen. So viel Dummheit, so viel Hass und Hetze!

Gefeuert wird gegen alles und jeden: Ausländer und SUV-Fahrer, Greta und Hundehalter. Fußballer werden übelst beschimpft, Politiker noch mehr.

Neulich war ausnahmsweise mal etwas sehr Schlaues zu lesen. Ein Hinweis. Man solle vor dem Posten eines Kommentars diesen doch zunächst mal seinen Freunden und Arbeitskollegen vorlesen, abends dann auch nochmal dem Partner und den Kindern. Die freiwillige Selbstkontrolle ist leider viel zu vielen abhanden gekommen.

Längst sind die Beleidigungen und Bedrohungen zum Straftatbestand geworden. Einer, der zu selten erfolgreich verfolgt wird. Wer will diesen Job im Netz auch machen, wo doch die Gerichte mit den Straftaten auf den Straßen kaum mehr hinterherkommen?

Nicht selten verbergen sich die Kommentierenden hinter anonymen Accounts. Aber immer häufiger steht da der Real-Name, Familienstatus und Arbeitsstelle. Und wenn es nach denen – also unseren Nachbarn, Sportkameraden und Kollegen – ginge, würden die Straßen mit Blut getränkt sein. Übertrieben? Nein, denn Zurückhaltung herrscht hier schon lange nicht mehr. Unsere so wichtigen Werte eines Miteinanders wurden längst beiseite gewischt. Die Würde, die mal so unantastbar sein sollte, wird in so vielfältiger Weise beschmutzt, dass es einem den Magen umdreht.

Und ja: Es gibt einen Zusammenhang zu den aktuellen Geschehnissen in Halle. Natürlich ist nicht jeder, der Andersglaubende und -denkende verbal angeht, ein verkappter Gewalttäter. Aber all diese Postings, Einträge und Falschmeldungen bereiten den Boden für derartige Taten. Als wäre es okay, den Finger an den Abzug zu legen, weil ja viele andere der gleichen Ansicht wären. Man muss tatsächlich nicht lange suchen, um selbst für so eine schreckliche Tat applaudierende Dummköpfe zu finden. Längst hat der scharfe Ton der asozialen Netzwerke seinen Weg auf die Straße gefunden.

Lassen wir nicht zu, dass es zu toten Hundehaltern, Radfahrern oder SUV-Nutzern kommt, weil irgendeiner den Mist aus dem Netz glaubt und meint, jetzt daraus eine blutige Mission machen zu müssen. Wenn auch noch nicht alles über den Täter und sein Motiv bekannt ist – eins wissen wir jetzt schon: Der Täter hat genau diese Anerkennung von vermeintlich Gleichdenkenden gesucht, als er seine Morde live ins Netz streamte. Stoppt diesen Wahnsinn, der Rassismus, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit vorantreibt!

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Polizei Nordhessen neu auf Instagram: Einblicke in die Polizeiarbeit

Das Polizeipräsidium Nordhessen hat sein Social-Media-Angebot erweitert und hat nun auch einen Instagram-Auftritt..
Polizei Nordhessen neu auf Instagram: Einblicke in die Polizeiarbeit

Wegen verlorenen Handys: Täter bedrohen Busfahrer mit Waffe

Offenbar wegen eines im Bus verlorenen Handys haben zwei Täter in der Nacht an einer Haltestelle an der Wolfhager Straße die Scheibe eines Busses eingeschlagen und …
Wegen verlorenen Handys: Täter bedrohen Busfahrer mit Waffe

Corona-Soforthilfe: 165.000 Euro gingen in die Region Nord-Ost-Hessen 

Insgesamt etwa 165.000 Euro aus dem Corona-Soforthilfe-Programm gingen in die Region Nord-Ost-Hessen.
Corona-Soforthilfe: 165.000 Euro gingen in die Region Nord-Ost-Hessen 

Niederzwehrener Märchentage 2020 abgesagt: Programm ins nächste Jahr verschoben

Die 9. Niederzwehrener Märchentage (NMT) sollten in diesem Jahr nach den Planungen des Lenkungskreises eigentlich vom 18. bis 27. September stattfinden.
Niederzwehrener Märchentage 2020 abgesagt: Programm ins nächste Jahr verschoben

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.