„Werden wie Ware von A nach B gebracht“: Junge Pflege in Baunatal muss schließen

Baunatal, Gertrudenstift
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Müssen wohl ihr Zuhause aufgeben: Tim Dörries und Jürgen Döring sind Bewohner der Jungen Pflege. Die Einrichtung ist erst vor vier Jahren eröffnet worden und ‚eine echte Perle‘.

Es war ein Schock für alle Beteiligten: die Junge Pflege des insolventen Gertrudenstifts in Baunatal soll Ende März geschlossen werden. Nicht bloß für die 35 Mitarbeiter ein herber Schlag – besonders für die 22 jungen teils schwerst behinderten Bewohner der gerade einmal vier Jahre alten Einrichtung bedeutet dies den Verlust ihres Zuhauses.

Baunatal Einer von den Bewohnern ist Jürgen Döring: „Es ist traurig, wie wir Bewohner hier einfach wie Ware von A nach B gebracht werden sollen.“ Der 57-Jährige zitiert aus der Bibel aus dem Matthäusevangelium Kapitel 25 Vers 40 „‚Und was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt Ihr mir getan‘... So hat es Jesus gesagt und in dieser Situation befinden wir uns auch. Wir als Randgruppe werden ausgeklammert und weggebracht. Wohin, das spielt für die Entscheider keine Rolle. Der kirchliche Träger S.E.L.K schließt das Wohnpflegeheim für behinderte Menschen ohne sich um den Fortbestand zu bemühen.“

Auch Gabriele Dörries und ihr Sohn Tim sind betroffen. Der 32-Jährige ist ebenfalls einer der Jungen Pflege-Bewohner. Er könne ja in ein Heim 50 Kilometer entfernt und ‚sich einen neuen Freundeskreis aufbauen‘. Dass die Angehörigen die Junge Pflege-Bewohner dann kaum mehr besuchen und unterstützen können, ist Nebensache, so der Eindruck der Betroffenen.

Die ‚Perle‘ des Gertrudenstifts in Baunatal: die Junge Pflege (links das Gebäude) wurde erst vor vier Jahren eröffnet.

In den vergangenen Jahren stand das Gertrudenstift öfter in der Kritik wegen mangelnder Versorgung und internen Querelen. „Doch das Team der Jungen Pflege ist mittlerweile super! Alle Mitarbeiter kümmern sich und sind motiviert. Es ist so traurig, dass nun alles aufgegeben soll. Dabei gebe es doch einen Investor, der die Einrichtung übernehmen würde“, erzählt Gabriele Dörris.

Dies wäre Christoph Jaworski von Ascleon Care gewesen. Auf Nachfrage bestätigt er uns, dass er gerne die Junge Pflege übernommen hätte, dies vom Insolvenzverwalter aber nicht gewünscht sei. Vermutlich solle der ganze Komplex veräußert werden – eine Stückelung scheint unerwünscht. Zudem sind die Räumlichkeiten der Jungen Pflege ‚die Perle‘ des Gertrudenstifts, mutmaßen die Bewohner.

Sie appellieren an alle, diese besondere Einrichtung zu erhalten. „Jedem in der Region Kassel sollte bewusst sein, dass man auf die Einrichtung vielleicht mal zugreifen muss, wenn einer der eigenen Liebsten durch einen schrecklichen Schicksalsschlag wie beispielsweise einen Autounfall körperlich schwerst behindert wird. Unsere Einrichtung wäre so wichtig für die Region. Jetzt soll alles geschlossen werden und wir müssen weg. Wir wurden aufgefordert uns innerhalb von nicht einmal sechs Wochen eine neue Pflegeeinrichtung und somit ein neues Zuhause zu suchen. Wie soll das funktionieren?“

Phase F-Pflege zu teuer und unwirtschaftlich

„Die Schließung der Phase F ist keine leichte Entscheidung und für die Bewohner*innen und deren Angehörige ein schwerer Einschnitt“, betonte der vorläufige Insolvenzverwalter Dr. Steffen Koch. „Die Junge Pflege kann aber unter den gegebenen Umständen nicht wirtschaftlich und vor allem auch nicht mit der erforderlichen Qualität weitergeführt werden.“

Die erst 2018 gegründete Einrichtung ist auf die Pflege und Betreuung von schwer pflegebedürftigen Menschen mit organisch bedingter Persönlichkeitsstörung spezialisiert (sog. Phase F-Patienten). Diese Art der Pflege ist deutlich aufwändiger als Altenpflege, sehr personalintensiv und mit hohen Kosten verbunden. In den letzten Monaten war es immer wieder zu Personalengpässen gekommen. Hinzu kam eine zu geringe Belegung: Von den 30 Pflegeplätzen waren zurzeit nur noch 22 Plätze belegt.

Das Altenpflegeheim des „Ev.-Luth. Gertrudenstift e.V“ kann den Betrieb im vorläufigen Insolvenzverfahren auch weiterhin in vollem Umfang fortsetzen, heißt es in einer Pressemitteilung von hww hermann wienberg wilhelm.

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