„Wir spritzen uns selbst kaputt!“ - Uni-Professorin warnt vor Glyphosat

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In den letzten Wochen immer noch auf den Feldern der Region zu sehen: Bauern, die mit der Feldspritze Unkrautvernichtungsmittel sprühen.

Giftiger Nebel: Immer mehr Bauern spritzen unter dem Druck möglichst hoher Erträge ohne Rücksicht. Ein ehemaliger Landwirt packt aus. Eine Uni-Professorin  warnt ebenfalls. 

Kassel. Die Feldspritze ist für Landwirte ein wichtiges und unersetzliches Arbeitsmittel. Oft dient sie dazu, Dünger für das schnelle Wachstum der Pflanzen auf dem Acker zu versprühen. Noch öfter wird sie aber mittlerweile eingesetzt, um Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat (Experten streiten über dessen mögliches Krebsrisiko) zu verspritzen, wie Henner K., ehemaliger Landwirt aus dem Landkreis Kassel, berichtet. Aus Angst, den Zorn vieler Bauern auf sich zu ziehen, möchte er seinen richtigen Namen nicht preisgeben. Er berichtet: „Der Druck, der auf den Bauern liegt, ist groß.“ Für einen bestmöglichen Ertrag müsse ein Feld mehrmals im Jahr bestellt werden. Und so werden auch Pflanzenschutzgifte fast das ganze Jahr über auf die Felder gesprüht. Das konnte man auch in den letzten Wochen in unserer Region sehen. Ende Oktober sah man noch überall Bauern mit ihren Traktoren und Feldspritzen auf den Feldern. Das Tückische daran: Bei der Aufbringung von Pestiziden (töten lästige oder schädliche Lebewesen ab) oder Herbiziden (vernichten Unkräuter) kann der feine Spritznebel vom Acker verweht werden und sich auf Nachbarflächen niederschlagen, z.B. in Gärten, auf Spielflächen, auf ökologisch angebautem Obst und Gemüse sowie auf Wildpflanzen, Teichen und Bächen. Folgen davon können Schäden im Ökosystem sowie Erkrankungen von Tieren und Menschen sein. Immer wieder melden sich beispielsweise bei der PAN Germany (Pestizid Aktions-Netzwerk e.V.) Menschen, die gesundheitliche Probleme durch verwehte Agrar-Gifte erlitten haben. Ihre Berichte sind oft erschütternd. Von den Behörden fühlen sich viele allein gelassen.

Betroffener berichtet von Erbrechen und Fieber

Rico D. aus Bad Emstal prangert das viele Spritzen ebenfalls an: „Als ich im Herbst mit meinem Hund im angrenzenden Wald spazieren ging, bemerkte ich, dass auf dem angrenzenden Feld ein Landwirt mit dem Sprühen anfing. Plötzlich stand ich im Nebel. Es roch komisch und mein Hund und ich bekamen Atemnot, Erbrechen, Schüttelfrost, Fieber und Durchfall. Der Arzt hat am nächsten Tag nur noch feststellen können, dass ich eine Lungenentzündung hatte. Dieses hat sich seitdem drei Mal wiederholt und ich war auch schon mehrmals im Krankenhaus deswegen. Seitdem ist meine Atmung und Leistungsfähigkeit eingeschränkt, aber nachweisen kann man das natürlich nicht.” Doch man könne am Beispiel des Ortes Mals (Südtirol) sehen, dass es auch anders geht: Es sei das einzige Dorf auf dieser Welt, das eine Volksabstimmung gemacht habe, um pestizidfrei zu bleiben. Seitdem werde jedes Gesetz drum herum geändert, um den Willen der Bürger von Mals und die Abstimmung für ungültig erklären zu können, damit niemand auf dieselbe Idee komme und die Firmen und Lobbyisten weiter ihr Geld mit dem Gift machen könnten.

Henner K. kennt ebenfalls viele Berichte von gesundheitlichen Beschwerden, die Betroffene erlitten haben, wenn sie in der Nähe von Feldern waren, die gerade besprüht wurden. „Deswegen war für mich auch klar, dass ich das nicht mehr machen kann. Ich hielt das einfach nicht mehr aus, wir spritzen uns doch nur selbst kaputt.“ Er prangert an: „Fragen Sie doch mal beispielsweise einen Kartoffelbauern, der an große Firmen wie Kartoffelchips-Produzenten liefert, ob er Kartoffeln auch von seinen Feldern isst. Ich kenne viele, die auf ihren Feldern sogenannte Wachstumsbegrenzer versprühen, damit die Kartoffeln bei der Ernte alle gleichgroß sind und sie sie auf diese Weise gut an die Industrie verkaufen können. Aber das Gift geht doch auch in die Kartoffel und so gelangt es später durch das Essen in den Menschen. Ich kenne einen Kartoffelbauern, der die Kartoffeln vom Feld zwar verkauft. Privat essen er und seine Familie aber nur Kartoffeln, die sie in einem kleinen Garten neben ihrem Haus gepflanzt haben."

Kreisbauernverband Kassel e.V. entwarnt: Kein Glyphosat

Auf Anfrage beim Kreisbauernverband Kassel, warum die Bauern derzeit noch so viel spritzen, berichtet Johannes Gerhold (Produktionstechnik): „Derzeit werden Mittel gegen Unkräuter eingesetzt.“ Dabei handele es sich aber nicht um das umstrittene Breitbandherbizid Glyphosat, sondern um Bodenherbizide. „Weil Unkräuter wie beispielsweise der Ackerfuchsschwanz so resistent sind, müssen sie bereits jetzt bekämpft werden.“ Die eingesetzten Mittel töteten aber nur störende Pflanzen am Boden ab und sollen keine Einwirkung im Boden haben. „Wenn man Glyphosat einsetzen würde, geht ja alles kaputt. Der Boden ist unser Kapital, der muss heilig für uns sein. Deswegen werden nur Bodenherbizide eingesetzt.“

Aktuell warnt auch Kasseler Pflanzenschutz-Wissenschaftlerin Prof. Dr. Maria Finckh vor den Risiken von Glyphosat:

"Es gibt viele offene Fragen, die dringend wissenschaftlich genauer untersucht werden müssen." Sie verweist dabei auf eine Auswertung von Studien, die sie gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus China und den USA vorgenommen hat.

Laut Finckh stellten einige der untersuchten Studien Zusammenhänge zwischen chronischem Botulismus bei Tieren und Glyphosat im Futter her. Grund sei, dass bestimmte schädliche, pathogene Mikroorganismen deutlich resistenter gegen Glyphosat seien als viele für Tiere und Pflanzen nützliche Organismen. „Das ist in den Studien alles sehr plausibel dargelegt und muss dringend genauer untersucht werden“, so Finckh. Auch eine Vielzahl von Pflanzenkrankheiten werde mit Glyphosat und seinen Effekten auf die Zusammensetzung der mikrobiellen Umwelt in und um die Wurzel in Zusammenhang gebracht. Die internationale Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Medizin, Mikrobiologie und Agrarwissenschaft wertete für die Meta-Studie rund 220 wissenschaftliche Untersuchungen aus, die in den letzten Jahren erschienen sind. Die Veröffentlichung fasst also Erkenntnisse über Auswirkungen des Herbizids Glyphosat und seines Abbauproduktes AMPA (aminomethylphosphonic acid) auf die Umwelt und die pflanzliche, tierische und menschliche Gesundheit zusammen. Die Meta-Studie von Finckh und ihren Ko-Autoren wurde vor wenigen Tagen im Fachmagazin Science of the Total Environment online veröffentlicht.

Mit Blick auf die untersuchten Studien forderte Finckh, auch der Zusammenhang zwischen dem Einsatz des Unkrautvernichters und möglichen Kreuzresistenzen bei Mikroorganismen gegen verschiedene Antibiotika-Klassen und Glyphosat müsse genauer untersucht werden, ebenso die Auswirkungen von Glyphosat und AMPA auf Neurotransmitter. Diese Botenstoffe sind für die Reizübertragung zwischen Nervenzellen zuständig. „Unsere Meta-Studie zeigt, auf, dass die erlaubten Rückstandswerte überarbeitet werden müssen“, betont Finckh. „Die erlaubten Rückstände berücksichtigen entweder nicht alle Wege, die zur Einwirkung des Pflanzenschutzmittels führen, oder sie beziehen in vielen Fällen die Risiken nicht ausreichend ein.“ Zudem gebe es Studien, die zeigten, dass Ernährung ohne Glyphosat-Rückstände zur Linderung oder gar zum Abklingen von Krankheiten führe, so Finckh. Die Lizenz für das umstrittene Mittel Glyphosat läuft Mitte Dezember 2017 aus. Vor wenigen Tagen hatte es im zuständigen EU-Gremium wieder keine Mehrheit für eine Verlängerung gegeben. Die EU-Kommission hatte mitgeteilt, dass sie einen Vermittlungsausschuss einberufen will, zur Debatte steht eine Verlängerung um zunächst fünf Jahre. Ein möglicher Sitzungstermin für den Vermittlungsausschuss ist der 22. November.

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