Mit Wischmob im Ballerland

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Kassel. Nicht nur für Nerds: Bis zum 1. Dezember zeigt sich die junge Computerspielszene beim Spielsalon in Kassel.

Kassel. Leichenteile und Blut kennt der Spieler klassischer Ego-Shooter, der sich mit Leidenschaft durch die dreidimensionalen Welten von "Counter-Strike" oder "Call of Duty" metzelt.  Dass es  auch Spaß machen kann, die Sauerei wegzumachen, zeigt das Spiel "Viscera Cleanup Detail".  Statt Pumpgun und Maschinenpistole stehen dem Spieler hier Wischmob und Hightech-Eingeweidefinder zur Verfügung,  mit denen er den Tatort reinigen darf.

Das Spiel des südafrikanischen Studios Runestorm ist eines von knapp  30 Computerspielen, die  im Rahmen des "Spielsalons" präsentiert werden. Bis Sonntag zeigen Studenten der Kunsthochschule und unabhängige Entwickler im Kunstverein und dem benachbarten Dock 4 ihre Arbeiten. Und die sind vor allem eins: Unkonventionell, kreativ und sehr persönlich. "Die Autorenspiele zeichnen sich durch eine  individuelle Handschrift aus und zeigen die Sicht des Gestalters auf die Welt", erklärt Prof. Dr. Thomas Meyer-Hermann, der  gemeinsam mit Prof. Joel Baumann, Leiter des Kasseler Kunstvereins, für die künstlerische Leitung zuständig ist.

Genre-Klischees vermeiden

Die in Kassel gezeigten Computerspiele vermeiden gängige Genre-Klischees – oder hinterfragen sie ironisch.  Lea Schönfelders Spiel "Perfect Woman" etwa stellt die stereotypen Frauenbilder der Medien infrage. Ähnlich einer Wii

muss der Spieler jene Posen  nachahmen, die eine Frau im Laufe ihres Lebens einnehmen muss – von der Mutter, bis zum Sexobjekt. Nicht weniger kritisch  ist ­­­"Unmanned" : Der Spieler muss das Leben eines amerikanischen Soldaten meistern. Ein Hin und Her zwischen morgendlicher Rasur, Flirten mit der Kameradin und Drohnenangriffen, das vor Augen führt, wie unpersönlich der moderne Krieg geworden ist. Doch es gibt auch Spaßspiele wie "Domenique Pampelmousse", in dem Knetfiguren Lieder singen, oder "Pong Invaders Reality", in dem der Spieler mittels realem Tischtennisschläger und -ball gegen die auf ein Milchglas projizierten Aliens antritt. ­

Der Spielsalon sei auch ein Statement gegen den Optimierungskult, so Prof. Joel Baumann.  "Der Markt ist übersättigt von glattgebügelten Standard-Produkten mit der immer gleichen Ästhetik. Wir wollen das Pixelige, das bewusst Unperfekte."

Keine Nischenkunst

Doch trotz aller Abgrenzung vom Mainstream: Als vom Markt abgegrenzte Szene freier Künstler sehen sich die Autorenspieler nicht. Das belegt nicht nur der Erfolg kleiner Independent-Firmen wie "Black Pants" aus Kassel, die dank kreativer Internet-Marketing-Strategien gut im Geschäft sind. Auch das altehrwürdige Fridericianum als Veranstaltungsort zeige, dass sich das Computerspiel als ernstzunehmende und selbstbewusste Kunstform etabliert hat. "Heute spielt doch jeder – von der Hausfrau bis zum Rentner. Die Zeiten, in der die Spiele ein Nischenprodukt waren, sind vorbei", so Prof. Dr. Thomas Meyer-Hermann.

+++ EXTRA INFO ++

Der "Spielsalon", das 2. Festival des Autorenspiels, findet vom 27. November bis 1. Dezember im Kunstverein (im Fridericianum) und dem Dock 4  (Eingang direkt hinter dem Fridericianum) statt. Eingerahmt wird die Ausstellung durch Vorträge, Workshops und Podiumsdiskussionen mit internationalen Referenten u.a. aus der Computerspielszene. Der Weinbergkrug ist mit einer Bar vertreten.Weitere Infos, das komplette Programm und Öffnungszeiten unter www.spielsalon.de

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